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StartseiteCorso"Guantanamo Kid" - der jüngste Gefangene17.06.2019

Graphic Novel"Guantanamo Kid" - der jüngste Gefangene

Gerade mal 14 Jahre alt ist Mohammed el Gharani, als er kurz nach den Attentaten vom 11. September nach Guantanamo gebracht wird. Der Vorwurf: Er sei Terrorist. Journalist Jérôme Tubiana hat die Geschichte recherchiert und als Graphic Novel veröffentlicht

Von Andrea Heinze

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(© Jérôme Tubiana, Alexandre Frank / Carlsen Verlag, Hamburg 2019)
Der jüngste Gefangene von Guantanamo (© Jérôme Tubiana, Alexandre Frank / Carlsen Verlag, Hamburg 2019)
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Nein, der 14jährige Mohammed el Gharani lässt sich nicht mal im Militärgefängnis von Guantanamo einfach nur zum Opfer machen: Er schlägt zurück, fordert die anderen Gefangenen auf, ihre Fäkalieneimer ebenfalls durch die Gitter der Zellen auf die Wärter kippen und zettelt immer wieder zivilen Ungehorsam an und sogar einen Hungerstreik. Genau deshalb ist Mohammeds Geschichte so bekannt.

Jérôme Tubiana: "Er war unter den Inhaftierten sehr bekannt, weil er so ein Provokateur war und auch ein Anführer. Als dann Anwälte Zugang zu Guantanamo bekommen haben, sind sie schnell auf ihn aufmerksam geworden und haben seinem Fall eine besondere Priorität gegeben. Seine Inhaftierung war illegal wie die von vielen Anderen, weil die Vorwürfe unhaltbar waren. Sie war aber auch illegal, weil er wie ein Erwachsener behandelt wurde, obwohl er doch ein Kind war.

Glaubwürdig oder unglaubwürdig?

Jérôme Tubiana ist Journalist und gilt als Experte für die Sahara-Region. Ein Kollege hatte ihn auf den Fall Mohammed el  Gharani aufmerksam gemacht und wollte wissen, ob die Geschichte des Jungen glaubwürdig sei.

Mohammed ist Staatsbürger des Tschad und lebte mit seiner Familie als Migrant in elenden Verhältnissen in Saudi Arabien. Nach Pakistan sei er durchgebrannt, weil er sich dort bei dem Onkel eines Freundes in Informatik ausbilden lassen wollten –  so Mohammed.

Tubiana prüfte den Fall, der ihn nicht mehr los lies. Vor acht Jahren hat er die ersten Artikel über die Geschichte veröffentlicht. Damals war Mohammed El Gharani gerade aus der Haft entlassen. Seitdem haben sich die beiden immer wieder getroffen.

 Eine Graphic Novel, die den journalistischen Regeln folgt

"Mohammed kann so gut Geschichten erzählen! Und er hat dabei geholfen, dass wir  - noch während das Buch gezeichnet wurde - alles gegenchecken konnten: Zum Beispiel wie die Gefangenen mit Handschellen gefesselt wurden – Hände vorn oder auf dem Rücken. Oder wie die Gebäude genau aussehen. Wir wollten eine Graphic Novel machen, die den journalistischen Regeln folgt. Wir haben gekürzt und Aussagen in eine andere Reihenfolge gepackt und sonst nichts. Wir haben wirklich die Realität abgebildet."

Mohammed el Gharani erzählt Jérôme Tubiana von bitterkalt eingestellten Klimaanlagen, von lauter Popmusik, die die Inhaftierten mürbe machen soll und von Wärtern, die Inhaftierten helfen und von Wärtern, die aus reiner Lust an der Erniedrigung misshandeln. Mohammed el Gharani beschreibt eine sogenannte Schnelle Eingreiftruppe, die die Inhaftierten fesselt und mit Pfefferspray traktiert, beschreibt Elektroschocks und andere Foltermethoden.

Informationen gegenchecken

Vieles von dem, was Mohammed über die Zustände in Guantanamo erzählt, wird von den amerikanischen Behörden dementiert. Ist das also wirklich die Wahrheit, die in dem Comic erzählt wird – oder eine sehr subjektiv gefärbte Variante eines ehemaligen Inhaftierten?

"Vor allem am Anfang war es nicht leicht, die Informationen zu checken. Mohammed war einer der ersten Inhaftierten, die freigelassen wurden und der darüber geredet hat. Zum Beispiel über die Folter mit den Elektroschocks und ich war erst mal überrascht darüber. Deshalb habe ich zuerst mit den Anwälten gesprochen, weil die Zugang zu den Akten von vielen Gefangenen haben. Wenn man einen Inhaftierten hat, der etwas sehr Spezielles erzählt, da kann man Zweifel haben, ob das wahr ist. Wenn aber 20 Menschen das Gleiche erzählen, dann wird das wahrscheinlicher. Und ich habe dabei festgestellt, dass Mohammeds Berichte bemerkenswert präzise und akkurat waren."

Arabisches Schriftzeichen als Vogel

Der Zeichner Alexandre Franc hat diese Geschichte vom jüngsten Gefangenen Guantanamos mit einfachen schwarzen Strichen erzählt. Er zeichnet, wie sich Mohammed unter den schmerzhaften Prügeln krümmt, wie er aufbegehrt. Immer wieder mischen sich arabische Schriftzeichen in seine schwungvollen Striche.

Wenn Mohamed Hoffnung schöpft, verwandelt sich die arabische Schrift schon mal in einen Vogel, der durch die vergitterten Fenster nach draußen fliegt. Und dann erinnert Alexandre Franc auch an die anderen Gefangenen und Wärter – denn alle Personen in diesem Comic gibt es wirklich.

"Es gibt viele Details, die die Geschichte wie einen humoristischen Funny-Comic wirken lassen. Er ist sehr vom "Tim und Struppi"- Erfinder Hergé beeinflusst und Hergé hat eine unglaublich ironische Art, mit den Charakteren umzugehen. Alexandre hat zum Beispiel manche Wärter ungeheuer dumm oder lustig wirken lassen. Wir wollen die Leser nämlich auch unterhalten. Es ist eine Geschichte, die das Leben geschrieben hat. Und es gibt viel Unglück, aber es gibt auch gute Momente."

Freigesprochen nach 8 Jahren Haft in Guantanamo

Mohammeds Geschichte zeigt, wie irrational die amerikanische Regierung den Terror von Al Quaida bekämpft hat. Mohammed el Gharani war inhaftiert, weil man ihm vorwarf, er habe sich bereits 1993 einer geheimen Al Quaida Zelle in London angeschlossen. Dabei hatte er bis zu seiner Reise nach Pakistan niemals Saudi Arabien verlassen. Und: Als er in London gewesen sein soll, war er erst 6 Jahre alt. Vor allem letzteres sei unglaubwürdig, urteilte das US-Gerichts, dass Mohammed el Gharani freigesprochen hat. Nach 8 Jahren Haft in Guantanamo.

Guantanamo Kid (Hardcover) -  Die wahre Geschichte des Mohammed el Gharanion
Jérôme Tubiana - Text, Alexandre Franc - Zeichnungen
Carlsen Verlag, 20 €

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