Montag, 21.01.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteWissenschaft im BrennpunktGrund zur Panik06.05.2012

Grund zur Panik

Manuskript zur Sendung

Im Sinne der Evolution eine Errungenschaft, die den Organismus auf Gefahr programmieren sollte, kann Angst auch krankhaft werden. Etwa jeder siebte Europäer leidet unter sozialen Phobien, Panikattacken oder posttraumatischer Belastungsstörung.

Von Martina Preiner

Heute betrachten Wissenschaftler die Ursachen von Angsterkrankungen vor allem physiologisch. (Stock.XCHNG / vildan uysal)
Heute betrachten Wissenschaftler die Ursachen von Angsterkrankungen vor allem physiologisch. (Stock.XCHNG / vildan uysal)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Die Diagnose vom Arzt war ja Angststörung mit Depression und ich habe eigentlich immer noch Probleme damit zu beschreiben, was das eigentlich ist. Also ich bin auf Angststörung auch nicht gekommen, weil ich habe das eher als eine Art Ausrasten erlebt. Sodass ich komplett wegen Nichtigkeiten oder gar keinem Grund die Kontrolle über meine Emotionen verloren habe und dann einfach losgeheult habe. Und dann natürlich auch Angst bekommen habe, irgendwann. Aber ich kann es nicht benennen, also was es genau ist, für mich selber – ich weiß es nicht."

Grund zur Panik – auf den Spuren von Angsterkrankungen und Furchtgedächtnis. Von Martina Preiner

Franziska sitzt auf ihrem Bett, Grapefruitsaftschorle und Zigarettenschachtel liegen auf einem kleinen Tisch griffbereit daneben. Sie zündet sich eine Zigarette an, und fängt an zu reden. Mitte zwanzig ist sie, hat in England ihr Physikstudium mit Auszeichnung absolviert und dann ihre Doktorarbeit an der amerikanischen Ostküste begonnen. Beendet hat sie diese nie.

"Das hat angefangen in New York als ich promoviert hab’, dass es mir sehr schlecht ging, dass ich geweint hab, dass ich Heulkrämpfe auf dem Klo gekriegt hab’, dass ich auf einer Treppe stand und wusste ‘Du musst da jetzt runtergehen’ und ich kam nicht mehr runter. Oder irgendwie beim Essen den Löffel nicht mehr heben konnte."

Während ihrer Doktorarbeit glaubt Franziska noch an ein typisches Burn-Out-Syndrom. Doch im Laufe der Zeit wird ihr klar, dass nicht nur die Umstände an ihrer Situation Schuld sein konnten.

"Ich hatte Angst vor mir selber im Grunde genommen. Weil ich ja wusste... Irgendein Teil von mir hat ja gecheckt, da passt was nicht, aber ich konnte das nicht rational wegerklären. Oder mich kontrollieren."

Dass Gene eine nicht unwichtige Rolle bei Angststörungen spielen, ist das Ergebnis jahrelanger Forschung. Steven Hamilton von der University of California San Francisco hat einen großen Teil zu den Erkenntnissen beigetragen. Ein Treppengewirr führt zu seinem Büro und den Forschungslaboratorien im Untergeschoss des Psychiatrie-Departments. Die Decke hängt tief, wodurch sein Arbeitszimmer noch beengter wirkt als durch die Stapel von Büchern und Publikationen ohnehin schon.

"Als ich 1997 in die Angstforschung gegangen bin, war mein Ziel, die biologischen und genetischen Grundlagen von Angsterkrankungen zu verstehen. Vor allem über die Genetik wusste man nicht besonders viel. Nur, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer Angststörung zu erkranken größer ist, wenn es schon andere Angstfälle in der Familie gab. Das war’s aber auch schon. "

Steven Hamilton konzentrierte sich auf eine Art der Angsterkrankung, der man zunächst vor allem genetische Ursachen zuschrieb: Die Panikstörung. Denn sie kommt scheinbar von heute auf morgen aus dem Nichts.

Ein Kribbeln in den Händen und im Brustkorb.
Die Hände werden taub, versteifen sich langsam.
Das Herz schlägt schneller, fängt an zu rasen.
Atemnot.
Echte Todesangst.
Ein paar Minuten bis ein paar Stunden.
Dann ist es vorbei.
Nur die Hände kribbeln nach.

"Ich hatte mal einmal einen jungen Mann zum Patienten, der unter Panikstörung litt. Er hat Angst davor bekommen, Panikattacken in Vorlesungen, Prüfungen oder in der Bibliothek zu bekommen – das hat ihm das Studieren in der Uni unmöglich gemacht."

Jeder Fünfte erleidet statistisch gesehen in seinem Leben einmal eine Panikattacke. Bei einem Fünftel davon entwickelt sich aus dieser schlimmen Erfahrung eine Panikstörung. Das heißt im Prinzip: Angst vor der nächsten Panikattacke. Was dann zu einer Panikattacke führt. Es ist Angst vor der Angst, oder: Phobophobie. In seiner Forscherlaufbahn hat Steve Hamilton das Blut von Tausenden Freiwilligen auf genetische Unterschiede zwischen Panikpatienten und solchen ohne Angststörung durchforstet. Er suchte nach genetischen Unterschieden und fand sie.

"Wir glauben, dass die Panikstörung ungefähr zur Hälfte genetische Ursachen hat, vielleicht auch ein bisschen weniger. Bei anderen Angsterkrankungen gehen wir von einem schwächeren Einfluss der Gene aus. Nichtsdestotrotz gibt es die genetische Komponente bei anderen Angststörungen auch. Wahrscheinlich existiert keine einzige Angststörung, die nicht auch genetische Ursachen hat."

Selbst bei der posttraumatischen Belastungsstörung, also einer Angsterkrankung, die sich erst nach einer einschneidenden äußeren Furchterfahrung entwickelt, spielen die Gene eine Rolle. Manche Menschen, überwinden selbst dramatische Erlebnisse scheinbar unbeschadet, andere leiden ein Leben lang. Inzwischen sind einige Gene bekannt, die mit Angsterkrankungen in Verbindung stehen.

"Eines davon ist beispielsweise ein Gen namens COMT. Dahinter verbirgt sich das sehr lange Wort Catechol-O-Methyltransferase. Das ist ein Enzym, das hilft, Botenstoffe im Gehirn abzubauen. Wir haben herausgefunden, dass eine Abweichung in diesem bestimmten Gen offensichtlich etwas damit zu tun hat, ob man an Panikstörung erkranken kann oder nicht. Deutsche Forscher haben zudem ein Gen gefunden, das mit der niedrigen Koffeintoleranz von Panikpatienten zu tun hat. Und wir finden immer mehr Gene."

Ein Zusammenspiel genetischer Einflüsse, gepaart mit Umwelt-Faktoren. Hier Vorhersagen zu treffen, grenzt an den Rand der Unmöglichkeit. Doch es geht nicht nur um die Wurzel der Ängste.

"Wir und auch andere Forscher sind vor allem daran interessiert, was die Patienten innerhalb derselben Angsterkrankung unterscheidet. Zum Beispiel springen die meisten auf die heutigen Therapien an, ein paar aber nicht. Und das hoffen wir irgendwann auch genetisch erklären zu können."

Die Angst als Ganzes zu begreifen. Mit jedem Gen, das als ein Angst-relevantes identifiziert wird, kommen Angstforscher diesem Ziel näher.

"Aber letztendlich müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass die Gene alleine kein Verhalten machen können. Denn das sind Gene, die in einem Zellkern in Zellen lokalisiert sind, die immer einen Mechanismus brauchen, damit sie in Verhalten, in Aktivität umgesetzt werden. Und das, was unser Verhalten steuert – das wissen wir alle – sind nicht die Gene allein, sondern immer auch die Gehirnaktivität. Wir schaffen es nicht, nur mit Genen allein ein menschliches Verhalten zu erklären. Schon gar kein Angstverhalten. Die Gene alleine verhalten sich nicht."

Der Münsteraner Angstforscher Hans-Christian Pape verfolgt Hamiltons Arbeit seit Jahren – und umgekehrt. Wenn es sich um so komplexe Systeme wie das Gehirn handelt, kommt man an einer Front alleine nicht weit. Und Pape kämpft an der Gedächtnisfront. Dort, wo sich per Definition Furcht in Angst verwandelt.

Furcht wird durch ein bestimmtes Ereignis ausgelöst.
Furcht ist die Reaktion auf einen bellenden Hund, der auf einen zuläuft.
Angst ist ein Empfinden, das das Gehirn projiziert, ohne dass ein direkter äußerer Impuls dafür sorgt.
Angst wird aus dem Gedächtnis abgerufen. (0’18)

Franziska drückt ihre dritte Zigarette im Aschenbecher neben ihrem Bett aus. Sie raucht gerne, Aufhören kommt nicht in Frage – wozu auch, meint sie.

Anfangs waren es nur die Angsterlebnisse, dann kamen Depressionen dazu, erinnert sie sich:

"Als es mir am schlimmsten ging, war’s halt immer so... Mir ging’s erst sehr schlecht, dass ich geheult hab und so weiter. Und dann lag ich quasi im Bett und hab die Wand angekuckt, weil ich nichts mehr machen konnte. Ich saß dann hier auch mal eine Stunde lang am Küchentisch, mit meinem Kopf auf dem Tisch und hab mich nicht gerührt, bis meine Mitbewohnerin reingekommen ist und gesagt hat: ‘Äh, sag mal, was machst du da eigentlich?"

"Vor 20 Jahren hatten wir nur sehr lückenhafte Kenntnisse darüber, welche Hirnregionen überhaupt für unser Furcht- und Angstverhalten verantwortlich sind. Wir hatten im Grunde überhaupt keine Vorstellungen über die hirnbiologischen Grundlagen..."

Wie und wo Furcht verarbeitet wird, ist grundlegend für das Verständnis aller Angsterkrankungen. Heute weiß man, dass ein Dreiergespann von Hirnregionen furchterregende Ereignisse abspeichert - und wenn nötig überschreiben kann.

Die Amygdala – zu deutsch Mandelkern – generiert den Furchtimpuls.
Ihre Signale erreichen den Hippocampus.

Der Hippocampus ist das Gedächtniszentrum des Gehirns, angesiedelt wie die Amygdala in der Hirnmitte. Hier werden die Gedächtnisspuren angelegt.

An der Stirnseite des Gehirns, in der Hirnrinde, liegt der präfrontale Kortex. Er bewertet das Furcht auslösenden Ereignis.

Läuft ein Furcht auslösender Reiz im Gehirn ein, werden alle drei Regionen im Gleichtakt aktiv. Die Signale pulsieren synchron durch die Nervenzellen...

"Sodass aus diesem zeitlichen Takt das Gehirn die Information abliest ‘Dieser Reiz ist für mich unmittelbar bedrohlich’ und Informationen in nachgeschaltete Regionen sendet, die uns dann die Fluchtantwort produzieren lassen, die uns aggressiv werden lassen oder auch ängstlich werden lassen."

Hans-Christian Pape und seine Mitarbeiter an der Universität Münster sind die Entdecker dieser Aktivitätsmuster. Sie erkannten auch, dass zwei Taktgeber sich abwechseln: Zum einen die Amygdala, die ein Furchtsignal ungefiltert an den Hippocampus weiterleitet. Zum anderen den präfrontalen Kortex, der durch seinen Takt eine Bewertung abgibt. Zusammen liefern sie den Code, in dem Furcht abgespeichert wird.

"Im ersten Ansatz würde man annehmen, dass diese Gedächtnisspuren einfach wieder gelöscht werden können – ähnlich wie sie die Informationen von einer Festplatte von einem Computer löschen . Das wäre für das Furchtgedächtnis sehr wünschenswert, passiert aber leider nicht."

Der präfrontale Kortex kann nur das Anlegen einer Gedächtnisspur über den Hippocampus veranlassen, nicht das Löschen. Gerade bei traumatischen Erlebnissen ist die Wirkung fatal: Ein schriller Ton, ein Geruch, ein Blick, und die Erinnerung wird abgerufen. Oft noch Jahrzehnte später. Ärzte versuchten lange, die leidvollen Bilder mit Hilfe neuer Erfahrungen auszulöschen, doch die Katastrophe bleibt. Betroffene kennen das Problem nur zu gut.

"Das Problem des sogenannten Flashback. Wo ein Patient, der nach einer gezielten Kombinationstherapie im Grunde als symptomfrei entlassen wird, aus für den Außenstehenden oftmals unerklärbaren Gründen, dieses Angstgedächtnis wieder abruft – und damit klinisch rückfällig wird. Sodass der gesamte Therapieerfolg, zumindest für eine gewisse Zeit, unterbrochen ist oder auf Dauer unterbrochen bleibt und die Therapie im Grunde von Neuem begonnen werden muss."

Forscher arbeiten daran, den Mechanismus des Furchtgedächtnisses auszutricksen. Und seit Kurzem weiß man: Zwischen einem traumatischen Erlebnis und dem Anlegen einer Gedächtnisspur gibt es eine kurze zeitliche Lücke, in der das Furchtgedächtnis noch gestoppt werden kann, bevor die Erinnerung sich irreversibel in den Hippocampus brennt. Beim Menschen handelt es sich dabei um sechs bis zehn Stunden. Seither sucht man weltweit nach Wirkstoffen. Überlebenden von Flugzeugabstürzen oder Autounfällen verabreicht, sollen sie einer posttraumatischen Belastungsstörung vorbeugen.

Franziska bricht ihre Doktorarbeit in New York schon nach wenigen Monaten ab und kommt nach Deutschland zurück. Eine Weile geht es ihr im Kreise ihrer Familie und Freunde gut. Doch dann kommen die Angstzustände wieder. Und machen sich selbstständig.

"Es waren immer konkrete Situationen. Aber als es mir dann wirklich schlecht ging, saß ich auch im Bus und hatte auf einmal Angst, dass der Typ, der neben mir sitzt, mich nicht rauslässt. Also ganz komisch, Angst vor so kleinen, unbegründeten Sachen, was ich überhaupt nicht kenne."

Franziska ringt sich zu einer Therapie durch – und bricht sie wieder ab. Doch dann kommt der Zusammenbruch.

"Und da war ich eben bei meinen Eltern und bin vollkommen ausgerastet. Also, wieder heulen, auf dem Bett liegen, nicht hochkommen, Selbstmordgedanken – die volle Palette. Und meine Mutter hat dann im Grund genommen eine Psychiaterin ausgegraben und hat gesagt: ‘ Du gehst da jetzt hin!’. Und ich hatte eben das Glück, dass die mich am selben Tag noch im Grunde genommen gesehen hat und mir was verschrieben hat."

"Eine Sache, die mir sehr im Gedächtnis geblieben ist, weil ich denke, sehr gut beschrieben hat, wie man eben 1980 vielleicht damit umgegangen ist, im Gegensatz dazu wie man heute damit umgeht, das ist der erste Film, der erste Lehrfilm, der im deutschsprachigen Raum zu dem Thema gemacht worden ist. Das ist von einem Wiener Kollegen damals gedreht worden und die Überschrift dieses Films – über Panikstörung, über das Wesen dieser Krankheit, wie man’s behandelt – war: "Sie haben nichts!"

Die Poliklinik für Psychiatrie in Würzburg. Ein Gebäude aus den 80er-Jahren: es dominieren grün, orange und Beton. Jürgen Deckert führt durch lange Gänge und suizidgesicherte Treppenhäuser. Dann betritt er einen Raum, in dem eine Mitarbeiterin abwechselnd auf die Computermonitore vor sich und durch ein Glasfenster in eine kleine Kabine schaut.

In der Kabine sitzt ein junger Mann mit einer Elektrodenhaube auf den Kopf, den Blick starr auf einen Bildschirm gerichtet. Vor seiner Stirn ist eine Magnetspule platziert. Die in der Spule produzierten Magnetfelder stimulieren den präfrontalen Kortex – man spricht von repetitiver transkranieller Magnetstimulation. Die Würzburger Forscher hoffen, dass das Neulernen, beziehungsweise Überschreiben des Furchtgedächtnisses auf diese Weise beschleunigt werden kann.

"Das ist bisher nur eine Hypothese. Also wir haben das mal im Einzelfall beobachtet, bei einem Patienten, dass eben eine Besserung seiner Angstsymptomatik parallel mit der Magnetstimulation einherging. Das war ein Patient, der eine Angsterkrankung, eine Panikstörung und eine Depression hatte. Und von dieser klinischen Beobachtung haben wir dann diese Hypothese entwickelt und untersuchen das jetzt."

Jürgen Deckert ist Psychiater, Grundlagenforscher und Direktor der Poliklinik für Psychiatrie in Würzburg.

Als Psychiater hat er viel gesehen. Heute nutzt er seine Erfahrung vor allem zur Weiterentwicklung von Therapieformen. Klassischerweise angewandt werden heute unterschiedliche Arten der...

Verhaltenstherapie.
Angst wird als ein erlerntes Reaktionsmuster verstanden.
Man wird mit seiner Angst konfrontiert.
Man lernt die Angst neu zu bewerten.

Ein Arachnophobiker etwa wird mit einer Spinne konfrontiert. Dabei lernt der Patient, ein anderes Gefühl mit dem Anblick einer Spinne zu verbinden als Angst.

Auch bei anderen Angsterkrankungen setzt man auf Konfrontationstherapie. Bei einer Panikstörung wird der Patient beispielsweise in Situationen gebracht, in denen er ins Hyperventilieren kommt, einem Hauptbestandteil jeder Panikattacke. Jürgen Deckert und seine Mitarbeiter haben dabei eine eigenwillige, aber Zweck erfüllende Methode gefunden:

"Hier im Haus – das Gebäude hat fünf Stockwerke – bitten wir sie, nachdem wir geprüft haben, dass sie auch wirklich herzgesund sind, diese fünf Stockwerke rauf und runter zu rennen. Weil dann atmen sie schneller, kommen sie ins Hyperventilieren und haben diese körperlichen Symptome, vor denen sie eigentlich Angst haben und erleben die aber in einem anderen Kontext. Sie erleben sie als eine ganz natürliche Reaktion. Weil es auch jedem Menschen klar ist, wenn er fünf Stockwerke zwei, dreimal rauf und runter rennt, dass er nachher schnell atmet."

Die inzwischen gängigste Art der Behandlung von Angstpatienten ist die kognitive Verhaltenstherapie. Hierbei geht es vor allem darum, dem Patienten ein Bewusstsein für seine Krankheit zu vermitteln. Das heißt, im weitesten Sinne soll er selbst verstehen, wo was wann im Gehirn schief läuft.

Weniger oft angewendet wird inzwischen die...

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.
Angst wird als Ausdruck eines inneren Konfliktes betrachtet.
Der Konflikt muss therapeutisch aufgearbeitet werden.
Ist der Konflikt aufgearbeitet, verschwindet die Angst.

Welchen therapeutischen Weg man geht, entscheidet sich oft bei der Wahl des Therapeuten – denn Psychiater, die in mehreren Disziplinen ausgebildet sind, gibt es kaum. Zudem kommt es oft auf die Komplexität der Angsterkrankung an. Einfache Angststörungen können sehr schnell und effektiv mit Verhaltenstherapien behandelt werden. Nur wenn in Folge der Angststörung Depressionen oder Suchterkrankungen hinzukommen, reichen pure Verhaltenstherapien manchmal nicht mehr aus.

"Das ist eigentlich das, woran wir uns gewöhnt haben, dass wir mit diesen Therapien die Patienten gut behandeln können. Und dass das jetzt eigentlich für mich selber jetzt, nicht so beeindruckend mehr ist heute, wenn jemand von der Behandlung gut profitiert."

Jürgen Deckert beschäftigt sich auch mit Diagnostik. Immer wieder taucht unter Neurowissenschaftlern die Frage auf, ob die aktuelle, rein psychologische Aufteilung der einzelnen Angststörungen überhaupt noch zeitgemäß ist. Viele glauben, dass eine Kombination aus Genanalyse und bildgebenden Verfahren in naher Zukunft eine neue Ära einleiten.

"Also gerade Angst objektiv als Betroffener zu messen ist sehr schwierig. Und da sind die subjektiven Angaben nicht immer wirklich hilfreich. Von daher können solche objektiven Messungen, wie sie ja sonst auch überall in der Medizin üblich sind, dazu beitragen, zum Beispiel zu definieren: Das sind Patienten, die brauchen eine etwas intensivere Therapie, das sind Patienten die brauchen eine etwas weniger intensive Therapie... Und damit auch einen Beitrag leisten, in Richtung dieser individualisierten, personalisierten Medizin, wie wir sie in der gesamten Medizin im Augenblick anstreben."

Vor circa fünf Jahren wollten Deckert und seine Mitarbeiter per Magnet-Resonanz-Tomografie die Hirnaktivität von Panikpatienten messen, während diese mit verschiedenen Bildreizen konfrontiert wurden. Die enge MRT-Röhre löste bei einer Patientin eine Panikattacke aus.

"Da konnten wir damals zum ersten Mal halt bei einer spontanen Panikattacke – die war wie gesagt nicht absichtlich induziert – konnten wir dann sehen, wie dann v.a. dieser Mandelkern, die Amygdala, die man dafür schon in Verdacht hatte, wirklich massiv angesprungen ist."

Die Aktivität einzelner Gehirnbereiche live mitverfolgen zu können, macht es theoretisch auch schon möglich, Therapieverläufe visuell nachzuvollziehen – die Aktivität der Amygdala nimmt bei erfolgreicher Behandlung sichtbar ab.

Etwa 14 Prozent der Europäer leiden unter krankhafter Angst. 80 bis 90 Prozent davon kann, sofern sie in Therapie gehen, geholfen werden.

Umgekehrt heißt das: Bei 10 bis 20 Prozent aller Betroffenen versagen die Therapien.

Der erste Schritt aus der Angststörung sind für Franziska Antidepressiva, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Vor der eigentlichen Therapie – auf Geheiß ihrer Psychiaterin.

"Die hätte mich nicht gleich therapieren können, das hat sie selber auch gesagt. Da war Hopfen und Malz verloren, ich war fix und alle. Auch bis die Medikamente das Wirken angefangen haben, ging’s mir nicht gut, da hätte man nicht rankommen können."

Und die Antidepressiva wirken – irgendwann.

"Also die Woche, in der ich die schon genommen hab, war die schlimmste. Ich war am Montag bei der Psychiaterin, die hat mir die verschrieben, am Dienstag wollte ich zur Arbeit gehen und habe versucht das Rezept einzulösen. Das ging nicht, die hatten das Mittel nicht da und ich hab tatsächlich auf offener Straße das Heulen angefangen und konnte eine halbe Stunde nicht aufhören. Dann habe ich’s trotzdem im Laufe des Tages bekommen und die Woche war ... heftig. Das war so eine Woche, da lag ich nur noch im Bett und hab geheult."

An ihrem Tiefpunkt angekommen, hat Franziska Angst, das Haus zu verlassen. Angst davor U-Bahn zu fahren. Angst davor, dass sie ihre Angstanfälle, die Heulkrämpfe, auch vor den Arbeitskollegen bekommt. Als sie anfängt, Antidepressiva zu nehmen, lässt sie sich vier Wochen krankschreiben.

"Das hat dann halt ein, zwei Wochen gedauert und dann haben die Gott sei Dank ziemlich schnell gewirkt. Und dann war’s aber trotzdem noch mal, als es daran ging ‘Du musst jetzt wieder zur Arbeit, du musst praktisch wieder ins richtige Leben zurück’ und dann war’s noch mal ziemlich schlimm, dass ich noch mal solche Anfälle hatte."

Bei massiven Angstanfällen müssen viele Patienten auf Pillen zurückgreifen. Beruhigungsmittel wie Lorazepam oder Valium gehören zur Stoffklasse der Benzodiazepine. Sie binden an die GABA-Rezeptoren im Gehirn und verstärken deren hemmende Wirkung. Die Erregbarkeit von Nervenzellen wird minimiert und akute Angstzustände lösen sich sehr schnell. Allerdings liegt das Suchtpotenzial bei Benzodiazepinen sehr hoch. Ein paar Mal griff Franziska auf die verschriebenen Lorazepam-Pillen zurück, ...

"... aber ich wollte eigentlich nie, also ich weiß, die machen total abhängig. Und ich hab die zwar immer dabei, falls was passiert, aber ich habe keinerlei Verlangen danach, die zu nehmen."

Medikamente, die ohne größere Nebenwirkungen gezielt bei Angsterkrankungen helfen, existieren noch nicht. Doch vor acht Jahren entdeckten Forscher einen körpereigenen Hoffnungsträger: Neuropeptid S oder kurz "NPS". Direkt in das Gehirn einer Maus injiziert hat es einen angstlösenden Effekt, vergleichbar dem von Benzodiazepinen. Bisher hat man bei NPS keine Verbindung zu den klassischen Suchtsystemen im Gehirn gefunden. Das weckt die Hoffnung, dass es weniger abhängig macht.

"Die klassischen angstlösenden Benzodiazepine machen müde, dann darf man auch nicht Auto fahren, wenn man die nimmt und so weiter, schläft viel ein. Das macht NPS nicht, das macht die Mäuse eher munter."

Ulrike Schmidt forscht am MPI für Psychiatrie in München. Nebenher leitet sie auch noch die Traumambulanz des Max-Planck-Instituts. Die junge Medizinerin und viele ihrer Kollegen sehen in dem Neuropeptid ein großes Potenzial, obwohl es noch nie an Menschen getestet wurde. Einem menschlichen Angstpatienten kann man NPS nicht einfach durch die Schädeldecke injizieren. Da Peptide Eiweißverbindungen sind, werden sie im Magen verdaut. Und kommen, wenn über den Blutkreislauf zugeführt, nicht durch die Blut-Hirn-Schranke.

Doch Ulrike Schmidt fand einen anderen Weg. Den durch die Nasenschleimhaut. Nicht nur angenehmer für den Menschen, sondern auch für die Versuchsmäuse:

"Das ist für die Maus relativ bequem, sage ich mal. Man nimmt die Maus hoch, man hat die Flüssigkeit in einer Pipette und man tropft der Maus das in die Nase und muss ihr dabei kurz den Mund zuhalten, damit sie nicht schluckt. Das ist sozusagen einmal hochnehmen und in die Nase tropfen – das sind drei Tropfen."

Die Mäuse mit NPS-Nasenspülung sind nach vier Stunden sichtlich ruhiger als die unbehandelten Nager. Die Methode funktioniert. Rein zeitlich gesehen ist NPS dagegen keine Konkurrenz für Benzodiazepine, die schon nach zehn bis vierzig Minuten wirken. Doch durch chemische Modifikationen könnte die Aufnahme in Zukunft vielleicht beschleunigt werden. Ulrike Schmidt hofft, dass ein Nasenspray in ein paar Jahren effektiv bei allen Arten der Angststörung helfen kann.

"Ich würde mir wünschen, dass man das Medikament für alle krankhaften Angstformen etablieren kann und dazu gehört: Angst bei der Depression, Panikattacken, die generalisierte Angststörung und überhaupt ist Angst ein Symptom, was zum Beispiel auch bei der Psychose vorkommt, was bei nahezu jeder psychiatrischen Erkrankung vorkommen kann und was sehr sehr quälend für die Patienten ist."

In den letzten 20 Jahren hat sich viel getan. Die Angststörung ist als echte Krankheit anerkannt. Es wurden Therapien entwickelt, die mit einer hohen Erfolgsquote helfen. Das Verständnis der Vorgänge im Gehirn vertieft sich von Jahr zu Jahr. So steigt auch von Jahr zu Jahr die Hoffnung, dass auch denjenigen geholfen werden kann, bei denen heutige Therapien noch scheitern. Wie überall in der Medizin ist "personalisierte Medizin" auch der Traum der Angstforscher: Individualisierte Diagnostik, psychologische Betreuung und Medikamente, die nicht abhängig machen.

Hans-Christian Pape vergleicht das Voranschreiten der Angstforschung gerne mit einem Mosaik.

"Wir kennen die Hirnregionen, wir kennen einzelne Nervenzellen, die verantwortlich sind für Furcht lernen und das überschreiben von Furcht, wir kennen Hände voll von Kandidatengenen... Was wir verstehen müssen, ist, wie diese Prozesse – ähnlich wie in dem Bild Mosaik – zusammenwirken. Dabei kann es durchaus sein, dass wir zunächst ein Teilbild dieses Mosaiks verstehen, dass nachher das Gesamtbild doch etwas anders aussieht, als das, was wir heute aufgrund der Teilinformationen erwarten würden."

Franziskas Therapie verläuft gut, sie ist dabei, die Antidepressiva wieder abzusetzen. Stress versucht sie zu vermeiden, Arbeit hingegen nicht. Sie studiert im zweiten Semester Psychologie – aus den Seiten ihrer Physikbücher hat sie kleine Papierflieger gemacht, die eingerahmt die Wände ihres Zimmers zieren. Über ihre Angststörung redet sie inzwischen, als wäre sie ihre eigene Therapeutin.

"Also im Grunde genommen...vielleicht...das klingt jetzt fies, aber vielleicht ist es eine perfide Art von Selbstschutzmechanismus, tatsächlich. Denn damals in New York war ich kreuzunglücklich. Und ich hätte von alleine nie den Mumm gehabt, den Scheiß zu schmeißen und zu sagen, ich zieh jetzt in ein anderes Land und mach’ was ganz was anderes. Ich hatte Bock drauf, aber hätte es von allein nie gemacht. Und ich konnte nicht mehr arbeiten, es ging nicht mehr, das Pensum, es ging einfach nicht mehr. Und in dem Moment hat mein Körper dann sozusagen für mich die Notbremse gezogen. Wie so ein Wake-up-Call.....Zack!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk