Montag, 14.10.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteDeutschland heuteWerft meldet Insolvenz an21.02.2019

Gorch Fock in der KriseWerft meldet Insolvenz an

Die Kosten der Sanierung der Gorch Fock haben sich mehr als verzehnfacht - auf 135 Millionen Euro. Die Sanierung des Marine-Segelschulschiffs wurde von Korruptionsvorwürfen überschattet. Und nun musste die Elsflether Werft, auf der das Schiff saniert werden sollte, Insolvenz beantragen.

Von Felicitas Boeselager

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
20.02.2019, Niedersachsen, Elsfleth: Ein Blick auf das Gelände der Elsflether Werft. Die mit der Sanierung des Marine-Segelschulschiffs «Gorch Fock» beauftragte Werft wird an diesem Mittwoch (20.02.2019) einen Insolvenzantrag stellen. Das teilte der neue Vorstandschef in Elsfleth mit. Ziel sei ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance/ dpa / Mohssen Assanimoghaddam )
Ein Blick auf das Gelände der Elsflether Werft (picture alliance/ dpa / Mohssen Assanimoghaddam )
Mehr zum Thema

Segelschulschiff "Das Problem Gorch Fock ist ein jahrzehntelanges Desaster"

Von allem zu wenig Die deutsche Marine geht unter

Untersuchungsausschuss zur Bundeswehr-Berateraffäre Spektakuläres eher nicht zu erwarten

Viele Arbeitsplätze hängen an der Gorch Fock, die auf der Werft in Elsfleth saniert werden soll. Das sind nicht nur die 130 Beschäftigten der Werft selbst, sondern auch rund 500 weitere, erklärt Heiko Messerschmidt von der IG Metall Küste:

"Bei Zulieferern und vielen anderen Unternehmen in der Region in Niedersachsen und in Bremen. Das Schiff liegt in Bremerhaven im Dock, auch da fragen sich die Kollegen wie es weitergeht, es wird der Gerüstbauer benötigt, es werden viele Unterauftragnehmer benötigt, all die fragen sich jetzt selbstverständlich wie es weitergeht."

Die Werft macht rund 80 Prozent ihres Umsatzes mit Aufträgen von der Marine, dabei ist die Sanierung des Segelschulschiffs derzeit der wichtigste Auftrag. Die Verunsicherung in der Belegschaft sei groß, sagt Messerschmidt, es ging ihnen aber nicht allein um ihre Arbeitsplätze.

"Bei den Schiffbauern ist es schon so, da hängt das Herzblut dann auch an diesem Schiff, es dann auch wirklich fertig zu bauen. Viele, viele Sachen sind da, die Masten sind da, der Motor steht bereit, sodass als das jetzt eigentlich zusammengebaut werden müsste und ein Großteil der Arbeit schon gemacht worden ist und dann wollen die Kollegen das auch wirklich sehen, dass es schwimmt und auch wieder segelt."

Deshalb und um die Zukunft der Werft zu sichern, fordert der Betriebsrat gemeinsam mit der IG Metall das Segelschulschiff fertig bauen zu können. Dafür müsse das Verteidigungsministerium aber den Zahlungsstopp aufheben.

Schwere Vorwürfe der Ministerin

"Selbstverständlich braucht es dafür auch einen Kosten und einen Zeitplan und das ist derzeit die Aufgabe der Werft den vorzulegen."

Diesen Kosten- und Zeitplan erstellt die vor rund drei Wochen neu eingesetzte Geschäftsführung der Werft - trotz laufendem Indsolvenzverfahren. Er soll dem Verteidigungsministerium möglichst bald vorliegen.

Das Segelschulschiff Gorch Fock passierte am 14.12.2015 in Elsfleth (Niedersachsen) das Huntesperrwerk passiert. (Carmen Jaspersen/dpa)Das Segelschulschiff Gorch Fock passierte am 14.12.2015 in Elsfleth (Niedersachsen) das Huntesperrwerk passiert (Carmen Jaspersen/dpa)

Die alte Leitungsriege war zuvor geschasst worden. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat gestern schwere Vorwürfe gegen sie erhoben.

"Von allem dem, was wir bisher erfahren haben, hört es sich an als hätten wir hier einen richtigen Wirtschaftskrimi mit einer alten Geschäftsführung, die eine dubiose Rolle gespielt hat, die alte Geschäftsführung hat, soweit wir das bisher aufklären konnten, Summen in Millionenhöhe, die die Bundeswehr ihr bereits gezahlt hat, für die Gorch Fock, nicht an die Unterauftragnehmer weiter geleitet."

Laut von der Leyen leitete die alte Werftführung Millionen in ein von ihr konstruiertes Firmengeflecht von vielen Tochter- und Unterfirmen.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen einen der beiden Ende Januar entlassenen Vorstände. Und seit Dezember 2018 ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück gegen drei nicht näher genannte Beschuldigte, wegen sämtlicher Korruptionsdelikte, also Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und Bestechung.

"Unbehagen in Teilen der Belegschaft"

"Wir haben dann Durchsuchungsbeschlüsse beantragt und sofort vollstreckt, das betraf fünf Durchsuchungsorte, die in Norddeutschland liegen, unter anderem war es die Elsflether Werft, bei den Durchsuchungen wurde auch umfassendes Beweismaterial sichergestellt, oder potentielles Beweismaterial, in Form von Datenträgern und auch schriftlichen Unterlagen und diese Datensätze, bzw. Unterlagen werden momentan ausgewertet", sagt Christian Bagung von der Staatsanwaltschaft Osnabrück.

Für manche der Schiffbauer in Elsfleth waren die Ermittlungen keine Überraschung, erinnert sich IG-Metall Sprecher Messerschmidt:

"Also ich glaube, es gab in Teilen der Belegschaft ein Unbehagen, aber man konnte es nicht konkret fassen, und man konnte auch nichts nachweisen, weil das schon ein, alles was wir jetzt wissen, ein geschickt aufgebautes Konstrukt war, sodass wir den Eindruck haben, dass es eben nicht sehr viele Mitwisser gab. Aber ein gewisses Unbehagen über die Situation und Fragen, gab es sicher auch in der Belegschaft."

In die neue Geschäftsführung habe die Belegschaft aber großes Vertrauen, der Betriebsrat berichtet, so Messerschmidt, von einer bisher ungekannten Transparenz. Auch von der Leyen bezeichnete sie als sehr konstruktiv und machte Hoffnung, womöglich könne die Instandsetzung der "Gorch Fock" unbelastet fortgeführt werden. Aber davor gebe es noch viele offene Fragen zu klären.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk