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StartseiteForschung aktuellDie eigenwilligen Flugrouten der Kraniche04.06.2015

Globales Kommunikationsnetz bei ZugvögelnDie eigenwilligen Flugrouten der Kraniche

Jetzt im Spätfrühjahr haben die Kraniche in Europa längst wieder ihr Sommerquartier bezogen. Das Winterquartier im Süden muss aber nicht zwangsläufig das vom Jahr davor gewesen sein. Diesem eigenwilligen Verhalten sind Forscher aus Estland auf der Spur und haben nun erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Von Michael Stang

Kraniche ziehen am Himmel an einem Halbmond vorbei (imago/photo2000)
Estnische Forscher vermuten ein globales Kommunikationsnetz bei Zugvögeln. (imago/photo2000)
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Tuuru küla im Westen Estlands. Hier beginnt der Nationalpark Matsalu, der für seinen Vogelreichtum bekannt ist. Auch Dutzende Kraniche brühten hier. Kalev Sepp genießt die untergehende Sonne. Es sei seit Wochen der erste schöne Tag, sagt der Professor von der Universität für Lebenswissenschaften in Tartu. Die hungrigen Mücken, die sich auf allen freien Körperstellen niederlassen, machen ihm wenig aus.

Kalev Sepp verfolgt seit 1999 mithilfe von kleinen Sendern die Flugrouten der estnischen Kraniche, die mehrere tausend Kilometer zurücklegen. Über die Jahre hinweg haben er und seine Kollegen drei Hauptrouten ausgemacht: die erste führt von Estland aus über Osteuropa,über die Ukraine und die Türkei, bis zum Zielort Äthiopien. Der zweite Kurs geht über Zentraleuropa nach Afrika und die dritte Route verläuft über Westeuropa."

"Ich liefere Details der einzelnen Landschaften, die die Vögel überfliegen. Dank der besenderten Kraniche haben wir mittlerweile präzise Angaben zu ihren Flugrouten. Dabei haben wir gelernt, dass es einige Tiere gibt, die ihre Flugroute im Laufe der Zeit ändern. Es gibt tatsächlich einzelne Tiere, die bereits alle drei Routen geflogen sind."

Die große Frage sei nun: Wie schaffen die Vögel das? Bisher ging man davon aus, dass ein Kranich, dessen Flügelspannweite bis zu 2,45 Meter betragen kann, immer mit derselben Gruppe fliegt - und auch stets dieselbe Strecke. Und zwar entweder, weil ihm die optimale Reiseroute genetisch einprogrammiert ist oder weil er sie im Lauf seines Lebens gelernt hat. Das eigenwillige Flugverhalten einiger Tiere lässt sich so aber nicht erklären, sagt Sepps Kollege Aivar Leito.

"Wir müssen umdenken und die neuen Daten der Flugrouten anders interpretieren. Es ist ja nicht so, dass die Tiere irgendwie irgendwo hin fliegen."

Soziale Kommunikation

Ein reines Hinterherfliegen, dass sich ein Tier also mal dieser, mal jener Gruppe anschließt und ihr einfach folgt, könne man ausschließen, betont Aivar Leito. Das belegten die Positionsdaten der besenderten Kraniche. Auch die These, dass die Vögel einfach solange suchen, bis sie eine passende Route gefunden haben, werde nicht von den Daten gestützt. Der estnische Forscher verfolgt nun einen anderen Ansatz.

"Es gibt ja die Erfahrungen der einzelnen Tiere und dann die der Gruppe. All diese Informationen nutzen diese Vögel zusammen als eine Art Netzwerk und erstellen daraus ihre Flugrouten. Wir wissen, dass Kraniche sehr sensibel hinsichtlich des Gruppenverhaltens sind. Und innerhalb der Gruppen tauschen sie Informationen aus."

Wie genau eine Gruppe von Kranichen letztlich ihren Kurs wählt, ist bislang allerdings völlig unklar. Entscheiden die Vögel im Kollektiv? Oder gibt es einen Leitvogel, der die Richtung vorgibt? Um Antworten zu finden, meint Kalev Sepp, gehe es jetzt vor allem darum, die verschiedenen Kommunikationswege der Kraniche zu klären.

"Ich glaube, dass der Austausch der Informationen eher über soziale Kommunikation passiert als über andere Wege wie die Gene. Vielleicht tauschen die Kraniche Informationen über Brutplätze und Flugstrecken aus, wenn sie sich an Sammelplätzen treffen. Zugespitzt formuliert: Vielleicht hört eine Gruppe dann, dass eine bestimmte Gegend ideal zum Brüten war, dass es dort genügend Futter gab und die Gruppe entscheidet dann, nächstes Jahr mal dort hinzufliegen."

Noch sind das allerdings nur Vermutungen. Ob die, für manche Experten sehr gewagte These vom globalen Informationsaustausch unter Kranichen Bestand haben wird, müssen weitere Daten ihrer Flugrouten zeigen.

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