Es ist Feierabend und am Ausgang der U-Bahn-Station Gyeongbokkung-Palast werden die Pendler mit Musik empfangen. Ein Transporter, auf dem ein großer Bildschirm und Lautsprecher installiert sind, fungiert als mobile Karaokemaschine. Die Texte zum Mitsingen werden eingeblendet. Sie handeln alle von Präsidentschaftskandidat Moon Jae-In, der auf den Hintergrundvideos alten und jungen Menschen die Hände schüttelt und zusammen mit Rollstuhlfahrern Bowlingkugeln wirft. Die Videos sollen seine zentrale Botschaft unterstreichen: Südkorea braucht eine bessere Sozialpolitik.
Einige der Videos sind schwarz-weiss. Sie zeigen Bilder von Studentenprotesten aus den 70er-Jahren. Die sollen daran erinnern, dass auch Moon Jae-In einst gegen das Regime unter Diktator Park Chung-hee protestierte. Park Chung-hee ist der Vater der heutigen Präsidentschaftskandidatin Park Geun-Hye. Dieser Zusammenhang wird immer wieder betont – sowohl von ihren Unterstützern, als auch von ihren Gegnern, erklärt der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Seoul, Dr. Norbert Eschborn:
"Während die eine Hälfte, die jüngere, die links Stehenden, auf die sehr schlechte Menschenrechtsbilanz der Ära Pak Chung-hee hinweisen, bewerten die Älteren diese Ära genau umgekehrt und sagen: Ohne Park Chung-hee hätte Südkorea nicht diesen wirtschaftlichen Aufstieg genommen, der heute unseren Wohlstand begründet. Aus dem Grund ist die Treue der älteren Stammwählerschaft zu Park Guen-Hye natürlich auch sehr ausgeprägt."
Bei Park Guen-Hyes Wahlkampfauftritten sieht man tatsächlich vereinzelt Menschen, die Bilder ihres verstorbenen Vaters hochhalten. Er gewährte Firmen wie Samsung, Hyundai oder LG uneingeschränkte Finanzkredite und trieb so die Industrialisierung Südkoreas nach dem Krieg voran. Heute dominieren diese "Chaebol" genannten Konzerne die gesamte koreanische Wirtschaft - und das Alltagsleben. Selbst Krankenhäuser, Restaurants und Discount-Supermärkte gehören inzwischen zu Chaebol-Gruppen. Und diese sind auch die besten Anzeigenkunden der Zeitungen, üben damit einen gewissen Einfluss auf die Berichterstattung aus. Kim Woochan, Professor an der Businessschool der angesehenen Korea-Universität sieht das kritisch.
"Wenn ich im Ausland auf einem Flughafen das Samsung- oder LG-Logo sehe, dann bin ich stolz darauf, dass wir Unternehmen haben, die konkurrenzfähig sind, die mehr und mehr Produkte exportieren, die von Ausländern gekauft werden. Aber wenn es um die Familien geht, die diese Firmen kontrollieren, dann werden wir wütend, weil es so viele Skandale und Betrugsfälle gab."
Dazu kommt: Die Chaebol-Familien leben im Luxus. Zumeist im Gangnam-Viertel von Seoul das durch ein Musikvideo des Rappers PSY weltweit bekannt wurde. Doch den Gangnam-Style kann sich nicht jeder leisten. Viele Koreaner fühlen sich abgehängt. Vor allem seit der Asienkrise vor gut 15 Jahren, als etwa zwei Millionen Koreaner ihre Jobs verloren. Die großen Firmen erholten sich schnell. Doch nicht alle profitierten davon. Professor Kim Woochan:
"Im Allgemeinen sagen wir, dass das koreanische Wirtschaftswunder zum großen Teil auf dem Wachstum der Chaebol-Konglomerate beruht. Aber allmählich findet eine Entkopplung statt. Auch wenn die koreanischen Chaebols weiter wachsen, bedeutet das nicht, dass damit auch die Beschäftigungsrate der koreanischen Bevölkerung steigt."
Besonders die jungen, gut ausgebildeten Südkoreaner haben es schwer eine feste Anstellung zu finden. Die meisten von ihnen werden den Umfragen nach für Moon Jae-In stimmen. Der Kandidat der Vereinten Demokratischen Partei will Arbeitsplätze schaffen und verspricht, die koreanische Wirtschaft zu reformieren:
"In der kommenden Regierungszeit müssen wir das System der Chaebol-Konglomerate reformieren, damit wir dann die Wirtschaft demokratisieren können."
Ähnliches sagt aber auch Präsidentschaftskandidatin Park Geun-Hye:
"Unsere wirtschaftliche Situation ist im Moment wirklich schwierig. Das gilt besonders für die Geringverdiener, die lokalen traditionellen Märkte und die kleinen bis mittelständischen Unternehmen. Ich will das totalitäre Verhalten der Konglomerate einschränken und werde versuchen, das Wirtschaftssystem so zu reformieren, dass sowohl kleine wie auch große Wirtschaftseinheiten davon profitieren."
Park Guen-Hye, die Vorsitzende der eigentlich Chaebol-freundlichen Saenuri-Partei, hat also eine Wendung hin zur politischen Mitte vollzogen, hat Dr. Norbert Eschborn von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Seoul beobachtet:
"Saenuri ist nicht die klassische Partei der sozialen Gerechtigkeit. Aber die Saenuri kann nicht übersehen, was sich in der Bevölkerung tut. Es fehlt an einer aktiven und breiten Familienpolitik. Es fehlt an einer Sicherungspolitik im Sozialbereich. Viele ältere Menschen leben an der Armutsgrenze, weil sie noch nicht vom 1988 eingeführten Rentensystem profitieren können."
Die armen Alten – man kann sie nicht übersehen, wenn man in Südkoreas Hauptstadt U-Bahn fährt. In den unterirdischen Passagen sitzen ältere Frauen und verkaufen selbstgemachte Reiskuchen. Ihre männlichen Altersgenossen finden sich in der Station Jongnosamga ein – ganz in der Nähe einer Suppenküche. Es gebe sonst ja keinen Ort, wo sie hingehen könnten, meint der 69-jährige Han Yong-Hon:
"Das traditionelle Familiensystem gibt es nicht mehr. Jetzt, im Zeitalter der Kernfamilie, werden wir Alten vernachlässigt. Und das, obwohl die Alten so hart gearbeitet und zum Wohlstand beigetragen haben. Die Alten hier gehen zur Wohlfahrt, um kostenlos essen zu können. Aber manche halten die Einsamkeit nicht aus und begehen Selbstmord."
Tatsächlich ist Südkorea innerhalb der OECD das Land mit der höchsten Selbstmordrate und zugleich mit einer der der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Und so erscheint es nicht verwunderlich, dass sich der ganze Wahlkampf bisher vor allem mit einer einzigen Frage beschäftigt: Kann Südkorea ein sozialerer Staat werden?
Wer das Rennen um die Präsidentschaft macht, ist noch unklar. Eines aber steht fest: Er oder sie wird darauf eine Antwort finden müssen.
Einige der Videos sind schwarz-weiss. Sie zeigen Bilder von Studentenprotesten aus den 70er-Jahren. Die sollen daran erinnern, dass auch Moon Jae-In einst gegen das Regime unter Diktator Park Chung-hee protestierte. Park Chung-hee ist der Vater der heutigen Präsidentschaftskandidatin Park Geun-Hye. Dieser Zusammenhang wird immer wieder betont – sowohl von ihren Unterstützern, als auch von ihren Gegnern, erklärt der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Seoul, Dr. Norbert Eschborn:
"Während die eine Hälfte, die jüngere, die links Stehenden, auf die sehr schlechte Menschenrechtsbilanz der Ära Pak Chung-hee hinweisen, bewerten die Älteren diese Ära genau umgekehrt und sagen: Ohne Park Chung-hee hätte Südkorea nicht diesen wirtschaftlichen Aufstieg genommen, der heute unseren Wohlstand begründet. Aus dem Grund ist die Treue der älteren Stammwählerschaft zu Park Guen-Hye natürlich auch sehr ausgeprägt."
Bei Park Guen-Hyes Wahlkampfauftritten sieht man tatsächlich vereinzelt Menschen, die Bilder ihres verstorbenen Vaters hochhalten. Er gewährte Firmen wie Samsung, Hyundai oder LG uneingeschränkte Finanzkredite und trieb so die Industrialisierung Südkoreas nach dem Krieg voran. Heute dominieren diese "Chaebol" genannten Konzerne die gesamte koreanische Wirtschaft - und das Alltagsleben. Selbst Krankenhäuser, Restaurants und Discount-Supermärkte gehören inzwischen zu Chaebol-Gruppen. Und diese sind auch die besten Anzeigenkunden der Zeitungen, üben damit einen gewissen Einfluss auf die Berichterstattung aus. Kim Woochan, Professor an der Businessschool der angesehenen Korea-Universität sieht das kritisch.
"Wenn ich im Ausland auf einem Flughafen das Samsung- oder LG-Logo sehe, dann bin ich stolz darauf, dass wir Unternehmen haben, die konkurrenzfähig sind, die mehr und mehr Produkte exportieren, die von Ausländern gekauft werden. Aber wenn es um die Familien geht, die diese Firmen kontrollieren, dann werden wir wütend, weil es so viele Skandale und Betrugsfälle gab."
Dazu kommt: Die Chaebol-Familien leben im Luxus. Zumeist im Gangnam-Viertel von Seoul das durch ein Musikvideo des Rappers PSY weltweit bekannt wurde. Doch den Gangnam-Style kann sich nicht jeder leisten. Viele Koreaner fühlen sich abgehängt. Vor allem seit der Asienkrise vor gut 15 Jahren, als etwa zwei Millionen Koreaner ihre Jobs verloren. Die großen Firmen erholten sich schnell. Doch nicht alle profitierten davon. Professor Kim Woochan:
"Im Allgemeinen sagen wir, dass das koreanische Wirtschaftswunder zum großen Teil auf dem Wachstum der Chaebol-Konglomerate beruht. Aber allmählich findet eine Entkopplung statt. Auch wenn die koreanischen Chaebols weiter wachsen, bedeutet das nicht, dass damit auch die Beschäftigungsrate der koreanischen Bevölkerung steigt."
Besonders die jungen, gut ausgebildeten Südkoreaner haben es schwer eine feste Anstellung zu finden. Die meisten von ihnen werden den Umfragen nach für Moon Jae-In stimmen. Der Kandidat der Vereinten Demokratischen Partei will Arbeitsplätze schaffen und verspricht, die koreanische Wirtschaft zu reformieren:
"In der kommenden Regierungszeit müssen wir das System der Chaebol-Konglomerate reformieren, damit wir dann die Wirtschaft demokratisieren können."
Ähnliches sagt aber auch Präsidentschaftskandidatin Park Geun-Hye:
"Unsere wirtschaftliche Situation ist im Moment wirklich schwierig. Das gilt besonders für die Geringverdiener, die lokalen traditionellen Märkte und die kleinen bis mittelständischen Unternehmen. Ich will das totalitäre Verhalten der Konglomerate einschränken und werde versuchen, das Wirtschaftssystem so zu reformieren, dass sowohl kleine wie auch große Wirtschaftseinheiten davon profitieren."
Park Guen-Hye, die Vorsitzende der eigentlich Chaebol-freundlichen Saenuri-Partei, hat also eine Wendung hin zur politischen Mitte vollzogen, hat Dr. Norbert Eschborn von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Seoul beobachtet:
"Saenuri ist nicht die klassische Partei der sozialen Gerechtigkeit. Aber die Saenuri kann nicht übersehen, was sich in der Bevölkerung tut. Es fehlt an einer aktiven und breiten Familienpolitik. Es fehlt an einer Sicherungspolitik im Sozialbereich. Viele ältere Menschen leben an der Armutsgrenze, weil sie noch nicht vom 1988 eingeführten Rentensystem profitieren können."
Die armen Alten – man kann sie nicht übersehen, wenn man in Südkoreas Hauptstadt U-Bahn fährt. In den unterirdischen Passagen sitzen ältere Frauen und verkaufen selbstgemachte Reiskuchen. Ihre männlichen Altersgenossen finden sich in der Station Jongnosamga ein – ganz in der Nähe einer Suppenküche. Es gebe sonst ja keinen Ort, wo sie hingehen könnten, meint der 69-jährige Han Yong-Hon:
"Das traditionelle Familiensystem gibt es nicht mehr. Jetzt, im Zeitalter der Kernfamilie, werden wir Alten vernachlässigt. Und das, obwohl die Alten so hart gearbeitet und zum Wohlstand beigetragen haben. Die Alten hier gehen zur Wohlfahrt, um kostenlos essen zu können. Aber manche halten die Einsamkeit nicht aus und begehen Selbstmord."
Tatsächlich ist Südkorea innerhalb der OECD das Land mit der höchsten Selbstmordrate und zugleich mit einer der der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Und so erscheint es nicht verwunderlich, dass sich der ganze Wahlkampf bisher vor allem mit einer einzigen Frage beschäftigt: Kann Südkorea ein sozialerer Staat werden?
Wer das Rennen um die Präsidentschaft macht, ist noch unklar. Eines aber steht fest: Er oder sie wird darauf eine Antwort finden müssen.