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StartseiteHintergrundEwigkeitslasten des Bergbaues 17.03.2015

Grubenwasser und mehrEwigkeitslasten des Bergbaues

2012 wurde der Bergbau im Saarland wegen der Erderschütterungen vorzeitig still gelegt. Seitdem wird der Wirtschaftszweig abgewickelt, die verbliebenen knapp 10.000 Beschäftigten sozialverträglich abgebaut. Doch in den stillgelegten Bergwerken lauern neue Gefahren - auch durch Grubenwasser.

Von Tonia Koch

Im Bergwerk Saar der "RAG Deutsche Steinkohle" in Ensdorf im Saarland hängt neben zwei Schildern ein Foto mit ehemaligen Arbeitern (Imago / Becker & Bredel)
Im Bergwerk Saar der "RAG Deutsche Steinkohle" in Ensdorf im Saarland hängt neben zwei Schildern ein Foto mit ehemaligen Arbeitern (Imago / Becker & Bredel)
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Bergbau - Pumpen für die Ewigkeit
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 16.03.2015)

Alexander Hussung sitzt in seinem Wohnzimmer und blättert in einem Ordner. Er hat alles aufgehoben zu den Bergbaubeben, die zwischen 2000 und 2008 die saarländische Bergbauregion erschüttert haben.

"Das erste Mal im Jahr 2000, das war glaube ich ein Donnerstag, da hab ich hier auf der Couch gesessen und fern geschaut und sehe wie mein Haus von links nach rechts wackelt, richtig massiv."

Beim letzten schweren Erdbeben 2008 wurde ein Wert von 4,0 auf der Richterskala gemessen. Hussungs Heimatort Diefflen war zwar glimpflich davon gekommen. Aber Schäden hatte auch er zu beklagen. Hussung zeigt auf die Fotos im Ordner.

"Das waren draußen die Risse am Haus."

Er hat sie nummeriert, es sind über 20. Der Bergbaubetreiber, die RAG hat ihn finanziell entschädigt, und Alexander Hussung hat die schiefen Fenster und Türen gerichtet, die Risse verputzt und sein Häuschen neu gestrichen. 2012 wurde der Bergbau im Saarland wegen der Erderschütterungen vorzeitig still gelegt. An der Ruhr, wo noch zwei Zechen in Betrieb sind, und in Ibbenbüren wird die Steinkohleförderung spätestens 2018 enden. Bereits 2007 war beschlossen worden, dass Deutschland aus der Steinkohleförderung aussteigt. Sie ist zu teuer und ohne staatliche Beihilfen nicht überlebensfähig. Seitdem wird der Wirtschaftszweig abgewickelt, die verbliebenen knapp 10.000 Beschäftigten sozialverträglich abgebaut. Das lautlose Sterben hat auch bei Alexander Hussung den Eindruck hinterlassen, es sei bereits alles vorbei. Ein Trugschluss.

" Mein Haus wackelt wieder öfter."

Das sei erst der Anfang.

"Wir bekommen wieder Beben. Ich glaube, wir erleben ein Fiasko mit dem Fluten."

Gefahren durch das Grubenwasser

Fluten nennen die Bergleute einen Prozess, der das Grubenwasser allmählich ansteigen lässt. Grubenwasser ist überwiegend Regenwasser, das sich hunderte Meter unter Tage in den zurückgelassenen Kammern und Hohlräumen sammelt. Solange der Bergbau aktiv ist, wird es abgepumpt, um die Bergleute unter Tage zu schützen. Bei Bergwerken und Lagerstätten, die nicht mehr betrieben werden, ist das anders. Sie werden teilweise geflutet. Allerdings nur bis zu einer gewissen Höhe, damit das Grubenwasser sich nicht mit dem Trinkwasser mischt. Im Ruhrgebiet werden die Pumpen vielerorts ewig laufen müssen, weil der über Jahrhunderte aktive Bergbau die Topografie verändert hat. Axel Schäfer, Markscheider bei der RAG, außerhalb des Bergbaus würde man wohl Vermessungsingenieur sagen.

"Das Ruhrgebiet zwischen Rhein und Sauerland ist sehr, sehr flach gestaltet. Die drei Hauptflüsse: Emscher, Ruhr und Lippe, sind mit einem geringen Gefälle ausgestattet, sodass aufgrund der bergbaulichen Einwirkungen Poldergebiete entstanden sind. Das heißt, die Oberfläche wurde soweit abgesenkt, dass dort Vernässungen auftreten können, wenn der Grundwasserspiegel wieder zurückgeführt wird in die Situation bevor der Bergbau da war."

Im Saarland drohe keine Gefahr, dass Polder überschwemmt werden und Seen entstehen, wo sie nicht hingehören, ergänzt Schäfer.

"Im Saarland haben wir eine so bewegte Topografie, die immer die Bäche zur Saar fließen lässt. Die Gewässer haben immer genügend Gefälle, dass das Wasser bergab fließt."

2035 könnte das Grubenwasser oben ankommen

Diese geologischen Voraussetzungen an der Saar versucht die RAG zu nutzen. Kleine Teile der saarländischen Steinkohlelagerstätte werden bereits geflutet, aber nun will die RAG sämtliche Pumpen abstellen. Das Wasser soll bis zur Tagesoberfläche ansteigen. Das dauert sehr lange. Erst im Jahr 2035 wird das Grubenwasser oben ankommen und soll dann drucklos, möglichst ohne technische Hilfsmittel, in die Saar fließen. Den ersten Teil dieses Konzeptes hat die RAG in der vergangen Woche bei der saarländischen Landesregierung zur Genehmigung vorgelegt. Axel Schäfer.

"Die Vorteile liegen darin, dass ich das Auftun von Gefahrenstellen vermeide, denn wenn ich eine Lagerstätte planmäßig, ordnungsgemäß flute, läuft sie nicht unplanmäßig zu. Und das kann inklusive Überwachung und Monitoring zum Erfolg führen."

An Schacht IV der im Jahr 2000 stillgelegten Grube Reden dreht sich die Seilscheibe. Täglich fahren über diesen Schacht etwa 20 Bergleute unter Tage. 800 Meter tief, dahin wo die Pumpen stehen, erläutert Ralph Paulus, bei der RAG an der Saar zuständig für die Wasserhaltung.

"Außer Leuten braucht man Pumpen, Schieber, Rohre; alles was verschlissen wird unter Tage, muss ordnungsgemäß instandgesetzt werden, die defekten Teile werden nach über Tage gebracht."

Reden spielt in den Plänen der RAG eine zentrale Rolle, wenn die Pumpen abgeschaltet werden. Das Wasser soll auf minus 320 Meter ansteigen. Wenn es diese Höhe erreicht hat, läuft es unter Tage über in die tiefer gelegene Sammelstelle Duhamel. Duhamel hat einen direkten Zugang zur Saar. Dort erreicht das Wasser die Tagesoberfläche - in etwa 20 Jahren.

Planungen für die stillgelegten Industriebranchen

Augenblicklich werden in Reden jährlich noch 13 Millionen m³ Gruben-Wasser gefördert. Die Architekten wollten die stillgelegte Industriebrache wieder beleben und haben sich was einfallen lassen: einen künstlich angelegten Wassergarten.

Etwa drei Meter ragen zwei geschwungene Wände auf. An der Oberkante sprudelt das Wasser aus Wasserspeiern heraus. Besucher können durch die künstliche Wasserschlucht hindurchlaufen. Im Volksmund heißt die Installation in Anlehnung an alttestamentarische Szenen deshalb Mosesgang. Ralph Paulus.

"Nach dem Motto, Moses teilte das Meer und durchschritt die Fluten."

Trinken sollte man das Wasser nicht, denn es ist über 30 Grad warm, und es reichert sich unter Tage mit einer Menge Mineralien an, die in hohen Konzentrationen  für Mensch und Umwelt ungeeignet sind. Darunter Chloride, Nitrat, Sulfat und Eisen. Trotzdem darf das Grubenwasser im Moment ungefiltert in die Flüsse eingeleitet werden. Axel Schäfer.

"Die Frachten werden kontinuierlich überprüft einmal durch die RAG aber auch unabhängig, durch das Landesamt für Umweltschutz, sodass wir durch eine amtliche Stelle kontrolliert werden."

Alle reden über die Ewigkeitslasten des Bergbaues

Ob das so bleibt, wenn das Wasser Jahre Zeit hat, zu steigen, gehört zu den Fragen, die noch geklärt werden müssen. 2007, als der Beschluss gefasst wurde, aus dem subventionierten deutschen Steinkohlenbergbau auszusteigen, gingen die RAG, die Revierländer Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie die Bundesregierung davon aus, dass die Pumpen ewig laufen müssen, um mögliche Risiken für Mensch, Natur und Umwelt zu vermeiden. Seitdem ist von den Ewigkeitslasten des Bergbaues die Rede.

Das Wasserhaltungskonzept, das die RAG an der Saar verfolgt, weicht zumindest in seiner Endstufe von diesen Prämissen ab. Die RAG begründet das mit ökologischer und wirtschaftlicher Effizienz. Würden die Pumpen abgestellt, ließe sich der Stromverbrauch von 17.000 Haushalten einsparen, umgerechnet zwischen 17 und 20 Millionen Euro pro Jahr. Die Argumentationskette überzeugt SPD-Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger nur bedingt.

"Finanzielle Erwägungen des Unternehmens sind für uns völlig unerheblich. Es wird ein ergebnisoffenes Verfahren geführt werden, das vor allem den Schutz der Bevölkerung im Auge hat."

Die Bevölkerung ist verunsichert. Denn bis heute hat sich in den Köpfen festgesetzt, dass dann, wenn der Bergbau geht, die Pumpen ewig laufen werden, und dass die Menschen nur dann sicher sind.

"Ja, ja, im Prinzip schon, müssen sie. Hilft nichts anderes."

Walter Hörster ist Mitglied der Interessengemeinschaft zur Abwendung von Bergschäden. Ein paar Jahre war es ruhig geworden um die IGAB. Aber jetzt, nachdem die Betroffenen realisieren, dass das Wasser neue Probleme schafft, formiert sich Protest. Manfred Reiter, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative.

"Hier geht es nicht mehr um Arbeitsplätze sondern hier geht es um das Wohl oder Wehe einer ganzen Region, wenn tatsächlich mit dem Trinkwasser etwas passiert."

Die Zeiten in denen die mächtige Ruhrkohle AG und die Saarbergwerke AG 130.000 Menschen Arbeit gaben, wie noch zu Beginn der 1990er-Jahre, seien längst vorbei. Die übrig gebliebene RAG habe heute nur noch die Aufgabe, den Bergbau zu Ende zu bringen, und zwar im Einvernehmen mit der Bevölkerung, sagt Peter Lehnert. Er ist die Galionsfigur des Bergbauwiderstandes an der Saar. Er sorgt sich vor allem um das geplante Ausmaß der Flutung.

"Wir gehen davon aus, dass mindestens ein Gebiet betroffen ist von 600 km², 600.000 Menschen und 23 Kommunen."

Lehnert weiß, was auf dem Spiel steht. Denn wenn das Grubenwasser steigt, kann das Trinkwasser gefährdet werden, es können Erdbeben auftreten oder unkontrollierte Gasaustritte. Es muss auch damit gerechnet werden, dass sich die Erde an verschiedenen Stellen hebt oder senkt. Lehnert ist heute Bürgermeister der Gemeinde Nalbach. Trotz aller Unsicherheiten befürwortet er die Flutung der saarländischen Steinkohle-Gruben.

Auch Asbest und PCB stellen eine Gefahr dar

"Ich würde hier einmal als verantwortungsbewusster Mensch reden wollen, jemand, der an Generationengerechtigkeit glaubt. Wir müssen dieses Problem innerhalb einer gewissen Zeit lösen. Es kann keine Lösung sein, das Problem nach hinten zu verschieben und zu sagen, wir lassen die Pumpen auf ewig laufen, denn an das ewig glaube ich nicht."

Die Beunruhigung der Bevölkerung ist noch gewachsen, seitdem öffentlich geworden ist, dass neben den mineralischen Stoffen auch noch Giftstoffe unter Tage sind, darunter Asbest und PCB. Die mit dem Weichmacher PCB angereicherten Hydraulik-Öle wurden bis zu ihrem Verbot, Ende der 1980 Jahre, flächendeckend im gesamten deutschen Steinkohlebergbau verwendet. Ein sorgloser Umgang hat dazu geführt, dass der größte Teil unter Tage an vielen verschiedenen Stellen ins Erdreich gesickert ist. Allein in saarländischen Bergwerken fast 1.500 Tonnen. Joachim Löchte, Umweltbeauftragter der RAG.

"Es sind einfach Defekte an Geräten gewesen, Schlauchplatzer gewesen."

Die betroffenen Stellen können kaum mehr lokalisiert werden. Das ist bei Asbest anders. Wo die Asbest-Zementfässer lagern, weiß die RAG genau. Nur für beide Stoffe gilt, sie lassen sich nicht mehr bergen. Axel Schäfer.

"Das muss man klipp und klar sagen, es kann nicht mehr gehoben werden."

Das Gebirge hat die Hohlräume längst zugedrückt. Das Risiko, dass vergiftetes Grubenwasser ins Trinkwasser gelangt, werde dadurch aber eher verringert, argumentiert der Hydrologe Professor Jürgen Wagner.

"Das sind Räume, die sozusagen weg vom eigentlichen Hauptströmungsgeschehen liegen. Das Wasser nimmt den Weg des geringsten Strömungswiderstandes und der ist in den Strecken in den offenen Hohlräumen natürlich sehr gering, dort kann das Wasser ungehindert fließen, während es in den konvergierten Bereichen, dort wo Gebirge nachgefallen ist, da ist ein Strömungs-Widerstand zu überwinden. Folglich werden solche Bereiche kaum durchströmt und Stoffe, die dort sind, verharren quasi stationär in vielen Fällen."

Ob quasi stationär bedeutet, dass sich diese Stoffe überhaupt nicht vom Fleck rühren, wenn sie vom Wasser umspült werden - oder nur ein bisschen, das müsse mit Modellrechnungen geklärt werden. Nötig sei überdies eine exakte Kartierung sämtlicher vom Menschen eingebrachter Stoffe unter Tage. Die RAG werde handeln, verspricht ihr Umweltbeauftragter Joachim Löchte.

"Wir werden systematisch alle Stoffe, die untertägig eingebracht wurden, seien es Reststoffe, seien es Einsatzstoffe, seien es Betriebsstoffe, genau diese Fragestellung von Auslaugen von Auswaschen untersuchen, um so eine Gefährdung von Mensch und Umwelt und insbesondere für das Trinkwasser ausschließen zu können."

Wenn all diese Vorschriftsmaßnahmen ergriffen würden, sei eine Gefährdung der Trinkwasserversorgung zumindest an der Saar durch die Flutungen als gering einzuschätzen, sagt Professor Wagner. Anders als an der Ruhr werde Trinkwasser an der Saar weder aus Oberflächengewässern noch aus kohleführenden Schichten gewonnen.

"Die Schichten des Karbon sind Grundwasser-Nicht-Leiter oder Grund-Wasser-Geringleiter, die wasserwirtschaftlich keine Rolle spielen."

Die Bergbaubetroffenen fordern viel mehr wissenschaftliche Begleitung, denn sie seien schließlich keine Versuchskaninchen, Peter Lehnert.

Betroffenen vermissen Transparenz

"Wenn keine Gutachten vorliegen und ich dreh' einfach den Hahn auf, und lass die Badewanne volllaufen und guck mal ob der Überlauf funktioniert, finde ich Versuchskaninchen noch geschmeichelt."

Der Ärger der Betroffenen rührt auch daher, dass die wechselnden saarländischen Landesregierungen es an Transparenz vermissen lassen. Noch bevor das eigentliche Genehmigungsverfahren in der vergangenen Woche in Gang gekommen ist, wurden 2010 von der schwarz-gelb –grünen Jamaika-Regierung und drei Jahre später von der Großen Koalition im Saarland weitere Teilflutungen erlaubt. Das hat zu politischem Zwist geführt. Die Grünen wollen mit den Stimmen der beiden anderen Oppositionsparteien, Linken und Piraten deshalb einen Untersuchungsausschuss auf den Weg bringen, der die rechtlichen Fragen klären soll. Die Landesregierung gibt sich betont gelassen. Umweltminister Reinhold Jost von der SPD.

"Wir haben nichts genehmigt und wir werden auch nichts genehmigen, was auch nur den Anschein einer Gefährdung des Grund- oder des Trinkwassers im Saarland mit sich bringen würde."

Überdies müsse der Flutungsprozess über einen langen Zeitrahmen umkehrbar bleiben, dies verlange die Landesregierung von der RAG, argumentiert der Umweltminister. Das aber sei nicht so einfach, mahnt Wasserexperte Jürgen Wagner.

"Man kann Pumpen abstellen und anstellen, das wäre ein Anhalten eines Prozesses. Man muss sich aber bewusst sein, dass das Gebirge ähnlich wie ein schwerer Öltanker, an dem ich das Steuer komplett herumkurbele, erst nach sechs Kilometern mit einer leichten Abweichung von der Hauptrichtung reagiert, so ist es hier auch. Wenn ich merke, dass dieses Abstellen eine Fehlentscheidung war, dann brauche ich Wochen, Monate oder Jahre, bis sich eine Reaktion darauf einstellt."

Angst vor neuen Erdbeben

Die Menschen in der Region sorgen sich jedoch nicht nur um ihr Trinkwasser, sie  fürchten erneute Beben, wenn das Wasser steigt. Schließlich hatten die vom Bergbau ausgelösten Erderschütterungen die Menschen über Jahre in Angst und Schrecken versetzt. Peter Lehnert.

"Wir haben wieder verstärkt Meldungen über ein starkes, deutlich spürbares Erdbeben in der Region und es waren auch wieder mehrere kleinere, und es sind auch wieder die ersten Schadensmeldungen da."

Wenn der Fels nasse Füße bekommt, dann bleibt das nicht ohne Wirkung, bestätigt auch Hydrologe Jürgen Wagner.

"Eine Flutung ohne irgendwelche Auffälligkeiten und Anzeichen wird es nicht geben. Auch das, was jetzt äußerlich ruhig erscheint, ist begleitet von vielen mikroseismischen Ereignissen, wo also praktisch Mini-Erschütterungen stattfinden, die aber so schwach sind, dass sie überhaupt nicht registriert werden. Das ist aber durchaus was Positives, denn dann wird diese akkumulierte Restspannung im Gebirge sich nicht aufstauen, bis ein großer Betrag akkumuliert ist und dann zu einer plötzlichen starken Bewegung führt. Das heißt nicht, dass nicht tatsächlich ein stärkeres Ereignis passieren kann, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering."

Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, die Kommunen würden dadurch auf Jahre in ihrer Entwicklung gehemmt, fürchtet der Nalbacher Bürgermeister.

"Wer zieht schon in ein Gebiet das derart mit Unsicherheiten belegt ist."

Lehnert fordert daher einen finanziellen Ausgleich für die Gemeinden, die diesem großräumigen Feldversuch ausgesetzt sind. Wenn der Bergbaubetreiber RAG die Pumpen bloß früher abstelle, um Geld zu sparen, sei das nicht hinnehmbar.

"Wenn sie dieses Geld schon spart, es geht um 16 bis 20 Millionen im Jahr, dann muss dieses Geld in die betroffenen Kommunen fließen, um einer negativen Entwicklung durch die Altlasten des Bergbaues entgegen zu wirken. Unterstützend müssten EU-Mittel in diese Region fließen, also eigentlich müsste man jetzt eine Sonderwirtschaftszone ausrufen."

Für die Finanzierung der Ewigkeitslasten ist die RAG-Stiftung zuständig, und die sieht derlei nicht vor. Das Vermögen der Stiftung darf nur dazu genutzt werden, die Pumpen in Gang zu halten, die Poldergebiete vor eindringendem Wasser zu schützen, und falls nötig, die Wassermassen, die in die Flüsse eingeleitet werden, zu reinigen. Ab 2019, wenn der Bergbau auch an der Ruhr und in Ibbenbüren zu Ende ist, benötigt die Stiftung für diese Aufgaben etwa 220 Millionen Euro jährlich. Das Geld muss sie selbst erwirtschaften. Und die Revierländer Saarland und NRW hoffen, dass die Stiftung dabei erfolgreich ist. Annegret Kramp-Karrenbauer, saarländische Ministerpräsidentin.

"Wenn irgendwann das nicht reichen sollte, dann ist natürlich klar, dass die öffentliche Hand, Bund und Revierländer hier auch eintreten müssen. Das Ziel, das wir als ehemaliges Revierland, als Saarland haben, ist natürlich genau diesen Zustand zu vermeiden."

Bei ihrer Gründung im Jahr 2007 wurden unter dem Dach der Stiftung nicht nur die Steinkohleförderung der RAG angesiedelt, sondern auch die industriellen Aktivitäten des Bergbaukonzerns. Kernstück ist das Essener Unternehmen Evonik Industries mit den Bereichen Chemie und Stromerzeugung. Auch ein Immobilienunternehmen zählt zur Stiftung dazu. Alle diese Unternehmen müssen in den kommenden Jahrzehnten Milliarden verdienen, um die Ewigkeitslasten zu finanzieren, deshalb versucht die Stiftung zu diversifizieren, und sich bei mittelständischen Unternehmen einzukaufen. Annegret Kramp-Karrenbauer.

"Ich gehe davon aus, dass die Stiftung, so wie sie angelegt ist und so wie sie in der jüngsten Vergangenheit auch die letzten Schritte gegangen ist, auch in der Lage ist, dieses auch stemmen."

Den Menschen in den Bergbauregionen und auch dem Steuerzahler kann das nur recht sein. Denn sie erwarten zu Recht, dass die Stiftung für die Folgen des Steinkohlebergbaus Verantwortung übernimmt.

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