Donnerstag, 25. April 2024

Archiv

Gründer-Netzwerk
Zusammen ist man weniger allein

Im Ruhrgebiet hat sich - ganz abseits von städtischen Wirtschaftsförderungen oder staatlichen Institutionen - eine private Gründer-Netzwerk-Szene gebildet, um Erfahrungen beim Start-Up-Aufbau auszutauschen. Das schätzen nicht nur unerfahrene Neugründer, sondern auch gestandene Unternehmer.

Von Kai Rüsenberg | 14.11.2015
    Zwei Menschen geben sich die Hände
    Gründer Jan Perta über den Stammtisch: "Ich konnte auch mal meine Idee präsentieren und mir von unabhängigen Fachfremden eine Meinung anhören." (imago / Weiss)
    Jan Perta ist alles zugleich: Bauingenieurs-Student kurz vor dem Abschluss, ausgebildeter Bauzeichner, angestellter Bauleiter in einem Architekturbüro und jetzt vor allem: angehender Gründer. Er schreibt zurzeit in einem Wettbewerb der örtlichen Wirtschaftsförderung seinen Business-Plan, besucht Gründer-Seminare und liest sich ein. Doch trotzdem hat Jan Perta das Gefühl, ihm fehlt noch etwas - Praxiswissen:
    "Wie holt man sich Hilfe, bei Bankterminen? Lohnt sich so was? Wie ist Chef sein? Das sind Dinge, die man erst erfährt, wenn man Chef ist. Und ob es richtig war, merkt man erst später."
    In dieser Woche war er zum ersten Mal beim Bochumer Gründerstammtisch. Dort treffen sich zumeist jüngere Selbstständige, von denen viele schon eine erfolgreiche Gründung hinter sich haben. Bei einem Bier am Tresen gab es dort ausreichend Gelegenheit, mit erfahrenen Gründern ins Gespräch zu kommen:
    "Ich konnte auch mal meine Idee präsentieren und mir von unabhängigen Fachfremden eine Meinung anhören. Was denken die darüber, wo sind die Stärken. Das ist ein toller Austausch gewesen."
    Aus der Baubranche war niemand dabei. Und die meisten waren auch älter als der 27-jährige. Aber Jan Perta hatte das Gefühl, dass die anderen Firmenchefs ihm auf Augenhöhe begegneten und sich für seine Ideen interessierten.
    "Ich glaube, diese Leute genießen es auch, sich mit Ihrersgleichen austauschen zu können. Ich war ja einer, der Hilfe brauchte, die anderen waren gegründete feste Persönlichkeiten, die sich ausgetauscht hatten."
    "Anstatt Hunderte Neugründungen zu haben, wollen wir welche haben, die dafür erfolgreicher sind"
    Eray Basar ist einer dieser erfolgreichen Jungunternehmer. Vor acht Jahren hat er mit einem Kommilitonen seine Firma gegründet. 9elements produziert vor allem Software für das Internet. Zum Beispiel hat er ein Fotobearbeitungsmodul entwickelt, dass in Smartphone-Apps eingebaut werden kann. Große Konzerne kaufen bei ihm ein, er hat mehrere Dutzend Angestellte und Büros in Bochum und Berlin. Trotzdem ist Eray Basar weiter am Austausch mit anderen interessiert.
    "Wenn ich höre, dass die Alltagssachen gelöst haben, dann nimmt man das gerne mit. Wir erfinden das Rad nicht neu und machen das auch zum ersten Mal."
    Seine Firma beteiligt sich gleich an mehreren Netzwerken. Neben dem Gründerstammtisch gibt es auch noch eine Gruppe von anderen Firmeninhabern, mit denen er sich regelmäßig trifft.
    "Wir haben das den Club der anonymen Selbstständigen genannt. Wo man mal ehrlich darüber reden kann, wo sind meine Probleme und wie kann man sich helfen. Das ist in einem kleinen Kreis, weil da wird darüber geredet, die offen legen, was wir tun und nicht zögern Zahlen auf den Tisch zu legen."
    Eray Basar hat die Erfahrung gemacht, dass die Studenten an den Hochschulen immer noch nicht das richtige Rüstzeug erhalten, um eigenständig in eine Selbstständigkeit zu starten.
    "Anstatt Hunderte Neugründungen zu haben, wollen wir welche haben, die dafür erfolgreicher sind. Denn das würde dazu führen, dass sie inspiriert sind und entsprechend gründen."
    Stefan Gerth hat sein Beratungsbüro direkt nach der Uni gegründet. Jetzt organisiert er selbst Gründertreffen und entwickelt regelmäßig neue Konzepte, die angehende Selbstständige miteinander in Kontakt bringen:
    "Ich finde alle Formate, die über ihre Gründung erzählen, interessant. Denn die Seminare "Wie gründe ich?", die sind ausgelutscht."
    Aktuell bereitet er eine Veranstaltung vor, die sich an das Format des Science Slam oder Poetry Slam anlehnt: Das BizSlam. Dort treten Jungunternehmer in einen unterhaltsamen Wettstreit miteinander:
    "An dem Abend werden fünf Gründer ihre Geschichte erzählen, vom Glück, vom Scheitern, vom Zufall. Da haben sie acht Minuten. Anschließend eine siebenminütige Fragerunde für das Publikum. Am Ende wird der beste geehrt mit einem kleinen Preis."
    Auch für Neugründer sind solche Veranstaltungen gut geeignet zum Lernen, um Impulse zu erhalten oder mit anderen Gründern in Kontakt zu kommen.