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Gravierendes Defizit

Deutschland investiert - im internationalen Vergleich - nur Peanuts in die Doping-Prävention. Und so verwundert es nicht, dass die Prüfer des Euoparates den Deutschen in Sachen Prävention ein gravierendes Defizit bescheinigen.

Von Grit Hartmann | 16.05.2010

Vor einer Woche, am Tag, an dem die Nationale Antidopingagentur Nada ihre Jahresbilanz für 2009 vorstellte, verbreitete auch das Bundesministerium des Innern eine Pressemitteilung. Während die Nada verkündete, dass bei einer Rekordzahl von 14.000 Dopingkontrollen gerade einmal 34 Athleten mit verbotenen Stoffen aufgefallen sind, assistierte das BMI mit der Headline: "Deutsche Dopingbekämpfung erfährt internationale Anerkennung". Dergestalt resümiert wurde der Bericht eines Expertenteams zur Frage, wie die Bundesrepublik die Europäische Antidoping-Konvention umgesetzt habe Der Report lobe "ausgezeichnete Aktivitäten in der Dopingprävention, insbesondere den Nationalen Dopingpräventionsplan", ließ das BMI wissen, empfehle aber auch, die "herausragenden Bemühungen noch weiter zu steigern".

Von Herausragendem ist in dem 56-seitigen Bericht indes nicht wirklich die Rede. Im Gegenteil: Die Prüfer des Euoparates bescheinigen in Sachen Prävention ein gravierendes Defizit. Unmissverständlich formulieren sie, mehr finanzielle Unterstützung vom Bund und von den Ländern sei nötig, um Athleten gegen Drogenmissbrauch zu immunisieren.

Der Bedarf liegt spätestens offen, seit klar ist, dass die Jahresbilanzen der Nada eher von unwirksamen Kontrollen künden als vom sauberen deutschen Sport, seit also empirische Studien von Wissenschaftlern in den Jahren 2005 und 2009 ergaben, dass der Anteil gedopter Topathleten hierzulande bei mindestens 25 Prozent liegt und auch schon 6,8 Prozent der Nachwuchssportler zu Dopingmitteln greifen.

Gerade einmal 300.000 Euro investiert die Bundesregierung für Prävention, das sind 0,2 Prozent des Sporthaushalts. Insgesamt - Ausgaben der Länder und des Sports mitgerechnet - beläuft sich die Summe auf eine knappe Million. Im internationalen Vergleich sind das Peanuts: Schon in Österreich zahlt allein der Bund 600.000 Euro. Frankreich, Europas Spitzenreiter, gibt jährlich zehn Millionen Euro in die Dopingprävention.

Der bescheidene Geldbetrag rechtfertigt den Wirbel um den im letzten Herbst von Bund, Ländern, Sport und Nada initiierten "Nationalen Dopingpräventionsplan" also kaum. Auch sonst hinkt das Vorhaben, das Aktivitäten bundesweit vernetzen soll, seinem hochtrabenden Namen noch weit hinterher: So steht nicht einmal fest, was in diesem Jahr mit den 300.000 Euro vom Bund gefördert wird. Wie das BMI auf Deutschlandfunk-Anfrage mitteilt, wird die sogenannte Steuerungsgruppe für den Nationalplan darüber auch nicht vor der Sommerpause befinden.

Für neun Projekte stellt das Ministerium Sponsoring in Aussicht. Bei denen handelt es sich jedoch ausschließlich um Unternehmungen der Nada, etwa deren Internetangebote für Nachwuchsathleten und Trainer oder Informationstouren durch die Eliteschulen des Sports. Was Fragen aufwirft: Handelt es sich beim Präventions-Etat des Bundes um einen verdeckten Zusatzposten für die Nada, die ohnehin über 4,5 Millionen Euro verfügt? Meint der Nationalplan nicht Vernetzung, sondern vielmehr Zentralisierung bei der Nada mit ihren gerade einmal zwei Mitarbeitern für Prävention? Herrscht größerer Mangel an Anträgen aus dem Sport, weil dem trotz allen Wortgeklingels an Prävention nicht sonderlich liegt?

Auf Letzteres hat schon im Jahr 2008 eine Studie der Technischen Universität München hingewiesen. Sie bescheinigte etwa den Spitzenverbänden mangelhaftes Interesse an Prävention. Kaum besser sieht es auf Landesebene und damit für den so wichtigen Nachwuchsbereich aus. Im Auftrag der Landesregierung Rheinland-Pfalz dokumentierte der Sportwissenschaftler Andreas Singler vom Heidelberger Zentrum für Dopingprävention kürzlich Alarmierendes. Jeder dritte Landesfachverband beteiligte sich gar nicht erst an der Befragung. Ansonsten meint jeder zweite Funktionär, es werde genug getan. Dabei beschränken sich Konzepte, sofern überhaupt vorhanden, darauf, Athleten über Antidoping-Regeln zu informieren und vor Risiken zu warnen.

Auffallend hoch war dagegen das Interesse an Themen, die eher auf Dopingmentalität deuten als auf den Willen zu ihrer Bekämpfung: etwa an legalen "Alternativen" zu verbotenen Substanzen.