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Großer Idealist in kleinem Körper

Daniel Stein, der Titelheld dieses Buches, ist eine fiktive Romangestalt. Seine Biographie jedoch ist fast identisch mit der seines Prototypen, des Karmeliterpaters Oswald Rufeisen, den die Autorin persönlich kennengelernt hat. In dessen aufregendem und abenteuerlichen Lebensweg verdichtet sich auf ganz einzigartige Weise die verhängnisvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Von Karla Hielscher | 05.03.2009

1922 in einer jüdischen Familie in Galizien geboren, war er zunächst in der zionistischen Jugendbewegung aktiv. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs - auf der Flucht vor den Deutschen in Polen, Litauen und Weißrussland herumirrend - konnte er sich aufgrund seiner hervorragenden Sprachkenntnisse als Deutscher ausgeben und arbeitete als Dolmetscher bei der Gestapo. Dabei gelang es ihm, 300 Juden vor der Liquidierung ihres Ghettos zur Flucht zu den Partisanen zu verhelfen.

Nach der Rückeroberung des Landes durch die Rote Armee war er vorübergehend beim NKWD, der stalinistischen Geheimpolizei tätig. Während seine Eltern in Auschwitz starben, überlebte Rufeisen diese Jahre des Grauens von 1939-45, unter anderem in einem katholischen Kloster. Er konvertierte zum Christentum, trat nach Kriegsende dem Karmeliterorden bei und wurde zum Priester geweiht. 1959 siedelte er nach Israel über, wo er in Haifa eine Gemeinde mit Sozialzentrum und Altenheim aufbaute nach dem Vorbild der frühchristlichen - vor der Spaltung in jüdischen und christlichen Glauben noch einheitlichen - Kirche des Jakobus.

Sein Leben lang saß Bruder Daniel, wie er nach seinem Ordensbeitritt hieß, zwischen allen Stühlen: Israel verweigerte ihm die Anerkennung als jüdischer Staatsbürger und die katholische Kirche verfolgte das Treiben des undogmatischen Priesters, der die Messe auf hebräisch hielt, voller Argwohn. Für Wahrheitssucher aus aller Welt jedoch wurde er zu einer moralischen Institution. Nach seinem Tod 1998 zerfiel die Gemeinde, und sein großes Versöhnungsprojekt im heiligen Land, "wo sich die Geschichte der Menschheit konzentriert" scheiterte.

Diese Biographie, geprägt von Krieg, Holocaust, Faschismus und Stalinismus und den bis heute so dramatischen Folgen dieser historischen Katastrophen im Konfliktherd Israel, war es, die Ulitzkaja zu ihrem neuen Buch inspirierte. Für Menschen, die diesem tiefen Zivilisationsbruch in der Geschichte ausgesetzt waren, stellen sich grundlegende Existenz- und Glaubensfragen ganz neu. Der Wert des menschlichen Lebens, nationale Identität, jüdische Geschichte, Unterschiede in den Religionen, Gottsuche und die conditio humana überhaupt - das sind die Fragen, die Ulitzkaja in ihrem neuen Buch aufgreift, und sie geht mit dieser religiösen Thematik ein enormes Wagnis ein. Denn der Größe dieses Stoffes, der Wucht des Erzählten ist ihr neutraler, eindimensionaler Sprachstil nicht immer gewachsen.

Wer Bücher der Autorin kennt, der weiß, dass sie all diese Problemfelder nicht etwa abstrakt und theoretisch abhandelt, sondern anhand der Schicksale konkreter Menschen, in denen sich Historisches, Politisches und Privates untrennbar miteinander verbinden. Es geht um die ewigen Themen von Liebe und Ehe, um geglückte oder unerfüllte Sexualität, um die Spannungen zwischen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern, um Krankheiten und Unglücksfälle in den Familien, um den Alltag der Menschen.

Rund um die Hauptgestalt erfindet die Autorin ein buntes Geflecht von Figuren aus aller Welt, in deren Biographien sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt.

Bruder Daniel - das ist bei Ulitzkaja der Gerechte, der sein ganzes Leben der Versöhnung und Verständigung der Menschen gewidmet hat, der große Idealist in einem kleinen Körper, der auch als Mönch und Priester ein fröhlicher, humorvoller, tatkräftiger, ganz dem weltlichen Leben zugewandter Mensch mit einem weiten und sanften Herzen ist. Im russischen Original trägt das Buch den Titel "Daniel Stein. Perewodtschik", das heißt der Übersetzer. Denn Bruder Daniel, der viele Sprachen beherrscht, verkörpert das Prinzip des gegenseitigen Verstehens, des Brückenbauens zwischen Menschen, Völkern, Religionen.

Neben ihm seine Mitarbeiterin Hilda Engel, eine junge Frau aus München, die mit ihrem uneigennützigen sozialen Einsatz in Israel etwas gut machen möchte von der großen Schuld, die sie als Deutsche den Juden gegenüber empfindet.

In Gang gesetzt wird die Romanhandlung durch die in den USA lebende Ewa Manukjan - Kind einer dank Daniel Stein aus dem Ghetto geflohenen polnischen Jüdin, im Waldlager bei den Partisanen geboren, aufgewachsen in katholischen Waisenhäusern und sowjetischen Kinderheimen. Sie beginnt erst in den 80er-Jahren nach ihren lange verdrängten Wurzeln zu suchen und wird dabei konfrontiert mit einem ganzen Spektrum jüdischer Lebensschicksale, die eine jeweils unterschiedliche Sicht auf die Weltprobleme repräsentieren:

Da ist ihre Mutter, eine glühende Kommunistin, der ihr politischer Kampf ein Leben lang wichtiger war als ihre Kinder, die Jahre in polnischen Gefängnissen und stalinistischen Lagern saß und die nun unversöhnt und verbittert ihren Lebensabend in einem israelischen Altersheim verbringt; der Arzt, der bei der Geburt Ewas im Wald Hilfe leistete, ein bedeutender Chirurg und säkularer, assimilierter Jude, der erst durch die Erfahrung des Holocaust zu seiner nationalen Identität zurück fand und doch Israel wieder verlässt, als ihm bewusst wird, dass er in einem Haus lebt, das einem Araber gehört hat; der jüdische Intellektuelle aus der Sowjetunion, der nach Israel emigriert und sich dort zu einem rechtsextremen Nationalisten mit einer von Hass auf die Palästinenser geprägten Siedlerideologie entwickelt.

All diese und noch viele andere irgendwie miteinander verbundenen Lebensgeschichten werden nicht etwa linear erzählt, sondern setzen sich zusammen aus der Collage einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Textarten: Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Archivmaterial, Denunziationen beim KGB, Reiseprospekten, Zeitungsausschnitten, Tonbandprotokollen, Vorträgen vor Schülern.

Es gibt keine übergeordnete, allwissende Erzählergestalt, sondern diese echten oder erfundenen Dokumente aus ganz verschiedenen Zeiten demonstrieren die Innensicht der jeweiligen Person auf das Geschehen. Und aus diesen vielen Stimmen, die sich gegenseitig kommentieren und ergänzen, baut sich Schritt für Schritt die berührende Romanhandlung mit ihren vielen ineinander verschachtelten Geschichten auf. Der Leser muss sich aus den zahlreichen Mosaiksteinen des Textes dieses umfassende Panorama menschlichen Lebens zusammenbauen.

Jeder der fünf Teile des Buches schließt mit einem Brief von Ljudmila Ulitzkaja an ihre Literaturagentin und Freundin, in der sie ihre quälenden Schreibprobleme, die Angst, der gewaltigen Thematik und überbordenden Stofffülle des Buches nicht gerecht werden zu können, thematisiert. In ihrer eigenen existentiellen Betroffenheit als Russin und Jüdin ist sich die Autorin des "Wahnwitzes" ihres Vorhabens, wie sie es nennt, ständig bewusst. Und in der Tat, das Zuviel an gewichtiger Bedeutung des Inhalts und moralischer Absicht kollidiert mitunter mit der - trotz der Montageform - letztlich konventionellen Erzählweise.

Dennoch oder vielleicht auch gerade deshalb ist dies ein ganz außergewöhnliches Buch, das viele Menschen bewegen und erschüttern wird.



Ljudmila Ulitzkaja: Daniel Stein.
Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Carl Hanser Verlag München 2009, 496 Seiten, 24,90 Euro.