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StartseiteLange NachtGlückloser Engel19.02.2011

Glückloser Engel

Eine Lange Nacht über Walter Benjamin

Um Aufschluss über die Gegenwart zu erhalten, soll Vergessenes erinnert und Vergangenes rekonstruiert werden. Entscheidend dabei werden Sprache und Bilder. Walter Benjamin ist ein Sprachmagier, der die Kunst beherrscht, seine Leser zu verführen - eine ganze Nacht lang.

Von Michael Opitz

Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Auf das "bucklicht Männlein" kommt Benjamin in der "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert" zu sprechen. Wer von diesem buckligen Gesellen angesehen wurde, der gab nicht Acht und ihm zerbrach etwas oder er fiel hin. "Ungeschickt lässt grüßen", kommentierte Benjamins Mutter diese Unachtsamkeit. Benjamin wurde vom "bucklicht Männlein" schärfer angesehen, als er sich selber sah. Die Erinnerungsbilder, die das Männlein gesammelt hat, wecken Benjamins Interesse. Denn er sucht für die "Berliner Kindheit", an der er im Exil schreibt, Bilder, die zu jener unwiederbringlich verlorenen Zeit gehören. Um Aufschluss über die Gegenwart zu erhalten, soll Vergessenes erinnert und Vergangenes rekonstruiert werden. Entscheidend dabei werden Sprache und Bilder. Benjamin ist ein Sprachmagier, der die Kunst beherrscht, seine Leser zu verführen. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler, der auch Schriftsteller war, dachte dichterisch, wie es Hannah Arendt nannte. Geboren 1892 in Berlin, musste er 1933 emigrieren. Auf der Flucht vor den Nazis beging er 1940 in auswegloser Situation im spanischen Grenzort Port Bou Selbstmord. Seine "Berliner Kindheit" blieb ebenso unvollendet wie das "Passagen-Werk", in dem er die Urgeschichte des 19. Jahrhunderts erzählen wollte. In die Passagen, diese Bauwerke aus Stahl und Glas, schickt Benjamin einen anderen Gesellen. Sein Flaneur wird zum Sammler, der jene unscheinbaren, vergessenen Dinge und Bilder einsammeln soll, die drohen, vergessen zu werden. Dem Vergessenen wie den Bruchstücken bemisst Benjamin enorme Bedeutung zu. Im Kleinsten sieht er jene Zusammenhänge vorgeprägt, die kennzeichnend sind für das Große. Eine "Lange Nacht" über Walter Benjamin, in der neben dem Wissenschaftler, Literaturkritiker und Rundfunkautor insbesondere der Schriftsteller Beachtung findet.

Auszug aus dem Manuskript:

"Wenn ich das Äußere wiedergeben soll, so müsste ich sagen, dass Benjamin etwas von einem Zauberer hatte, aber in einem sehr unmetaphorischen, sehr wörtlichen Sinn. Man hätte sich ihn gut mit einem sehr hohen Hut und mit einer Art von Zauberstock vorstellen können."

Theodor W. Adorno erinnert sich an seinen Freund, als wäre Walter Benjamin ein Magier gewesen. Wenn man es richtig bedenkt, dann stimmt dieser Vergleich sogar: Benjamin hatte etwas von einem Zauberer. Dass er keine umjubelten Auftritte in den berühmten Zirkusmanegen feierte, lag ganz einfach daran, dass er mit Worten zauberte. Er brauchte deshalb auch keinen Hut, nur seinen Füllfederhalter, der ihm als Zauberstab diente.

Geboren wurde Walter Benjamin 1892 in Berlin. Er wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf, in einem "Quartier der Besitzenden", wie er es später nannte. Für den Heranwachsenden waren Dienstpersonal und eine französische Gouvernante selbstverständlich. Ab 1902 besuchte Benjamin das Kaiser-Friedrich-Gymnasium am Savignyplatz. Drei Jahre später wechselte er aus gesundheitlichen Gründen in das Landerziehungsheim im thüringischen Haubinda, wo er mit den Ideen des Reformpädagogen Gustav Wyneken bekannt wurde. Im März 1912 legte Benjamin in Berlin die Reifeprüfung ab – mit einem eher durchschnittlichen Zeugnis. Schreiben: nicht genügend, Mathematik: genügend, Latein: gut, Deutsch: sehr gut.

Die Internationale Walter Benjamin Gesellschaftverfolgt den Zweck, Forschungen zu Leben und Werk Walter Benjamins zu unterstützen und zu diskutieren, die sich mit dem kreativen und visionären Potential seiner Werke und seiner wegweisenden Sicht der Moderne auseinandersetzen.

Walter Benjamins Archive
Bilder, Texte und Zeichen.
Hrsg v. Walter Benjamin Archiv.
2006 Suhrkamp

Von einer Sensation ist zu berichten: Das Walter Benjamin Archiv zeigt eine Fülle von großartigen, in weiten Teilen bisher unpublizierten und auch unbekannten Bildern und Dokumenten. Anlässlich einer Ausstellung in der Akademie der Künste, Berlin, wird, begleitet von einer internationalen Tagung und einer Vielzahl von Veranstaltungen, zum ersten Mal Benjamins Bild- und Dingkosmos der Öffentlichkeit vorgestellt.

Solche Orientierung an Bildern und Dokumenten, an der Materialität der Gegenstände entspricht auch seinem Werk, das seinerseits ein Reservoir von Texten, Kommentaren, Elementen des Alltags, der Kunst und des Traums ist. Viele dieser Elemente sind als Bausteine in sein "Passagen"-Projekt eingegangen, das die "Urgeschichte des 19. Jahrhunderts " erkundet. Darüber hinaus prägen Techniken des Sammelns und Archivierens die Arbeitsweise Walter Benjamins. Nachdem er aus Deutschland vertrieben worden war, schuf er die Voraussetzungen zur Rettung seiner, wie er sagte, "unendlich verzettelten Produktion ", indem er Manuskripte, Notizen und Druckbelege bei Freunden in aller Welt deponierte. Der reich illustrierte und kommentierte Band schließt erstmals Benjamins Archive auf: Notizhefte, in denen jeder Zentimeter genutzt wird; Register, Verzeichnisse und Karteien, die zugleich akribisch und kreativ geführt sind; Ansichtskarten, von ihm selbst kommentierte Fotoserien; eine Sammlung früher Worte und Sätze seines Sohnes Stefan, dessen Sprach- und Denkentwicklung Benjamin in Aufzeichnungen über Jahre verfolgte.


Jean-Michel Palmier
Walter Benjamin: Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein.
Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin.
Hrsg. v. Florent Perrier
2009 Suhrkamp

Jean-Michel Palmiers monumentale Studie über Walter Benjamin ist das Lebenswerk eines Gelehrten, der den zahlreichen Benjamin-Interpretationen nicht eine neue hinzufügt, sondern schlicht den Schlüssel zum Verständnis dieses enigmatischen Autors liefert.
Minutiös zeichnet Palmier den philosophischen, politischen und ästhetischen Denkweg Benjamins nach und beseitigt zahlreiche Missverständnisse und Klischees, etwa das des "marxistischen Rabbiners", der die Alternative zwischen historischem Materialismus und Theologie in ein unauflösliches Dilemma verwandelt. Vor allem aber schließt Palmier die Lücken einer oft simplifizierenden und immer wieder um dieselben Themen kreisenden Rezeption. Der Lumpensammler, der Engel und das "bucklicht Männlein" werden so zu Grundfiguren einer philosophischen Erzählung, die nicht hagiographisch, sondern systematisch die Komplexität von Benjamins Denken erschließt. Ein Standardwerk.


"Was an Benjamin so schwer zu verstehen war, ist, dass er, ohne ein Dichter zu sein, dichterisch dachte, und dass die Metapher daher für ihn das größte und geheimnisvollste Geschenk der Sprache sein musste, weil sie in der Übertragung es möglich macht, das Unsichtbare zu versinnlichen." Hannah Arendt

Text + Kritik.
Zeitschrift für Literatur.
H.31/32 Walter Benjamin
Herausgeber: Arnold, Heinz L.
2009 Edition Text und Kritik

Edition und Rezeption des Werkes von Walter Benjamin (1892-1940) waren in den 1970er und 1980er-Jahren Gegenstand heftiger Kontroversen. Dagegen zeigt sich die gegenwärtige Benjamin-Forschung um eine sachliche Rekontextualisierung von Werk und Autor bemüht. Zahlreiche Publikationen und nicht zuletzt die Einrichtung des Walter-Benjamin- Archivs in der Berliner Akademie der Künste belegen die große Bedeutung von Benjamin für die literarische Öffentlichkeit. Das Heft führt in zentrale Themen und ästhetische Praktiken des Werks ein und reflektiert dabei den gegenwärtigen Stand der Benjamin- Forschung. Darüber hinaus wird die Aufmerksamkeit auf bisher weniger beachtete Aspekte von Biografie und Werk gelenkt, etwa auf den konkreten Kontext von Benjamins Autorschaft und auf das Paradigma des Archivs.

Jessica Nitsche
Walter Benjamins Gebrauch der Fotografie
Kaleidogramme Bd.63
2011 Kulturverlag Kadmos

Walter Benjamin hat die Fotografie neu gedacht und Fotografien auf besondere Art und Weise rezipiert. Seine Position zeichnet aus, dass er Fragen nach Wahrnehmungsweisen und deren Veränderbarkeit ins Spiel bringt und den Mediendiskurs damit signifikant erweitert hat. Benjamins »Geschichten der Fotografie« sind versprengte, sie gehen sowohl als Horrorszenario im Fotoatelier um 1900, als Rezensionen zeitgenössischer Bildbände wie auch als Auseinandersetzung mit den um 1930 aktuellen Diskursen in sein Werk ein. Diese verschiedenen und selten widerspruchsfreien Einsätze des Mediums, die dieses Buch erst malig in ihrem ganzen Umfang vorstellt, ergeben in ihrer Anordnung und Überlagerung ein Bild von Benjamins »Gebrauch der Fotografie«. Anhand zahlreicher konkreter Lektüren wird dargelegt, wie sich die Fotografie bei Benjamin zu einem Medium entwickelt, das sich in die Wahrnehmungsräume einträgt, die er literarisch konstruiert. Es wird der Bewegung nachgespürt, wie Fotografien in seine Schriften einkehren, um sich nach und nach in fotografische Strukturen, einverleibte Optiken umzukehren. Auf diese Weise deckt die Studie auf, wie die Fotografie Benjamins literarische Arbeit mitstrukturiert und wie das Fotografische schließlich zu einer theoretischen Apparatur wird, die die Gegenwartsbezogenheit seiner geschichtsphilosophischen Konstruktion ins Bild setzt.

Benjamins Abschiedsbrief aus Port-Bou vom 25.9.1940

Auszug aus dem Manuskript:

1994 wurde in Portbou ein Denkmal des israelischen Künstlers Dani Karavan für Walter Benjamin eingeweiht. Der begehbare Gedenkort mit dem Titel "Passagen" erinnert an eines der zentralen Werke Benjamins. Zugleich verweist das Wort Passage aber auch auf die Schiffspassage und damit auf Benjamins gescheiterte Flucht in die USA. Für Dani Karavan ist der Friedhof von Portbou ein wichtiger Ort des Erinnerns:

"Auf dem Friedhof habe ich verstanden, dass an der Stelle, wo Benjamin ruht – und niemand weiß genau wo auf dem Friedhof -, dass nur dort der Ort sein kann, um sein Andenken aufzuzeigen, wie auch seine Tragödie [...]. Das Geräusch der Züge, von dem großen Grenzbahnhof her, wie das Geräusch der Deportation zu den Lagern. Der Tod, die Grenze, die Hoffnung; ich hatte keine andere Wahl, ich hatte gar keine Wahl, alles wurde mir diktiert. Ich wusste, dass der Platz für die Hommage in der Nähe des kleinen Friedhofs von Portbou sein musste. Und dann plötzlich beschert mir die Natur ein erstaunliches, bewegendes Schauspiel, einen Strudel, der aus dem Meer zwischen den Felsen brandet. Das Wasser strudelt, fällt tobend in die Tiefe, springt mit Getöse wieder hoch, dann Ruhe, Stille, Frieden. Und von Neuem wiederholt sich dieses erstaunliche Schauspiel wie das Schlagen eines wunden Herzens. Und die Wogen schlagen an die Felsen, wie man sich an die Brust schlägt. Ich bin den steilen und steinigen Weg weiter hinauf gegangen, habe den Olivenbaum gesehen, der gegen den salzhaltigen Seewind und den trockenen, dürren Boden um sein Überleben kämpft. Auf der Suche nach weiteren Elementen bin ich hinter den Friedhof gestiegen, oberhalb des Felsens, von wo aus ich das Meer betrachtet habe, den Horizont, die Freiheit, versperrt von einer Barriere: der Barriere des Friedhofs. Und es gibt keinen Ausweg [...]. Alle diese Elemente, die da sind seit – und bevor – Walter Benjamin versucht hat, in die Freiheit zu passieren, alle erzählen sie die tragische Geschichte dieses Mannes."

Dani Karavan hat in den Fels eine Treppe hineingetrieben. Wenn man sie hinuntergeht, bekommt man den Eindruck, als würde der Weg direkt und ohne eine Barriere ins Meer führen. Doch eine Glasplatte verhindert kurz vor dem drohenden Abgrund, dass man in die Tiefe stürzt. In diese Wand aus Glas, die eine durchsichtige Grenze darstellt, ist ein Zitat Walter Benjamins eingraviert worden. Es lautet:

"Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht."

Als Bertolt Brecht die Nachricht vom Tod seines Freundes erreichte, notierte er im August 1941 im "Journal":

"Walter Benjamin hat sich in einem kleinen spanischen Grenzort vergiftet."

Seinem Schmerz über den Verlust des Freundes verlieh Brecht in drei Gedichten Ausdruck. Eines dieser Gedichte trägt den Titel "ZUM FREITOD DES FLÜCHTLINGS W.B."

ZUM FREITOD DES FLÜCHTLINGS W. B.
"Ich höre, dass du die Hand gegen dich erhoben hast
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.

Reiche stürzen. Die Bandenführer
Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker
Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.

So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte
Sind schwach. All das sahst du
Als du den quälbaren Leib zerstörtest."

Bertolt Brecht

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