Freitag, 19. August 2022

Archiv


Gratwanderung

Mäusekot im Müsli oder Kakerlakenpanzer auf der Fertigpizza dürften wohl den meisten von uns den Spaß am Essen verderben. Aber die Vorstellung von Mäusen, die halbzerquetscht von einer Schlagfalle langsam verenden ist wohl nicht weniger unappetitlich. Seit der Tierschutz als Staatsziel in das Grundgesetz aufgenommen wurde, muss zudem neu geprüft werden, welche Methoden zur Schädlingsbekämpfung in Zukunft noch legal sind. Götz Hildebrandt, Veterinänrmediziner an der Freien Universität Berlin, erläutert, dass sich die geänderte die Rechtslage nur für bestimmte Gruppen von Schädlingen auswirkt.

Von Andreas J. Schmitz | 05.05.2004

    Die Grundgesetzänderung ist auf dem Bereich der Schädlingsbekämpfung gar nicht so durchschlagend in ihren Folgen, weil die meisten Schädlinge nicht empfindungsfähige Organismen sind, überwiegend im Bereich der Insekten und Spinnentiere, Milben und Ähnliches gehören. Da wird sich nicht viel geändert haben. Wo wir glauben, dass es Folgen geben kann, ist im Bereich der empfindungsfähigen Tiere, weil jetzt mit einem Mal deren Schutz vor Leiden, Schäden und Schmerzen eine grundgesetzliche Verpflichtung ist.

    Als Empfindungsfähige Organismen betrachtet der Gesetzgeber ausschließlich Wirbeltiere. Die Schädlingsbekämpfer dürfen also für die Abwehr von Mäusen, Ratten und Vögeln zukünftig nur Methoden anwenden, die schnell und schmerzfrei töten. Die Schlagfalle zählt nicht dazu. Erlaubt sind dagegen Substanzen, die die Blutgerinnung hemmen und bewirken, dass die Tiere innerlich verbluten. Um das Leiden der Tiere bei dieser Tötungsmethode zu beurteilen, zieht der Tierarzt den Vergleich mit der Natur heran.

    Wenn man sich vorstellt, wie ´ne Katze mit ´ner gefangenen Maus umgeht, dann ist das sicher sehr viel brutaler, als wenn ein Tier inwendig verblutet, denn wir haben den Eindruck, dass die Tiere nicht groß leiden alleine von ihrem Verhalten her: sie fressen bis zuletzt, sie bewegen sich bis zuletzt. Das wäre im Grunde genommen gemessen an der Natur ein milder Tod.

    Bei wirbellosen Organismen, wie Schaben, Käfern und Milben spielen solche Überlegungen keine Rolle. Bei ihrer Bekämpfung geht es vor allem darum, Schäden für die menschliche Gesundheit abzuwenden, erläutert Joachim Kuntzer vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Denn die Schädlinge machen uns nicht nur unsere Vorräte streitig.

    Wenn man zum Beispiel dran denkt, dass eine Schabe am Körper zahlreiche Bakterien mit sich führen kann und wenn sie dann über ein Lebensmittel drüberläuft, das danach anschließend nicht mehr durcherhitzt wird, dann haben wir zum Beispiel einen Übertrag von Salmonellen auf die Speise.

    Allerdings rät der Lebensmittelexperte, den Kampf mit der chemischen Keule professionellen Schädlingsbekämpfern zu überlassen. Sonst könnten die eingesetzten Mittel unter Umständen mehr Schaden anrichten, als die Schadinsekten.

    Man darf nicht vergessen, diese Mittel sind ja alles Gifte. Die orientieren sich zunächst mal gegen die Schädlinge, aber sie sind genauso Gifte für den Menschen. Wenn ich zum Beispiel synthetische Pyrethroide nehme, die inhalativ vom Menschen aufgenommen werden, dann kann das zu folgenschweren Gesundheitsschädigungen kommen.

    Damit das Dilemma zwischen notwendigem Vorratsschutz und problematischen Bekämpfungsmaßnahmen gar nicht erst entsteht, konzentrieren sich die Experten nach Worten von Götz Hildebrandt immer stärker auf die Vorbeugung

    Ja, state of the art ist im Grunde genommen es gar nicht erst zu einem Befall kommen zu lassen, durch organisatorische Maßnahmen, wie Müllwegverschließen und ähnliche Dinge, insbesondere Baumaßnahmen, dass man versucht, dass die Schädlinge erst gar nicht in den Betrieb, in den Silo hineingelangen.

    Ähnliches gilt übrigens auch für die private Vorratshaltung. So sollte Abfall möglichst rasch aus der Küche entfernt und Lebensmittel in insektendichten Behältern aufbewahrt werden. Wer bereits Schädlinge in seinen Vorräten gefunden hat, dem bleibt nicht anderes übrig, als alle befallenen Verpackungen wegzuwerfen und Schränke und Regale gründlich auszusaugen. Vom feuchten Wischen raten die Experten dagegen dringend ab. Denn Feuchtigkeit verbessert die Lebensbedingungen für die Brut von Schadinsekten und der Kampf um Müsli und Mehl könnte noch lange weitergehen.