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Glücksfall des politischen Theaters

Ödön von Horváths "Italienische Nacht", 1931 in Berlin uraufgeführt zeigt die provinzielle Dämlichkeit von Menschen, die einfach zu sehr mit sich und ihren Machtansprüchen beschäftigt sind, um zu merken, was für ein epochales Unheil um sie herum aufzieht. In Dresden wurde das Stück auf die dortige Situation erfolgreich umgemünzt.

Von Hartmut Krug |
    Die zehn jungen Leute tragen heutige Freizeitkleidung und kommen aus dem Zuschauerraum. Aus ihren Kofferradios rauscht es unheimlich, während auf der halbhohen Bretterwand aus Wirtshausbänken, die die schmale Bühne begrenzt, ein Film vom Aufmarsch der Neonazis in Dresden am 13. Februar mit dem Spruchband "Der Massenmord von Dresden" flimmert.

    Zwar hat in diesem Jahr eine 20.000-köpfige Menschenkette den Marsch der Neonazis durch Dresden verhindert, doch die gesellschaftliche Trägheit und Selbstzufriedenheit, die Ödön von Horváth in seiner "Italienischen Nacht" aus dem Jahr 1931 anprangert, ist in Dresden im Alltag weit verbreitet. 9,4 Prozent wählten bei der Landtagswahl von 2004 NPD, nach dem Spiel zwischen der Türkei und Deutschland bei der Fußballeuropameisterschaft 2008 überfielen vermummte Nazis türkische Lokale, es gab Brandanschläge auf türkische und vietnamesische Geschäfte, und selbst nach dem Mord an einer Ägypterin während eines Prozesses im Landgericht wurde die gesellschaftliche Entwicklung in Dresden verharmlost.

    Tilman Köhlers Inszenierung zeigt keinen Streit zwischen guten Spießern und bösen Faschisten. Ein Freund-Feind-Eindeutigkeits-Spiel wie bei Volker Lösch gibt es bei ihm nicht: seine zehn hochbegabten jungen Darsteller, allesamt noch Studenten im Schauspielstudio Dresden der Leipziger Hochschule, spielen sowohl die Republikaner wie die Faschisten und wechseln zwischen den Rollen hin und her.

    Wenn die Darsteller die Bühne erklommen haben, sagen sie durch ein Megaphon Horváths Szenenanweisungen und die doppelten Rollenbesetzungen an. Was wir nun erleben, ist weder ein kleinbürgerliches Karikaturenkabinett noch eine Castorfsche Spießersatire, sondern eine Geschichte von ganz normalen und in ihren Sehnsüchten austauschbaren Menschen. Vitale junge Menschen voller Energie und sexueller Bedürfnisse, die gegen die Wand springen, sie erklettern und überwinden, die sich an die Wäsche gehen, die auf der Suche sind, aber oft an sich selbst vorbei leben. Sie haben, ob Republikaner oder Nazi, die gleichen Bedürfnisse, artikulieren diese nur unterschiedlich.

    Die Inszenierung erklärt mit ihrem Haltungs- und Bewegungsspiel mehr über Menschen als mit politischen Parolen. Zum Rollenwechsel vom Republikaner zum Nazi zieht man seine Hosenbeine über die weiß geschnürten Springerstiefel hoch und bringt die Körper aus ihrer weichen in eine zackige Verklemmtheit. Während die Frauen ihre Bedürfnisse direkter ausdrücken, auch ihre Rekorder immer wieder mit italienischen Liebesliedern aufdrehen, bleiben die Männer in ihrer Verdruckstheit hängen.

    Die Republikaner, die im Wirtshaus Tarock spielen, Bier trinken und sich auf ihre jährliche "Italienische Nacht" am Abend freuen, während draußen die Nazis marschieren, ignorieren selbstzufrieden die rechte Gefahr, beruhigen sich mit humanistischen Phrasen und sind vor allem mit internen Machtkämpfen beschäftigt.

    Der Republikaner Karl verheddert sich zwischen erotischem Wunsch und politischem Pflichtbewusstsein, bis seine Leni ihn mit ihren 4000 Mark in eine gemeinsame bürgerliche Sicherheit lockt, während der Stadtrat um seine Macht statt gegen die Nazis kämpft und seine Frau handgreiflich unterdrückt.

    Auch der junge, zu Aktionen und Reaktionen aufrufende Martin ist keine revolutionäre Lichtgestalt und keine junge Unschuld, auch wenn er die "Italienische Nacht" aus politischen Gründen in völliger Nacktheit sprengt, sondern ein selbstgefälliger Ideologe, der seine Freundin um Informationen auf den politischen Strich zu den Nazis schickt.

    Tilman Köhlers Inszenierung zeigt keine subtilen Psychogramme, sondern ein bewegtes Körperspiel. Wie Christian Clauß einen Nazi auf ein junges Mädchen fliegen lässt, dabei vom Salto in den Nazigruß, von der Bewegung in die Erstarrung gerät, sich dazwischen immer wieder zwischen Annäherung und Verklemmung verheddert, das erzählt mit körpersprachlicher Virtuosität zugleich viel von der Psyche der Figur.

    Die Inszenierung kommt fast ohne Requisiten aus, es wird mit weißen und schwarzen Tüchern gearbeitet, die mal ein Tisch sind, mal politische Bedeutungsfarben liefern: Man hüllt sich gemeinsam in seine Farben, ob schwarz-weiß-rot oder schwarz-rot-gold, und zeigt damit seine Definition des Nationalen. Schließlich entlarven Tiermasken beim Fest der "Italienischen Nacht" mehr, als dass sie verbergen.

    Am Schluss, nach dem gescheiterten Angriff der Nazis auf die "Italienische Nacht", scheint niemand etwas gelernt zu haben und alles beim Alten geblieben zu sein.

    Die pausenlose, zweistündige Inszenierung strahlt eine ungeheure Energie aus, und ihre zehn fulminanten Darsteller, obwohl noch Schauspielschüler, begeistern mit beeindruckend intensivem und differenziertem Spiel. Tilman Köhlers Dresdner Inszenierung von Horváths "Italienischer Nacht" besitzt hohen Unterhaltungs- und Aufklärungswert und beweist sich als modernes politisches Theater auf hohem schauspielerischem Niveau. Ein Glücksfall!