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Günter Grass, Daniela Dahn; Johano Strasser (Hrsg.): In einem reichen Land. Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft.

Mitte Oktober feierte Günter Grass seinen 75. Geburtstag. Begleitet wurde dieses Jubiläum mit einer Reihe von Feierlichkeiten und zwei neuen Büchern des Steidl-Verlages. Ein Fotoband über den Bildhauer Grass. Seine Skulpturen hat Dirk Reinartz fotografiert. "Gebrannte Erde" ist der Titel. Und auch neu bei Steidl der Herausgeber Günter Grass. Gemeinsam mit Daniela Dahn und Johano Strasser hat der homo politicus Grass die Anthologie "In einem reichen Land" herausgegeben – "Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft."

Ulrich Rose |
    Mitte Oktober feierte Günter Grass seinen 75. Geburtstag. Begleitet wurde dieses Jubiläum mit einer Reihe von Feierlichkeiten und zwei neuen Büchern des Steidl-Verlages. Ein Fotoband über den Bildhauer Grass. Seine Skulpturen hat Dirk Reinartz fotografiert. "Gebrannte Erde" ist der Titel. Und auch neu bei Steidl der Herausgeber Günter Grass. Gemeinsam mit Daniela Dahn und Johano Strasser hat der homo politicus Grass die Anthologie "In einem reichen Land" herausgegeben – "Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft."

    Die Zahlen sind bekannt, nüchterne Zahlen. Etwa 42 Prozent des gesamten Privatvermögens von 8,2 Billionen Mark lagen in Deutschland im Jahr 1998 in der Hand von zehn Prozent der Haushalte; sie verfügten im Schnitt über ein Vermögen von 1,1 Millionen Mark. Dagegen besaß die Hälfte der Haushalte nur 4,5 Prozent des Gesamtvermögens; durchschnittlich lag das Haushaltsvermögen im Westen bei 22.000 Mark, im Osten bei 8000. Je nachdem, wie der Begriff "Einkommensarmut" definiert wird, waren allein in den alten Ländern zwischen 3,9 und 11,9 Millionen Menschen arm. Betroffen sind vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Zuwanderer. Nachzulesen ist das im "Armuts- und Reichtumsbericht", den die Bundesregierung im April 2001 veröffentlicht hat.

    Soweit die Statistik. Die Welt aber, die dahinter steht, wird in den Zahlen selbst nicht sichtbar. Die Lebenswelt etwa von Karin H., 55, geschieden, Verkäuferin im Supermarkt, Teilzeitarbeit:

    Mein Job ist ein Scheißjob.

    ... sagt sie. Gemeint ist die Plackerei mit den Gemüsekisten, der Ekel vor der Fischtheke und das Hinunterwürgen aus Angst, die Stelle zu verlieren:

    Ich kann mich nicht bei den Kolleginnen aussprechen. Jede hasst jede. Jede hat Angst vor der anderen. ... Hier hat jeder Angst um seinen Arbeitsplatz.

    Oder die Welt von Sabine, 27: ein Leben zwischen Sohn Benno und Freund Florian, dem Medizinstudenten, den Hunden Timo und Fritzi, dem Auflauf, der in den Ofen muss, der Berufsaufbauschule und dem Job:

    Der Unterricht ist Montag bis Donnerstag von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr, dazu kommen fast zwei Stunden Fahrzeit für den Hin- und Rückweg. Dann passt Florian auf den Kleinen auf. Wenn ich heimkomme, bin ich oft richtig erschossen. Die Computerarbeit? – Ja, die mache ich dann danach. So um elf fange ich an, die Daten einzutippen. Ich bin froh um diesen Job, denn wo sonst könnte ich um diese Zeit noch arbeiten. Manchmal brennen mir die Augen, und der Bildschirm flimmert. – Eigentlich kann man das nicht aushalten. Ich meine, so wie ich momentan lebe.

    Es sind Geschichten, die aufgezeichnet wurden "In einem reichen Land". So ist der Band überschrieben, den Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser herausgegeben haben, ein Band, in dem "Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft" versammelt sind, so der Untertitel. Viele, ganz unterschiedliche Zeugnisse, gebündelt in fünf Kapiteln: Berichte aus der vermeintlich schönen, neuen Arbeitswelt, in der es gnadenlos liberal zugeht; Beobachtungen zum Preis der Anpassung, der nicht nur unten kassiert wird, sondern der auch oben zu zahlen ist und der ganz schön hoch sein kann; Reportagen aus kaputten Familien und aus solchen, in denen alles heil und adrett zu sein scheint; Porträts von Menschen auf der Kippe, wie sie auf dem Sozialamt zu beobachten sind; Geschichten von Recht und Unrecht oder was deutsche Gerichte dafür halten. Insgesamt sind in den Kapiteln mehr als fünfzig Beiträge versammelt. Sie sind von höchst unterschiedlicher Güte – so unterschiedlich halt, wie die Autoren unterschiedlich sind. Darunter finden sich auch höchst prominente Namen: Herbert Riehl-Heyse von der "Süddeutschen Zeitung" etwa, der Fernsehjournalist Roger Willemsen, der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz oder die Autorin Petra Morsbach.

    Das Unterfangen hat ein großes Vorbild, und die Herausgeber machen auch gar kein Hehl daraus: Pierre Bourdieus monumentale Studie "La Misère du Monde" aus dem Jahr 1993, in der das Elend der französischen Welt erkundet wurde, das Elend, dort zu leben, wo der Wohlfahrtsstaat sich auflöst. Bourdieu, damals Professor am altehrwürdigen Collège de France, ließ in den neunziger Jahren ein Heer von Soziologen die Gesellschaft erforschen. Für Günter Grass und seine Mitherausgeber haben das nun hauptsächlich Journalisten, Publizisten und Schriftsteller übernommen. Das führt dann zu unterschiedlichen Resultaten. So ist die brutale Nüchternheit, die Pierre Bourdieus Original auszeichnet, einer literarischen Aufbereitung gewichen, die sich mal ausgeprägter bemerkbar macht, mal weniger.

    Gemeinsam bleibt beiden Büchern, dass sie nicht gerade Dokumente einer fröhlichen Wissenschaft sind. Aber wie auch. Hinter der Fassade des Wohlstands gibt es wenig Anlass zur Heiterkeit, dort, wo nicht einmal mehr der Anschein aufrecht erhalten wird, erst recht nicht. Das Leben in Halle-Neustadt, in der Plattenbau-Wüste, die einmal als Inbegriff städtebaulichen Fortschritts galt, ist grau. Dort hat Timmy eine Einraumwohnung, zwanzig Quadratmeter mit Dusche, ohne Küche, gerade hat er wieder eine Lehre angefangen, diesmal als Ausbaufacharbeiter:

    Ich sag mal, es muss gehen. Ich sag mal, es ist nicht gerade das Tollste, aber es muss gehen. Gerade hier unten im Zentrum, der ganze Scheiß hier mit den ganzen Drogen und so nem fuck. Mit den ganzen Schwarzen und den Türken hier unten in der Spielothek. Abends hier rumzulaufen ist eigentlich nicht mehr so ratsam, allein zumindest. Erst vor kurzem haben sie nem Kumpel von mir in den Kopf gestochen. In den Kopf! Aber, er lebt noch.

    Das Leben ist trist dort, trostlos, ohne Aussicht, dass die Dinge zum Besseren sich wenden. Ein Leben wie in vielen anderen deutschen Vorstädten, wie, nebenbei, in den Banlieu von Straßburg, Paris oder Lyon. Wie für die Obdachlosen am Bahnhof Zoo. Wie in Bitterfeld.

    Günter Grass hat einmal im Gespräch mit Pierre Bordieu von sich gesagt, er stehe "berufsnotorisch auf Seiten der Verlierer". Das mag man für Sozialromantik halten – das Buch aber, das der Literaturnobelpreisträger jetzt mit herausgegeben hat, steht ganz eindeutig auf der Seite der Verlierer. Und von dort aus will es wirken. Vielleicht ist es Absicht, und wenn es doch Zufall ist, dann ein höchst willkommener: Es erscheint just in dem Augenblick, in dem ein sozialdemokratischer Kanzler seine zweite Amtszeit beginnt, und sie damit beginnt, von den Bürgern mehr "Eigenverantwortung" zu fordern. Was meistens übersetzt wird mit: weniger Sozialstaat. Günter Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser und ihre Mitstreiter haben anderes im Sinn: Sie wollen, dass "Solidarität, ein gegenwärtig als Ladenhüter gehandelter Wert, wieder zur Geltung kommt". Es ist gut und bitter nötig, dass die Autoren daran so eindringlich erinnern.

    Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser (Hg.): In einem reichen Land. Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Steidl-Verlag. Göttingen 2002. 672 Seiten. 34 Euro.