Samstag, 02. Juli 2022

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Griechenland
Weg vom Schreibtisch, hin zur Feldforschung

Seit vielen Jahren bemüht sich ein griechisch-stämmiger Australier und Archäologie-Professor, seine Studenten zur Feldforschung in Methoni zu bewegen. Der Ort liegt südlich von Thessaloniki und war im 4. Jhd. v. Chr. der wichtigste Handelshafen Nordgriechenlands. Dort profitieren nicht nur die wissenschaftlichen Arbeiten von einem engen Kontakt zum Land und den Einheimischen.

Von Marianthi Milona | 23.11.2014

Die Flagge Griechenlands weht im Sommerwind.
Forschungsgrabungen in der griechischen Hafenstadt Methoni sind nicht nur für den archäologischen Nachwuchs interessant. (dpa / Maurizio Gambarini)
Ein reich gedeckter Tisch, Menschen die sich angeregt und entspannt unterhalten. Und im Hintergrund entlädt sich das Meer in einem unverwechselbaren Rausch spielerisch entlang eines Sandstrandes. Und dennoch, was man hört, ist keine typische Sommerurlaubsidylle.
"Es ist ganz einfach. Wir sind hier, um archäologische Studien im antiken Methoni zu betreiben. Junge Archäologen aus den USA, Kanada und Australien arbeiten in fünf Arbeitsgruppen. Gruppe 1 ist am Graben, Gruppe 2 erforscht die Erdoberfläche, Gruppe 3 beschäftigt sich mit Geophysik, Gruppe 4 mit der Geomorphologie und schließlich testen die Leute in Gruppe 5 die Lider-Methode aus. Dies dient zur Abmessung des Geländes. Diese Methode wird zum ersten Mal in Griechenland und zum ersten Mal überhaupt in der Archäologie eingesetzt."
Der Professor für Klassische Geschichte und Archäologie von der Uni Los Angeles, John Papadopoulos, wirkt trotz der vielen Arbeit ganz entspannt. Denn das diesjährige Forschungsprogramm geht langsam seinen Ende zu. Seit vielen Jahren bemüht sich der griechisch-stämmige Australier darum seine Studenten vom Schreibtisch weg, hin zur unmittelbaren Feldforschung zu bewegen. Um Geschichte zu verstehen, muss man das Land kennenlernen, das ist Papadopoulos-Theorie. Der enge Kontakt zu Land und Leuten ist für seine jungen Nachwuchskollegen vermutlich von noch größerem Wert, als die reine Forschungsarbeit auf dem Gelände.
Und so hat es vor vielen Jahren auch der Kanadier Miles Chyqirda erlebt. Als er seinen Doktor in Archäologie vorbereitete. Mit Schwerpunkt: die militärischen Architekturbauten antiker Städte im 4. Jh. v. Chr. Seitdem erforscht er Stadtmauern, Wehrtürme und sucht nach Hinweisen, die Aufschluss über den Kostenaufwand der Bauten geben und die politische Lage, unter der sie entstanden sind.
Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung
Ein Gespür für die historischen Ereignisse in der Antike hat Miles aber auch über den Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung gewinnen können. Die Art und Weise wie die Menschen hier miteinander umgehen, wie sie leben, was sie essen, wie sie mit Aggression umgehen, erlaubt ihm Rückschlüsse, zu ziehen, auf das Leben in der Antike. Beeindruckt hat ihn vor allem das große Bedürfnis der Griechen nach Zusammengehörigkeit.
"Die Menschen kamen zuerst an die Ausgrabungsstätte und haben Fotos von uns gemacht. Aber mit den Jahren haben sie uns ihre Türen geöffnet. Ich weiß nicht, ob sie das verstehen können. Wir sind ja nur immer einige Wochen im Jahr hier. Aber sie erlauben uns, selbst Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, ich habe Menschen heranwachsen gesehen. Es gibt Jungs die heute 22 sind, aber als ich sie kennenlernte, da waren sie erst zwölf. Da entsteht eine ganz andere Beziehung zu der griechischen Gesellschaft. Als bloßer Tourist kommst du niemals dahin. Du reist nach Athen, kletterst den Parthenon hinauf und besuchst schließlich irgendeine Insel. Mehr nicht."
Debby Sneed ist jünger als Miles Chyqirda. Aus dem provinzialischen Wyoming stammend, ging sie nach LA, um Archäologie zu studieren. Und hat gerade ihren Abschluss darin gemacht. In ihrer Doktorarbeit will sie sich mit dem Thema der Behinderung im antiken Griechenland auseinandersetzen. In diesem Jahr ist sie sechs Wochen in Griechenland mit dabei. Die Archäologin hat die unmittelbare Nähe zur einheimischen Bevölkerung sehr zu schätzen gelernt. Ob es der Lebensmittelhändler ist oder der Restaurantbesitzer.
"Sie erzählen uns immer etwas Neues, über sich selbst und über ihr leben. Mich fasziniert aber mehr dieser direkte Kontakt zu ihrer Geschichte und der Archäologie. Auf einmal kommt der Sohn des Café-Besitzers auf dich zu und zeigt dir sein Archäologiebuch. Er kennt sich aus und spricht darüber. Es ist unglaublich welche Erfahrungen die Menschen hier haben und welche Bezüge sie zur Archäologie herstellen."
Plötzlich schweift der Blick der jungen Frau aufs Meer hinaus. Mit ausgestreckter Hand zeigt sie auf die Muschelbänke in der Ferne. Und ihre Augen beginnen, zu glänzen.
"Ich bin aus Wyoming. Wir sind von Land umgeben. Es gibt bei uns keine Meeresfrüchte. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Meeresfrüchte, vor allem Muscheln gegessen. Egal, wie sie zubereitet werden. Lachen sie nicht, es ist wahr, es ist das erste Mal in meinem Leben. Ich habe noch nie zuvor einen Oktopus gegessen. Ich liebe das hier einfach."
Vortragsabende für Bevölkerung
Kontakt zur Bevölkerung erhalten die jungen Forscher aber nicht nur in ihrer Freizeit. Auch bei den täglichen Ausgrabungen am Gelände schauen die Griechen immer wieder vorbei.
"Sie fragen, was wir da machen und wollen verstehen, was bei ihnen vor Tausenden Jahren genau passiert ist. Deshalb veranstaltet unser Leiter Papadopoulos Vortragsabende, in denen er die Bevölkerung über die Ausgrabungen aktuell informiert. Die Leute bringen uns Süßigkeiten und Essen vorbei und schauen was wir gefunden haben. Das Unglaubliche für mich ist: Wenn wir ihnen einen Gegenstand zeigen, dann sagen sie oft fast unberührt: 'Oh ja, wir wissen, was das ist.'"
Archäologe Papadopoulos bittet ums Wort. Heute, an einem der letzten Abende ihres diesjährigen Aufenthalts gäbe es etwas zu feiern, erklärt er. Die junge Debby Sneed habe Geburtstag. Ihren 27.
Als die Geburtstagstorte serviert wird und alle Anwesenden Griechen Debby ein Geburtstagsständchen auf Griechisch halten, erzählt die junge Archäologin, dass sie ihrer Familie daheim in Wyoming am Telefon erzählt, wie unglaublich glücklich sie in Griechenland ist. Weil sie hier vor Ort eine zweite Familie gefunden hat.