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StartseiteTag für Tag"Es liegen bei allen die Nerven blank"26.03.2021

Gottesdienste an Ostern "Es liegen bei allen die Nerven blank"

Die Bitte der Politik, die Kirchen sollten am höchsten christlichen Feiertag auf Präsenzgottesdienste verzichten, hat heftige Gegenreaktionen hervorgerufen. Für die evangelische Pfarrerin Theresa Brückner wäre ein solcher Verzicht ein Zeichen der Solidarität. Sie feiert den Ostergottesdienst digital.

Theresa Brückner im Gespräch mit Christiane Florin

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In der Corona-Krise plädieren einige evangelische Theologen dafür, online Abendmahl zu feiern. (imago images/ epd / Jens Schulze)
Digitale Gottesdienste sind für Pfarrerin Theresa Brückner längst Teil der Normalität geworden (imago images/ epd / Jens Schulze)
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Christiane Florin: Die Idee der stillen Tage rund um Osten ist vom Tisch, die Bundeskanzlerin hat dafür sogar um Verzeihung gebeten. Für die Kirchen ist nicht ganz klar, was sie Ostern tun und was sie lassen sollen. Anfang der Woche gab es seitens der Politik die Bitte, am höchsten christlichen Feiertag auf Präsenzgottesdienste zu verzichten – das löste erhebliche Irritation in der EKD und der Bischofskonferenz aus.  Die Bitte hat die Bundesregierung wieder zurückgezogen, aber aus der Welt ist sie nicht. Theresa Brückner ist evangelische Pfarrerin in Berlin Tempelhof-Schöneberg, aber ihre Gemeinde ist weltweit, denn sie ist digital aktiv auf Instagram, facebook, youtube und Twitter, alles unter dem Titel "Theresa Liebt." Bevor wir über die Kontroverse sprechen, eine Frage zum lieben Namen. Warum "Theresa liebt"? 

Theresa Brückner: Der hat sich Stück für Stück entwickelt. Mittlerweile ist er eine Art Imperativ, gerade wenn man Gegenwind bekommt. Es ist immer eine schöne Erinnerung daran, dass Liebe das oberste Gebot ist im Christentum. Von daher fühle ich mich damit sehr wohl. 

Florin: Allein der Gedanke, es könnte dieses Jahr schon wieder ein Ostern ohne Präsenzgottesdienste geben, hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Wenig Liebe. Es wurde sogar zum Widerstand aufgerufen. Womit erklären Sie sich diese Heftigkeit?

Brückner: Ja, diese Heftigkeit hat mich zum Teil auch überrascht, zum Teil nicht. Überrascht hat sie mich deswegen, weil wenn man sich die Zahlen angeguckt hat und wenn man das auch im Vergleich zu Weihnachten gesehen hat, dann war das erwartbar. Also wir haben uns als Kirchenkreis jetzt schon eine Weile darauf eingestellt, dass die meisten Angebote zu Ostern digital werden. Und andererseits kann ich aber auch verstehen, dass sich die Menschen gerade nach dem letzten Jahr gewünscht haben, dass dieses Jahr Ostern ganz groß gefeiert wird, mit vollen Kirchen mit "Christ ist erstanden". Und dass das natürlich jetzt aktuell nach dieser Zeit und nach dem harten zweiten Lockdown einfach nochmal umso schwerer fällt, kann ich auch verstehen.

"Es liegen bei allen die Nerven blank"

Florin: Das evangelische Debatten-Klischee sieht so aus, dass die Diskutierenden einander sagen: "Du, ich bin zwar anderer Meinung, aber ich kann deine Meinung gut hören." Aber in dieser Corona-Zeit ist der Ton auch in evangelischen Debatten rauer geworden. Ich denke jetzt nicht nur an die Diskussion um Ostern. Ich denke auch an diese grundsätzliche Diskussion, ob die Kirchen versagt haben, ob sie vor dem Staat kapitulieren. Warum liegen die Nerven blank?

Brückner: Ja, ich habe das Gefühl, dass da wirklich ein Trauma aus dem letzten Jahr noch mal hochkommt, gerade jetzt um Ostern. Viele Leute aus der Kirche sagen: Das, was letztes Jahr uns zu Ostern passiert ist, das lassen wir uns dieses Jahr nicht mehr bieten. Ich glaube, dass deshalb die Stimmung dieses Jahr so enorm hochgekocht ist.

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Ich fand es aber auch einfach wirklich schräg, dass das zum Teil so enorm gegeneinander ausgespielt wurde. Ich arbeite schon viele Jahre im digitalen Bereich und erlebe digitale Kirche wirklich als etwas ganz Wertvolles, als etwas, wo sich Gemeinde konstituiert und als etwas wie Kirche auch wunderbar wirken kann. Und zwar für Leute, die auch schon vor Corona gar nicht in Kirchengebäude gegangen sind. Jetzt wurde das gerade in den letzten Tagen so enorm gegeneinander ausgespielt und das Digitale oftmals nur als das Ersatzelement gesehen. Und das funktioniert so nicht. Ich finde, es muss beides Hand in Hand gehen. Und da habe ich das Gefühl, es liegen jetzt einfach bei allen die Nerven blank. Also, das kann ich auch verstehen. Wir haben ja ein Vierteljahr neben unserer vollen Arbeitszeit unser Kind mit betreut, in einer Dreizimmerwohnung, die nicht Homeoffice-kompatibel ist. Natürlich sind alle einfach gerade erschöpft und müde und durch.

"Es war keine Einschränkung der Religionsfreiheit"

Florin: Nun gibt es die, die zum Widerstand aufgerufen haben. Es gibt aber auch die anderen, die sagen: Theater, Oper, Konzerte, Kabarett - all das kann seit vielen Monaten schon nicht stattfinden. Und dass die Kirchen überhaupt noch Gottesdienste machen können, ist ein großes Privileg. Wie sehen Sie das? Ist das ein Privileg?

Brückner: Ich sehe das genauso. Genauso habe ich das auch schon zu Weihnachten argumentiert. Das ist ein großes Privileg, und es braucht auch eine ganze Menge Verantwortung. Und natürlich sehe ich es, dass einige Orte und einige Menschen das vor Ort brauchen. Ich sehe aber auch die Menschen, die zum Teil sich nicht trauen zu sagen, ich möchte in dieser Pandemie-Situation nicht den Kirchdienst machen, mir ist es einfach zu gefährlich, die es zum Teil trotzdem gemacht haben oder sich damit eigentlich unwohl fühlen. Ich sehe die, die auch sich da nicht trauen, das zu äußern. Ich sehe die Leute, die das machen, obwohl sie irgendwie ein schlechtes Gefühl haben. Also, es gibt ja immer zwei Seiten, und ich finde, dieses Privileg muss man einfach wirklich ganz vorsichtig genießen und muss da auch versuchen, diese ganze Diskussion ohne so eine enorme Schuldzuweisung zu führen.

Das Foto zeigt die Berliner Pfarrerin Theresa Brückner, die seit Kurzem für den "digitalen Raum" zuständig ist. (Foto: Eike Thies)Theresa Brückner will dazu ermutigen, auch digitale Gottesdienste als vollwertig zu betrachten (Foto: Eike Thies)

Florin: Manche Reaktionen auf die Bitte der Bundesregierung wirkten auch ja, ich sage mal gekränkt. So nach dem Motto: Ihr beschließt da etwas, und ihr habt uns aber vorher gar nicht gefragt. Kann es sein, dass die ganze Systemrelevanz Debatte da auch hineinspielt? Also die bange Frage in den Kirchen: Sind wir noch systemrelevant?

Brückner: Ja, das Gefühl hatte ich auch. Also ich fand es auch ein bisschen schräg, dass dann da gleich ganz schnell von Einschränkungen der Religionsfreiheit gesprochen wurde, weil es das einfach nicht war. Es war eine Bitte. Es war eine Bitte, und für mich war es eine ganz wunderbare Bitte an dieser Stelle, dass das auch eine Form von Solidarität ist, weil gerade im Blick darauf, dass auch alle möglichen anderen in der Gesellschaft gerade wirklich dem normalen Leben vor Corona nicht mehr nachkommen können, finde ich, ist es auch was Solidarisches und auch ein Beitrag zur Pandemiebekämpfung, wenn diese Bitte an die Kirchen herangetragen wird, auf Präsenzgottesdienste zu Ostern zu verzichten. Ich konnte das gut hören und auch verstehen.

Ich kann auch verstehen, dass Menschen das brauchen. Ich finde allerdings trotzdem, dass da zu heftig reagiert wurde, weil es war keinerlei Einschränkung der Religionsfreiheit. Es war eine Bitte für Solidarität und für Einschränkung eben dieser hohen Inzidenzwerte und der Pandemie.

Digital und analog müssen Hand in Hand gehen

Florin: Sie haben vorhin schon etwas aus Ihrer Gemeindeerfahrung erzählt. Sie sind digital aktiv. Sie machen aber natürlich auch die klassische Gemeindearbeit mit Konfirmationsunterricht und so weiter. Und wenn Sie jetzt mal nach einem Jahr Bilanz ziehen: Haben sich da digital und analog einander angenähert oder bleiben das verschiedene Gruppen?

Brückner: Das kommt darauf an, wie flexibel da einerseits die Menschen in den Gemeinden sind und andererseits die Leute, die das gestalten. Also ich erlebe, dass Digitalangebote ganz wunderbar wahrgenommen und ernst genommen werden, wenn die Menschen, die sie gestalten, das auch wirklich mit Liebe gestalten und an dem auch Freude haben, was sie da gestalten. Weil das trägt sich dann natürlich auch nach außen.

Und dann hat sich das an einigen Orten so ergänzt, dass ich jetzt aus einigen Gemeinden gehört habe, dass sie bei bestimmten Dingen sich gar nicht mehr sicher sind, ob sie da sozusagen das Digitale an dieser Stelle wieder abschaffen. Und ich glaube, dass sich das wirklich gut ergänzen kann, auch über die Jahre. Was aber nur funktioniert, wenn man es eben gerade nicht immer so als gegeneinander stellt, sondern wirklich als ein Hand in Hand gehen.

Digital normal

Florin: Welche Bedeutung hat der Gottesdienst in Ihren Gemeinden?

Brückner: Na ja, das ist gerade eine wirklich schwierige Frage. Weil das ist, glaube ich, gerade sozusagen das Pudels Kern. Ich habe das Gefühl, dass gerade an dem Gottesdienst gerade der Kern der evangelischen Kirche ausgemacht wird. Und wenn man sich aber mal die letzten Jahre vor Corona angeguckt hat, dann sind zu den klassischen Gottesdiensten vier Prozent aller Kirchenmitglieder in der evangelischen Kirche gegangen.

Das ist nicht viel, und deshalb sage ich immer: Kirche ist viel mehr als dieser Sonntagmorgen-Gottesdienst. Und da, habe ich das Gefühl, hat sich jetzt gerade mit dieser Bitte um den Verzicht auf diese Präsenzgottesdienste eine enorme Debatte um die eigentliche Sicht der Kirche, um die Ekklesiologie irgendwie entsponnen.

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Florin: Ja, das Digitale, das wird oft als defizitär dargestellt oder als Übergangslösung für die Corona-Zeit. Aber danach, da werde wieder richtig Gottesdienst gefeiert, so etwas hören wir ja ganz oft. Wie sind Ihre Erfahrungen? Was ist das Richtige am am Gottesdienst?

Brückner: Ja, genau. Ich habe die letzten zwei Tage auch immer so ein bisschen darüber lächeln müssen, dass es dann hieß, "wir wollen normale Gottesdienste feiern", und damit wurden die Präsenzgottesdienste gemeint. Also für mich ist es schon seit Jahren nicht "der" normale Gottesdienst, sondern digitale Gottesdienste sind genauso normal.

Und ich erlebe das eben gerade auch: Wir haben ein Format, das nennt sich "Brot und Liebe", wir feiern auch über Ostern, wir feiern diesen Sonntag auch Gottesdienst, immer abends um 20 Uhr. Und gerade da erlebe ich, dass das für viele Leute der normale Gottesdienst ist. Wo mir auch einige schreiben, sie gehen gar nicht mehr zur Kirche seit über einem Jahr und auch schon davor, weil das eine Form ist, wie sie Kirche erleben können.

"Ich werde digital feiern"

Florin: Und wie werden sie dieses Jahr Ostern feiern?

Brückner: Digital, auf jeden Fall. Also, da kommt natürlich auch noch dazu, dass dadurch, dass ich schwanger bin, einfach ich wirklich noch mal umso vorsichtiger bin. Ich werde mich auf keinen Fall in irgendeine Kirche setzen, einfach auch aufgrund des Risikos. Ich werde digital feiern, ganz wunderbar mit einem Karfreitags "Brot und Liebe"-Gottesdienst um 20 Uhr und am Ostersonntag um 20 Uhr mit einem digitalen Gottesdienst, den ich auch mitgestalte, auch wieder über "Brot und Liebe". Und dann haben wir vom Kirchenkreis so viele Digitalangebote über die Osterfeiertage, dass ich am Stück eigentlich Gottesdienste digital erleben könnte. Also, da werde ich noch mal in Ruhe gucken, was auch gut passt für mein Kind. Und was wir uns da gemeinsam dann auch wirklich anschauen

Florin: "Brot und Liebe" - über das digital Normale habe ich mit der evangelischen Pfarrerin Theresa Brückner aus Berlin gesprochen. Danke für das Gespräch, Frau Brückner.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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