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GrafenrheinfeldFrust und Freude über AKW-Abschaltung

Ende Juni wird Eon das Atomkraftwerk im bayerischen Grafenrheinfeld abschalten. Umweltschützer freut die Abschaltung - auch wenn sie aus ihrer Sicht viel zu spät kommt. Doch das Aus des ältesten deutschen Atomkraftwerks bereitet auch Sorgen: um Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und die Entsorgung von verstrahltem Material.

Von Anke Petermann | 18.06.2015

Deutschlands ältestes AkW Grafenrheinfeld – bei Schweinfurt im bayerischen Unterfranken
Deutschlands ältestes AkW Grafenrheinfeld – bei Schweinfurt im bayerischen Unterfranken (Deutschlandradio / Anke Petermann)
Die beiden dampfenden Kühltürme in der Ferne - eine gewohnte Kulisse für Andreas Mack, kein bisschen furchteinflößend:
"Ich bin halt mit dem Kernkraftwerk aufgewachsen. Ich bin 25 Jahre alt, komm' aus Grafenrheinfeld, lebe in Grafenrheinfeld. Mein Kinder- oder Jugendzimmer hatte Blick hinten auf das Kernkraftwerk. Also, ich hab' jeden Abend um 22 Uhr die Sirene gehört, also wenn Schichtwechsel war, und früh um sechs, wenn neuer Arbeitsbeginn war. Wie die Kirchglocken. Die Kirchenglocken hab' ich nicht so gehört wie die Sirene vom Kernkraftwerk."
Angst spürte Mack in all diesen Jahren nie. Von klein auf profitierte der 25-Jährige von dem Wohlstand, den der Reaktor dem 3.400-Einwohner Dorf am Main bescherte.
"Wir haben eine perfekte Schule, Bibliothek, Skaterplätze - also von der Gemeinde wurde, durch die Gewerbesteuer begünstigt, extrem viel gemacht."
Mack trägt ein leuchtend blaues Poloshirt mit dem Logo seines Familienbetriebs. Gemeinsam mit seinem Vater ist der junge Sanitär- und Elektromeister als Pionier für regeneratives Heizen unterwegs. Ausgerechnet im Atom-Dorf Grafenrheinfeld. Wo früher Kies und Sand auch für den Bau des Atomkraftwerks produziert wurden, lassen die Macks seit einem halben Jahr Berge von Hackschnitzeln für ihre Heizwerke trocknen. Die Energiewende haben sie nicht herbei gesehnt, aber sie profitieren davon.
Im ältesten deutschen AKW Grafenrheinfeld sind die Brennstäbe bis Monatsende abgebrannt. Sie für eine kurze Restlaufzeit auszutauschen, wäre unwirtschaftlich, zumal dafür zusätzlich die Brennelemente-Steuer anfiele. Deshalb drückt der Energiekonzern Eon Ende Juni den Aus-Knopf.
Gedämpfte Feierlaune
4.000 Menschen aus dem gesamten Landkreis Schweinfurt sind zum "Abschaltfest" auf dem Marktplatz der unterfränkischen Industriestadt gekommen. Darunter Atomkraftgegner, die schon seit Planungsbeginn vor vier Jahrzehnten gegen das AKW protestierten. Und solche, die stellvertretend für sie alle vor Gericht zogen. Wie Hans Fischer als einer von neun Klägern:
"In Schwebheim haben wir ja traditionell ein Kräuter-Anbaugebiet, und ich hab wirklich am Anfang sehr krasse Angst gehabt, Mensch, Kräuter im Schatten des Kühlturms - da kaufen wir doch nix mehr. Ich hab damals auch noch Viehhaltung gehabt. Wenn da was passiert, und du musst absiedeln - der ganze Betrieb war einfach gefährdet."
Die Klage wurde am Ende abgeschmettert. Doch jetzt fahren Fischer und seine Mitstreiter von den Bürgerinitiativen einen späten Sieg ein. Laut Atomgesetz hätte man das AKW nie in Betrieb nehmen dürfen, davon ist der Landwirt überzeugt. Die Entsorgung des hoch radio-aktiven Mülls sei ja bis heute ungeklärt. Dass die Gebäude zum größten Teil gar nicht belastet sein sollen, wie das bayrische Umweltministerium behauptet, will Hubert Lutz von der Schweinfurter Bürgeraktion und Bürgerinitiative nicht glauben:
"Die Betreiber stellen sich da natürlich günstige Lösungen vor, die zum Beispiel heißen, dass man schwach radioaktiv verstrahlte Materialien, zum Beispiel Beton, gegebenenfalls einfach nur vermischt, so lange mit anderen unverstrahlten Materialien vermischt, bis man Grenzwerte unterschreitet und das dann einfach wieder in die Umwelt ausbringt. Und das kann ja nicht Sinn der Sache sein. Da sind wir vehement dagegen."
Und genau das dämpft die Feierlaune mancher auf dem Marktplatz:
"Dass die Halbwertzeit ja Jahrtausende braucht, bis es unwirksam ist. Aber ich finde es gut, ein Anfang ist gemacht."
Aber eben auch nicht mehr, meinen viele. Genau deshalb sammeln die Aktivisten neben Geld für die weitere Arbeit auch Unterschriften: Fürs beschleunigte Abschalten der restlichen acht AKW bundesweit und einen Atomausstieg, den die Energiekonzerne und nicht die Steuerzahler finanzieren sollen. Jochen Stay steht am Stand der bundesweit aktiven Organisation "Ausgestrahlt".
"Wir erleben ja gerade, dass sich zum Beispiel Eon aufspaltet, und seine Kohle- und Atomsparte ausgliedern will, und dann aber auch nicht dafür haften will, wenn das Geld, was zurückgestellt wurde für den Abriss und die Atommülllagerung, nicht reichen sollte. Und dagegen wehren wir uns und sagen nein, das müssen auch die zahlen, die die ganze Zeit verdient haben."
"Zehn Millionen Gewerbesteuer - das muss man sich woanders herholen"
In Schweinfurt wird der Atomausstieg auf bayrisch gefeiert, mit Blaskappelle. Im benachbarten Grafenrheinfeld dagegen sorgen sich manche. 90 von 300 Arbeitsplätzen will Eon bis Ende 2016 abbauen. Auch Gerhard Riegler, der seit Jahrzehnten für den Konzern arbeitet, muss aufhören.
"Ich gehe in Vorruhestand, wenn mein Chef mich lässt."
Als stellvertretender Bürgermeister nimmt Riegler seinem Parteifreund Horst Seehofer bis heute übel, dass er dem vorzeitigen Aus zugestimmt hat.
"Zehn Millionen Gewerbesteuer im Jahr für den ganzen Landkreis Schweinfurt - das muss man sich erst mal irgendwo anders herholen."
Die Kindergarten-Gebühren hat Grafenrheinfeld schon mal erhöht. Am 27. Juni wird abgeschaltet. Wie immer wird Andreas Mack am Morgen danach aus dem Fenster über die Felder aufs Atomkraftwerk schauen. Und sich dann wohl fragen:
"Was ist passiert, wo ist der Dampf hin? Weil - wenn ich auf die Kühltürme schaue jeden Tag, weiß ich, wie am nächsten Tag das Wetter wird. Des ist dann weg."