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"Grüner Tag" im Iran

Am 4. November 1979 stürmten radikale Studenten die amerikanische Botschaft in Teheran und nahmen die Mitarbeiter als Geisel. Der Jahrestag ist im Iran immer noch ein höchst schwieriges Datum. Doch trotz des Demonstrationsverbots will die "Grüne Bewegung" einen künstlerischen Protest anzetteln.

Von Stephanie Rohde | 03.11.2009

    Wie revolutionär ist es eigentlich, in der Islamischen Republik Iran mit der Farbe des Islam Politik zu betreiben? Genauer gefragt: mit der grünen Farbe des Islam als Kunst getarnte Politik zu betreiben? Immer häufiger passiert es, dass grüne Farbkleckse Teherans Straßen zieren. Autos hinterlassen lange grüne Reifenspuren, die Bürgersteige sind übersät mit grünen Schuhabdrücken, Straßenschilder sind grün gefleckt.

    So unspektakulär das zunächst klingen mag: Es geht hier um mehr als nur Schmierereien. Bei jedem grünen Farbklecks handelt es sich um einen hochpolitischen Protest. Dieser Protest trägt den ebenso schlichten wie enigmatischen Namen "Vergrünung der Straßen". Schaut man einmal genau hin, so sind die iranischen Großstädte in den vergangenen fünf Monaten tatsächlich grüner geworden. Regierungskritische Graffitis und Sprüche wie: "Tod dem Diktator" sind an praktisch jeder Mauer zu lesen. Doch erschöpft sich der Protest darin nicht. Sehr beliebt bei iranischen Jugendlichen sind auch grüne T-Shirts mit einem stilisierten Bild des Oppositionsführers Mir Hossein Mousavi. Die Designerin Nargez B., die selbst an der "Vergrünung der Straßen" mitwirkt, erklärt:

    "Wir haben die T-Shirts selbst entworfen, jedoch ist uns zurzeit jede Möglichkeit versagt, sie offiziell zu verkaufen, bis auf einige Exemplare in unserem Freundeskreis. Wir schaffen Abhilfe dadurch, dass wir die Anleitungen zum T-Shirt-Druck auf unserer Homepage zur Verfügung stellen. Die Muster kann sich jeder bei uns herunterladen, um dann sein eigenes T-Shirt bedrucken. Auf der Straße trägt man diese T-Shirts aus Sicherheitsgründen nicht, aber im privaten Umfeld oder im Fitnessstudio sieht man sie inzwischen sehr häufig."

    Einige Tausend Jugendliche sind Nargez zufolge zum "do-it-yourself"-Protest übergegangen. Ob bemalte Geldscheine, grüngefärbtes Wassers für die rituelle Waschung oder grüne Heliumballons:

    "Wir bedienen uns verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen, nicht nur der Kleidung, um unsere politischen Ziele zu erreichen. Da unsere grüne Bewegung sehr heterogen ist, verfolgen wir verschiedene Ziele. Als Erstes kämpfen wir für eine wahrhaftige Demokratie. Außerdem fordern wir Freiheit, sowohl die Freiheit, unsere Meinung zu äußern, als auch die Freiheit der politischen Gefangenen und Studenten."

    Fünf Monate, nachdem die Massendemonstrationen gegen das Wahlergebnis auf den Straßen brutal unterdrückt und zerstreut wurden, hat sich die grüne Bewegung im Internet gesammelt. Und sie kann einen Erfolg für sich verbuchen. Sie hat dem Regime langfristig ein Symbol gestohlen: Grün, ursprünglich die Farbe von Mohammads Nachkommen, den sogenannten Seyyeds.
    Dass sich Grün als Protestfarbe gegen die islamische Republik durchgesetzt hat, liegt auch daran, dass man im Iran nur auf legale Weise protestieren kann, wenn man sich des religiösen Repertoires bedient.

    Doch das Hoffnung symbolisierende Grün genügt der grünen Bewegung nicht, sie will ein weiteres Symbol erobern: Den 4. November. Der Tag, an dem die amerikanische Botschaft in Teheran vor 30 Jahren von Iranern besetzt wurde. Vor der Revolution war dieses Datum den Schülern und Studenten zugedacht worden. Doch seit der Besetzung inszeniert der iranische Staat den 4. November mit propagandistischen Siegesfeiern über den Imperialismus.

    "Der 4. November ist eigentlich der Tag der Schüler und Studenten. Wir wollen für die Rechte der jungen Leute eintreten und auf das Unrecht aufmerksam machen, das ihnen zuteil wurde und noch immer wird. Unser Plan für den diesjährigen 4. November ist, möglichst viele Menschen zu mobilisieren. Auf unserer Homepage haben wir Poster und Flugblätter bereitgestellt, die sich jeder ausdrucken und damit auf der Demonstration erscheinen kann. So planen wir, eindrucksvoll und mit einer Stimme für unsere Rechte zu demonstrieren."

    Sollte es erneut zu großen Demonstrationen gegen die Regierung Ahmadinedschads kommen, wird das ein bedeutender Tag für die grüne Farbe werden: Zum einen, weil die Poster und Flugblätter erneut beweisen könnten, wie revolutionär die grüne Farbe der Nachkommen Mohammads geworden ist. Politische Forderungen werden erhoben, deren öffentliche Formulierung vor den Wahlen unmöglich war. Zum anderen wird es ein bedeutender Tag, weil die Farbe Grün nicht nur das Straßenbild, sondern auch die Psyche des Irans verändert hat. Denn der Staat spürt, dass er inzwischen weder die religiöse Symbolik kontrollieren kann noch über die geschichtliche Deutungshoheit verfügt. Die geschwächte Regierung Ahmadinedschads kann wohl die grünen Farbkleckse auf den Straßen beseitigen, nicht aber die in den Köpfen der Iraner.