Mittwoch, 19.02.2020
 
Seit 22:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenGott oder nicht Gott?26.08.2010

Gott oder nicht Gott?

Die Diskussion um den neuen Atheismus

Wie stehst du zu Gott? Durch die Antwort scheiden sich Freunde, Länder, Welten. Jeder der sich zu Gott bekennt findet seinen Kritiker. Seit einigen Jahren ziehen neue Gotteskritiker vor allem in den Medien die Aufmerksamkeit.

Von Barbara Leitner

Die "neuen Atheisten" - wenig Neues, aber viel Resonanz. (AP)
Die "neuen Atheisten" - wenig Neues, aber viel Resonanz. (AP)

Gehandelt werden sie unter dem vielversprechenden Namen "Neue Atheisten" und egal wo sie auftreten und was sie auch sagen – sie können sich wiederum des Echos ihrer Kritiker gewiss sein. Was sich hinter diesem Phänomen verbirgt, untersuchen gegenwärtig Religionswissenschaftler der Freien Universität Berlin.

Während der Atheismus der Aufklärung von Diderot und Holbach und später von Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud, Russel als weitgehend erforscht gelten kann, blieben die neueren Auseinandersetzungen in der Kulturwissenschaft bisher unbeachtet. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts sorgte eine Reihe von religionskritischen Büchern für Aufsehen und gelangte in die Bestsellerlisten zunächst im englischsprachigen Raum: 2004 veröffentlichte der Neurobiologe Sam Harris sein Buch, das Deutsch "Das Ende des Glaubens" heißt. Der britische Biologe Richard Dawkins schrieb "Der Gotteswahn". Dazu Bücher vom Journalisten Christopher Hitchens und dem Kognitionswissenschaftler Daniel Dennet.

Sie alle kritisieren die Religionen und sagen, es gebe keinen Gott, wie auch immer er hieße. Ihre Positionen wurden von den Medien unter dem Label "Neue Atheisten" zusammengefasst. So gingen sie auch in den wissenschaftlichen Diskus ein. Allerdings wurden die Begriffe dabei nie genau definiert. Das holen jetzt die Nachwuchswissenschaftler nach:


"Das Faszinierende ist ja, wenn wir über den neuen Atheismus sprechen oder die neuen Atheisten, dass denen von außen Attribute angeheftet werden. Ein Topoi zum Beispiel ist, sie sind besonders aggressiv, sie haben ein naturalistisches Weltbild, sie seine fundamentalistisch in ihren Ansichten."

Ulf Plessentin, Religionswissenschaftler an der Freien Universität Berlin und einer der Wissenschaftler in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt zur Rückkehr der Religionskritik durch die neuen Atheisten. Mit ihrer qualitativen Untersuchung erfassen sie zunächst den Gehalt der verschiedenen Bücher. Auf neue Ansichten stoßen sie nicht, meint Thomas Zenk, der Zweite im Forscherbund:

"Es gibt grob zwei Argumentationslinien bei den Autoren. Das eine ist, dass man fragt, trifft es denn zu, was die Religionen behaupten. Also sie stellen eine Wahrheitsfrage. Und eine andere Frage, davon ganz unabhängig, ist so eine funktionalistisch. Nützt Religion oder nützen die Religionen oder sind sie schädlich. Und in beiden Fällen ist die Antwort der Autoren negativ. Also die Religionen sagen sowohl die Unwahrheit über die Welt, als auch sie sind gefährlich. Das wird dann im Detail durchgeführt. Bei Dawkins beispielsweise findet sich eine recht detaillierte Auseinandersetzung mit den Gottesbeweisen, die in der abendländischen Tradition von christlichen Menschen, meist christlichen Theologen vorgebracht wurden. Dawkins geht diese Beweise durch und sagt, man kann damit die Existenz Gottes nicht beweisen. Dann geht er weiter und sagt, ich Dawkins, bin nicht in der Lage zu widerlegen, dass es Gott gibt, aber es ist extrem unwahrscheinlich."

Der britische Biologe Richard Dawkins argumentiert naturwissenschaftlich und philosophisch und ficht beispielsweise gegen eine religiöse Erziehung von Kindern. Die Berliner Forscher fragen nun: Welches Verständnis von Religion und auch von Gesellschaft legen die sogenannten neuen Atheisten in ihren Werken an und wie setzen sie dieses politisch um? Aus Sicht der Religionswissenschaftler tun sie dies nicht viel anders als ihre Vorläufer in den vergangenen Jahrhunderten.

Deshalb werten Plessentin und Zenk den "neuen Atheismus" – im Vergleich zum intellektuellen Diskus während der Aufklärung – zunächst als ein Medienphänomen mit populärer Breitenwirkung. Die angloamerikanischen und weitere, auch deutsche Autoren streben danach, sich politisch zu organisieren und gesellschaftlichen Einfluss zu erlangen. Erhellend finden die beiden dabei vor allem die unterschiedliche Rezeption der Werke in Deutschland und in den USA. Plessentin:

"Interessant ist, wenn man sich die Religionskritik im Vergleich Deutschland-USA anguckt, wie sehr die amerikanischen Religionskritiker, die auch wirklich für den amerikanischen Buchmarkt geschrieben sind - also Dawkins schreibt sein Buch nicht für Deutschland, sondern für Amerika - wie sehr die hier rezipiert worden sind und was für ein Feuer die entbrannt haben - sowohl in den Medien als auch in den Akademien selber. In dem Sinne, dass diverse Theologen, als auch Bischöfe dazu Stellung beziehen und in Tageszeitungen oder auch Predigten gegen diese Religionskritiken, die dort veröffentlicht werden, sich aussprechen und kritisieren von ihrer Seite."

Zenk:
"Bei den Amerikanischen sind es sehr engagierte, nicht nur, aber vor allem christliche Laien, die sich dadurch herausgefordert fühlen und dadurch ihre eigenen Glauben zu verteidigen. In Deutschland sind es keine Laien, sondern Theologen, akademisch eingebundene und dann auch oftmals hochkarätige Theologen."

Fünf Bücher verfassten die "neuen Atheisten" in der zurückliegenden Dekade. Darauf antworteten bisher mindestens 150 Autoren - in Deutschland auch mit prominenten Namen. Dabei können sie sich jeweils eines entsprechenden Medienechos gewiss sein. Offensichtlich wird gerade in Deutschland ein allergischer Nerv berührt, geht es nicht zuerst um eine inhaltliche, intellektuelle Auseinandersetzung, sondern um Einfluss und Macht in der Gesellschaft. Jedenfalls finden die Wissenschaftler dafür Indizien.

Plessentin:
"In den Vereinigten Staaten nimmt man nach Studien an, dass sich 10 bis 15 Prozent sich als Atheisten bezeichnen. Nur sieht dort die Situation viel anders aus als in Deutschland wo Atheisten oder religiös Indifferente als dritte Konfession bezeichnet werden und in der Tat 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In den USA ist das einfach nicht common sense, sich Atheist zu nennen und es gibt ja Untersuchungen, die zeigen, dass es die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht gerne hat, wenn ein atheistischer Präsident sie regiert. Also Atheismus ist dort oder Gottlosigkeit ist in den USA ein menschlicher Makel. Während in Deutschland aufgrund der Geschichte in verschiedenen Gebieten wie Nord- und Ostdeutschland es normal ist, Atheist zu sein."

Deshalb beunruhigt es hierzulande vermutlich eher, wenn die gegen Gott argumentierenden Autoren bei ihren Lesungen riesige Zuhörerschaften in ihren Bann ziehen. Möglicherweise ist die Angst größer und auch begründeter, die Botschaft der Antireligösen könnte gehört und berücksichtigt werden und die Religionen sowie ihre Vertreter in den Kirchen und den Lehrstühlen könnten noch mehr Anhänger und Einfluss verlieren. Um so fester und feindseliger werden auch sie in ihren Positionen und äußern sich auch entsprechend in den Medien. Jenseits dessen bemühen sich die Religionswissenschaftler um eine neutrale Analyse der Standpunkte und finden weder für eine Rückkehr der Religionen, noch eine Rückkehr der Religionskritik überzeugende empirische Beweise. Ulf Plessentin:

"Was wir historisch sehen, dass die Religionskritik die Schwester von Religion und Religiosität ist. Überall dort - wenigstens für die europäische Antike wissen wir es ganz genau - wo Religion ist, ist es so, dass Religionskritik als Kontrabass mitschwingt. Und das ist natürlich heute nicht anders. Gerade in den Medien ist Religion sehr präsent und da haben wir natürlich auch eine Religionskritik, die auch von den Medien gut aufgenommen wird."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk