Sonntag, 22. Mai 2022

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Griechenland
"Man käme mit dem Schrecken davon"

Ein möglicher Grexit wäre nach Einschätzung des ehemaligen Chefvolkswirts der Deutschen Bank Thomas Mayer "keine absolute Katastrophe". Da ohnehin niemand mehr glaube, dass Griechenland seine Schulden in vollem Umfang zurückzahlen könne, führe ein Ausscheiden des Landes aus der Eurozone nur zu einer Korrektur der Bilanzen, sagte der Ökonom im DLF. Man käme mit dem Schrecken davon.

Thomas Mayer im Gespräch mit Martin Zagatta | 13.06.2015

Thomas Mayer, ehemaliger Chef-Volkswirt der Deutschen Bank
Thomas Mayer, ehemaliger Chef-Volkswirt der Deutschen Bank (imago stock & people)
Zu möglichen Auswirkungen eines Grexit auf den Finanzmarkt sagte der ehemalige Chefsvolkswirt der Deutschen Bank Thomas Mayer im DLF: "Eine absolute Katastrophe à la Lehman sehe ich überhaupt nicht, denn Lehman war unheimlich vernetzt im internationalen Finanzsystem." Die US-Investmentbank Lehman Brothers hatte mit ihrer Pleite 2008 eine internationale Finanzkrise ausgelöst. Griechenland hingegen sei schon länger vom internationalen Finanzmarkt regelrecht abgeschnitten. Die Hauptgläubiger seien nur noch der Internationale Währungsfonds und der Europäische Stabilitätsmechanismus ESM.
Da ohnehin niemand mehr glaube, dass Griechenland seine Schulden in vollem Umfang zurückzahlen könne, führe ein Ausscheiden des Landes aus der Eurozone praktisch nur zu einer Korrektur der Bilanzen. Für die Menschen und die Wirtschaft in Griechenland habe ein Euro-Ausstieg hingegen verheerende Folgen, meinte Mayer. Im Falle der Insolvenz müsse Griechenland eine neue Währung einführen, die im Vergleich zu anderen Währungen deutlich weniger wert wäre. Für die wenigen exportorientierten Unternehmen im Land seien die Folgen nicht prognostizierbar. Lediglich die Tourismusbranche im Land würde wohl profitieren, da die ohnehin schon günstigen Urlaubsangebote für Ausländer noch billiger würden. Der Lebensstandard der Griechen würde weiter massiv sinken.

Das Interview in voller Länge:
Martin Zagatta: Wie so ein Grexit ablaufen würde, ein Ausscheiden Griechenlands technisch, wie das dann ablaufen würde, und ob man das dann genauso oder so gelassen sehe, wie uns Eckhardt Rehberg, der CDU-Politiker, das eben geschildert hat, das will ich mir jetzt von Thomas Mayer erläutern lassen, dem früheren Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Guten Morgen, Herr Mayer!
Thomas Mayer: Guten Morgen!
Zagatta: Herr Mayer, man sagt ja so schön, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, aber aus Ihrer Sicht, bei einem Grexit, bei einer Pleite Griechenlands, wie groß wäre denn dann der Schrecken?
Mayer: Na ja, der Schrecken wäre schon mal da. Die Märkte sind sehr nervös auf die Nachrichtenlage, gestern hatten wir noch mal einen Rückgang des DAX gesehen, also Schrecken gäbe es. Allerdings bin ich da mit den Vorrednern durchaus einer Meinung, dass die Auswirkungen eines solchen Grexit heutzutage weit besser handhabbar wären, mit Instrumenten, mit denen man das managen kann, sodass letztendlich ich denke, dass wir da mit dem Schrecken davonkommen. Also erhöhte Volatilitätsschwankungen, aber letztendlich keine nachhaltigen, gravierenden Folgen für die Märkte.
Zagatta: Aber da gibt es ja andere Wirtschaftswissenschaftler, die sagen da eine regelrechte Katastrophe voraus und befürchten auch, dann müsste Deutschland ja im Prinzip auch 80 Milliarden Euro abschreiben.
Mayer: Also zum einen weiß natürlich niemand, wie genau die Märkte reagieren, aber eine absolute Katastrophe à la Lehman, wie das manche sagen, sehe ich überhaupt nicht, denn Lehman war unheimlich vernetzt im internationalen Finanzsystem. Griechenland ist seit einiger Zeit komplett abgeschnitten vom internationalen Finanzsystem. Die Gläubiger sind im Wesentlichen jetzt der ESM und der IWF, also Internationaler Währungsfonds und der Schuldenmechanismus, und da gäbe es natürlich Abschreibungen. Man muss aber realistisch sein und sagen, das Geld ist sowieso verloren, wir haben es nur noch nicht abgeschrieben heutzutage. Niemand glaubt, dass Griechenland die Schuld jemals wieder in vollem Umfang zurückzahlen kann. Also insofern wäre das eigentlich nur eine Berichtigung der Bücher.
Zagatta: Also Sie sagen, für die internationalen Märkte, auch für Deutschland wäre das zu verkraften, aber was würde denn so ein Grexit aus Ihrer Sicht für die Menschen in Griechenland bedeuten?
Mayer: Es würde einen weiteren Wohlstandsverlust bedeuten, ohne Frage. Die griechische Seite hat ja gelegentlich argumentiert, dass das Geld, das sie bekommen haben von ihren Partnern, dass das im Wesentlichen dazu da gewesen wäre, um die Banken zu bezahlen, also die europäischen Banken und Versicherungen, die ihnen vorher Geld geliehen haben. Das stimmt nicht so.
Zagatta: Wieso?
Mayer: Ein erheblicher Teil, rund 100 Milliarden Euro, wurden in den letzten fünf Jahren dazu verwendet, die griechischen Lebensumstände, den griechischen Lebensstandard höher zu halten, als es anderweitig der Fall gewesen wäre. Das Land hat in dieser Zeit noch Leistungsbilanzdefizite gehabt, also hat sich vom Ausland finanziert, um eine höhere Nachfrage halten zu können als anderweitig. Jetzt ist die Leistungsbilanz ausgeglichen, jetzt gingen weitere Zahlungen an Griechenland von offizieller Seite eigentlich nur zurück in die Tilgung früherer Schulden.
Zagatta: Herr Mayer, die EU beziehungsweise die Eurozone kann Griechenland ja nicht rauswerfen, das ist vertraglich nicht vorgesehen. Wie würde denn eine solche Pleite dann ablaufen? Die Griechen wären dann gezwungen, eine Ersatzwährung einzuführen.
Mayer: Also die Sache wäre ja die: Sobald es einen offiziellen Zahlungsausfall gibt – der würde dann entstehen, wenn die Griechen fällige Rückzahlungen an die Anleihebesitzer nicht leisten können, und das ist höchstwahrscheinlich im Juli der Fall, wenn sie kein neues Geld bekommen –, dann wäre ein Zahlungsausfall da. Wenn ein Zahlungsausfall da ist, dann kann die EZB von den griechischen Banken die Anleihen, die die griechischen Banken haben, die vom Staat begeben worden sind, nicht mehr als Sicherheit akzeptieren, um den Banken Geld zu geben. Außerdem würden dann etwa 40 Prozent des Eigenkapitals der Banken ausfallen, denn das ist dadurch gedeckt, dass die Banken dafür Steuerforderungen an den Staat eingestellt haben, aber ein bankrotter Staat kann natürlich für diese Steuerforderungen nicht einstehen. Also lange Rede, kurzer Sinn: Die Banken wären pleite, der Staat wäre pleite, die Banken wären pleite, und das würde bedeuten, dass Griechenland dann eine eigene neue Währung einführen müsste.
Zagatta: Würde das sehr viel helfen, weil Griechenland, ich frag's deshalb, weil Griechenland hat ja eigentlich keine Exportwirtschaft, also vielleicht Olivenöl, würde da eine abgewertete Währung überhaupt sehr viel helfen oder dann erst recht für Armut sorgen?
Mayer: Ob es den Exporteuren hilft, darüber lässt sich streiten. Wahrscheinlich würde es dem Tourismus etwas helfen, weil die Urlaubsaufenthalte in Griechenland dann noch billiger würden. Ob dem Rest helfen würde, ist fraglich, aber Sie haben ganz recht, der Lebensstandard würde weiter runtergehen. Das Land hat bis zur Krise weit über seine Verhältnisse gelebt, im Verlauf der Krise ist da schon sehr viel verloren gegangen, ein Ausscheiden aus dem Euro würde jetzt den Lebensstandard noch weiter drücken.
Zagatta: Sie haben sich ja kürzlich selbst mit Tsipras und Varoufakis getroffen und – so habe ich zumindest gelesen – den beiden dann auch die Einführung einer Zweitwährung vorgeschlagen. Die waren nicht begeistert, oder wie haben die reagiert?
Mayer: Also sie hatten sich, als ich in Athen war, das kommentarlos angehört, und später sagte mir dann Varoufakis, daran hätten sie kein Interesse. Inzwischen ist diese Idee einer griechischen Zweitwährung zum Euro sowieso nicht mehr umsetzbar, denn hinter dieser Idee stand die Annahme, dass der griechische Staat und damit das Bankensystem eben keinen Bankrott hinlegen würden. Die Idee war, dass die Griechen zunächst einmal genügend Euro sammeln würden, also aus ihrer eigenen Wirtschaft, aber auch, indem sie die Auflagen der Gemeinschaft erfüllen würden, des ESM, der Institutionen erfüllen würden, sodass sie genügend Euro hätten, um keinen Zahlungsausfall hinzulegen. Dann könnten sie, hätten sie vielleicht durch eine solche Parallelwährung zusätzliche Ausgaben, die sie ihren Wählern versprochen haben, finanzieren können. Also zum Beispiel hätten die Rentensenkungen nicht voll durchführen...
Zagatta: Aber dafür ist es ohnehin zu spät. Letzte Frage: Wie haben Sie denn die beiden Politiker erlebt da im persönlichen Gespräch? Die werden uns ja als höchst unseriös dargestellt in letzter Zeit oder in vielen Berichten.
Mayer: Die sind nicht unseriös. Also Herr Varoufakis ist ein ernst zu nehmender Ökonom, dessen Ansicht ich nicht teile, aber mit dem man seriös sprechen kann. Und Herrn Tsipras habe ich als jemand erlebt, der Versprechungen an seine Wähler gemacht hat und jetzt große Schwierigkeiten hat, diese Versprechungen einzuhalten. So oder so muss er im Grunde genommen Versprechen brechen. Entweder er bricht die Versprechungen gegenüber seinen Wählern oder er bricht die Versprechungen gegenüber den Gläubigern.
Zagatta: Thomas Mayer, der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank, heute Morgen im Deutschlandfunk. Herr Mayer, ich bedanke mich für das Gespräch!
Mayer: Danke Ihnen!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.