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"Gotong Royong" heißt Solidarität

Großstädte mit futuristisch glitzernden Fassaden gibt es heute, mehr als bei uns, in vielen Ländern Asiens. Metropolen, die explosionsartig wachsen, weil sie die Menschen des armen Hinterlands anziehen wie das Licht die Motten. Viele dieser voller Hoffnung gekommenen Menschen jedoch stranden unter den Brücken und auf den Müllkippen der Metropolen - wo sie der etablierten Bevölkerung und den Behörden ein Dorn im Auge sind - zum Beispiel im indonesischen Jakarta.

Von Thomas Kruchem |
    Überleben in indonesischen Millionenstädten wie Jakarta und Surabaya ist Dschungelkampf pur. Ein Kampf um knappe Ressourcen, der Millionen Verlierer kennt – arme Zuwanderer meist, Tagelöhner, Straßenhändler, die keine noch so kleine Wohnung bezahlen können; die sich deshalb niederlassen, wo immer Platz ist: auf Baubrache und Müllkippen, an Fluss- und Kanalufern, unter Brücken und Schnellstraßen. So genannte Squatter, die in steter Angst leben; vertrieben zu werden, berichtet in Jakarta Dian Irawati, Mitarbeiterin der lokalen Hilfsorganisation "Urban Poor Consortium" UPC.

    "Die bislang größte Vertreibung hatten wir im September 2007, als 10.000 Familien aus ihren Hütten unter dem Highway zum Flughafen verjagt wurden. Die Behörden und von ihnen angeheuerte Kriminelle setzten die Menschen unter Druck – mit Razzien, Überfällen, Drohungen. Und eines Abends kam ein Vertreter der Stadtverwaltung und sagte: "Heute habt ihr die letzte Chance, Geld dafür zu bekommen, dass ihr verschwindet. Wir morgen noch da ist, wird gewaltsam vertrieben." Da nahmen die Leute, weil sie keine Wahl hatten, dann doch das Geld und gingen."

    Behördliche Willkür, gegen die sich Indonesiens Squatter allmählich zu wehren beginnen. Die Großstädte erleben immer häufiger Demonstrationen. Das Problem: An den Lebensverhältnissen der Armen haben die Demonstrationen bislang wenig geändert; und bisweilen führen gewalttätige Ausschreitungen sogar zu noch mehr Repression seitens der Behörden. Deshalb suchen manche Squatter nun nach neuen, konstruktiven Strategien, ihre Bürgerrechte durchzusetzen. Hilfestellung leistet einmal mehr das UPC, das in seiner Arbeit vom deutschen katholischen Hilfswerk "Misereor" unterstützt wird. "Eine Idee war, das traditionelle Solidarprinzip "Gotong Royong" zu nutzen für die Integration der Ärmsten in die städtische Gemeinschaft", erklärt UPC-Mitarbeiter Awali Tohir.

    "Gotong Royong" heißt Zusammenarbeit und wurzelt in der kulturell verankerten Haltung, dass in einer Gemeinschaft jeder jedem helfen soll. Insbesondere im ländlichen Indonesien gilt bis heute, dass, wenn einer Probleme hat, die anderen ihm und seiner Familie beistehen. Wenn, zum Beispiel, eine Familie ein Haus baut oder renoviert, kommen die Nachbarn und helfen. Auch wenn eine ganze Gemeinschaft in Schwierigkeiten steckt, greift das Prinzip des "Gotong Royong"."

    Am Kalimas-Fluss in Surabaya organisierte das UPC zwölf von Vertreibung bedrohte Gemeinschaften zu einer so genannten "riverside community". Zunächst, berichtet UPC-Chefin Wardah Hadfiz, nahmen sich die Squatter selbst kritisch unter die Lupe. Und sie gelangten zu der Einsicht, dass ihre Praxis, Hütten unmittelbar am Fluss zu errichten und von dort Müll wie Fäkalien direkt ins Wasser zu entsorgen, nicht haltbar ist.

    " Dann diskutierten wir erneut. Und sie definierten, was sie unter Renovierung verstehen: "Wir werden die Hüter des Flusses sein; unsere Häuser bekommen ihren Eingang zum Fluss hin; wir werden unseren Müll ordentlich entsorgen, die Flussufer begrünen und Spargruppen gründen."

    Mit einem gemeinsam ausgearbeiteten Konzept für die Renovierung ihrer Siedlungen wandte sich die "riverside community" schließlich ans Provinzparlament – mit durchschlagendem Erfolg: Ende 2007 legalisierte das Parlament die zwölf Squatter-Siedlungen am Kalimas – unter der Voraussetzung, dass die Bewohner den Abstand ihrer Hütten zum Fluss vergrößern, keine neuen Gebäude errichten und den Fluss nicht weiter verschmutzen.

    Monate später ist – ein Beispiel – aus dem Flussufer-Slum Gunangsari eine schmucke Siedlung geworden: Auf einer gepflasterten, von Blumentöpfen gesäumten Uferpromenade flanieren, vorbei an spielenden Kindern, Liebespaare, während ältere Herren, gemütlich vor der frisch gestrichenen Fassade ihrer Häuschen sitzend, Spiegelungen der Abendsonne im Fluss genießen. "Eine Frucht des 'Gotong Royong'", berichten lächelnd die Siedlersprecher Waras und Kartika. Die 200 Familien Gunangsaris gründeten – wie früher in ihren Kampungs, den Dorfgemeinschaften – Arbeitsgruppen, die Männer vor allem Bautrupps.

    " Wir haben die direkt am Fluss liegenden hinteren Teile unserer Häuser abgerissen und stattdessen entlang des Flusses diese drei Meter breite, gepflasterte Promenade angelegt. Maschinen und Pflastersteine stellte die Stadtverwaltung. In Eigenarbeit haben wir außerdem die Wegbeleuchtung angelegt und dafür zehn Millionen Rupien ausgegeben. Und jeder hat seinen neuen Hauseingang zum Fluss hin schön gestaltet. Dahinter müssen wir jetzt noch neue Zimmer anbauen, damit die Häuser groß genug sind für unsere Familien.

    Wir Frauen haben inzwischen mehrere Arbeitsgruppen gegründet. 18 von uns sammeln, zum Beispiel, den Müll der Siedlung ein und trennen ihn. Andere Frauen pflanzen am Flussufer Blumen und Kräuter – Heilkräuter zumeist und Gewürze für die Küche. 114 Familien schließlich sind in unserer Spargruppe organisiert. Auf deren Konto wandern die Erlöse aus dem Müllverkauf; und jede Frau hat zusätzlich ihr eigenes Sparbüchlein, auf dass manche bis zu 50.000 Rupien im Monat einzahlen."

    In der kleinen Moschee von Gunangsari repetieren achtjährige Mädchen Koransuren. Als sie gehen, küssen sie dem alten Imam Sandoso ehrfürchtig die Hand. "Die Wiederbelebung der Tradition, des "Gotong Royong", hat uns ein Zuhause gegeben, aus dem uns niemand mehr vertreiben wird", sagt der Imam. "Ein Segen ohnegleichen für unsere Gemeinschaft." Die Leute hier sind jetzt viel ruhiger als früher; nicht mehr so geplagt von der Angst, vertrieben zu werden. Und die meisten beten jetzt regelmäßiger – Kinder ebenso wie alte Männer. Ich glaube, die Menschen sind Allah dankbar, dass er ihnen nun ein sicheres Zuhause geschenkt hat."