10. Kölner Forum für Journalismuskritik
Günter Wallraff-Preis 2026 an HateAID verliehen

Die Verleihung des „Günter-Wallraff-Preises für Pressefreiheit und Menschenrechte“, das war auch 2026 der feieriche Abschluss des Forums Journalismuskritik. Diesmal ging die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung an "HateAid". Die Organisation kämpft gegen Hass im digitale Raum und unterstützt Betroffene.

    Drei Frauen und zwei Männer stehen auf einer Bühne bei einer Preisverleihung.
    Die Verleihung des Günter-Wallraff-Preises 2026 am 8.5.2026 im Deutschlandfunk-Funkhaus. Von links nach rechts: Hektor Haarkötter (INA.e.V), Jule Klemm (HateAid), Marlene Nunnendorf (INA e.V.), Günter Wallraff, Stefanie Zacharias (HateAid). (Deutschlandfunk, Thomas Kujawinski.)
    Der Preis wird von der „Initiative Nachrichtenaufklärung“ vergeben, für die Marlene Nunnendorf durch die Zeremonie im Kölner Funkhaus führte. Stefanie Zacharias und Jule Klemm nahmen die Auszeichnung entgegen. Hier dokumentieren wir die beiden Würdigungen von Laudatorin Birgit Wentzien und von Günter Wallraff, dem Namensgeber des Preises.
    Birgit Wentzien, ehemalige Deutschlandfunk-Chefredakteurin, Ehrenmitglied der „Initiative Nachrichtenaufklärung“.
    „Wir machen weiter…“, sagen diese beiden Frauen. „… und zwar mit aller Kraft!“ Und: „Wir lassen uns nicht von einer Regierung einschüchtern. Eine Regierung, die Zensurvorwürfe instrumentalisiert, um diejenigen, die sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen, mundtot zu machen.“
    Sie machen weiter. Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon und das gesamte Team von HateAid. Und sie tun dies im klaren Wissen: Es gibt nur ein Recht und das gilt im analogen Leben und im digitalen Raum. Und Anna-Lena Hodenberg und Josephine Ballon und das gesamte Team von HateAid werden für diese Selbstverständlichkeit attackiert als "Linksaktivisten mit politischer Schlagseite", sie trifft der Bannstrahl der Trump-Regierung .
    Es geht um mächtige wirtschaftliche Interessen der Plattformen und um deren Verantwortung für ihre Inhalte. Es geht um die konsequente Umsetzung der EU-Gesetzgebung. Es geht um eine amerikanische Regierung, die auf das Internet angewiesen ist, um politische Gegner einzuschüchtern.
    Eine Frau spricht an einem Rednerpult.
    Birgit Wentzien spricht bei der Verleihung des Günter-Wallraff-Preises 2026 an die Organisation HateAid am 8.5.2026. (Deutschlandfunk - Thomas Kujawinski)
    Und es geht um uns – alle! Um Wahrheit, Meinungsfreiheit und eine informierte Gesellschaft – die Schlüsselkräfte der Demokratie. "Angegriffen und Alleingelassen" – das ist der Titel einer Studie, die gemeinsam mit der TU München entstand. HateAid hat in dieser Studie ein Lagebild erstellt, wie sich digitale Gewalt auf das politische Engagement auswirkt: Hass und Gewalt im digitalen Raum sind inzwischen ein allgegenwärtiges Grundrauschen. Viele Betroffene ändern ihr Kommunikationsverhalten. Und – es besteht die Gefahr, dass digitale Gewalt Menschen davon abhält, politische Verantwortung zu übernehmen. Das wäre nichts anderes als das Ende von Demokratie.
    Sie machen weiter. Anna-Lena von Hodenberg, Josephine Ballon und das gesamte Team HateAid. Sie beraten, helfen, sind Ansprechpartner und Beistand und damit beispielgebend als Verteidigerinnen unseres Rechts und unserer Freiheiten. Der "Günter-Wallraff-Preis für Pressefreiheit und Menschenrechte 2026" für Ihre Kraft, Ihre Ausdauer, Ihre Selbstverständlichkeit, Ihren Mut und Ihr Rückgrat und von uns allen an Sie dafür unseren Dank und unseren Respekt!
    Machen Sie bitte unbedingt weiter!
    Günter Wallraff, Investigativjournalist und Namensgeber des Preises
    Liebe Stefanie Zacharias, liebe Jule Klemm, liebe Freunde, liebe Gäste! Es ist mir eine Freude und Ehre, Ihnen, liebe Stefanie Zacharias, stellvertretend für die Organisation HateAid, heute den Günter-Wallraff-Preis für Menschenrechte überreichen zu dürfen. Obwohl die Trump-Administration uns mit einer viel bedeutenderen Auszeichnung zuvorgekommen ist: Die beiden Geschäftsführerinnen von HateAid wurden – gemeinsam mit dem ehemaligen EU-Kommissar Thierry Breton – mit einer Einreisesperre in die USA geehrt. Wohl aus Sorge, dass Ihre Menschenrechtsinitiative in der Trumpschen Größenwahn-Willkür-Autokratie Schule machen könnte.
    Es ist hier, der begrenzten Zeit geschuldet, kaum möglich, Eure jahrelangen Erfolge bei der Durchsetzung von Menschenrechten einzeln aufzuzählen - durch juristische und persönliche Hilfestellung für Opfer von digitaler Gewalt, Desinformation und Mobbing: Allein im Jahr 2024 hat das Team von HateAid mehr als 7.500 mal Betroffene unterstützt, dabei 326 Strafanzeigen finanziert sowie fast 200 Abmahnungen und Zivilklagen ermöglicht, in der Regel erfolgreich. Das sind keine abstrakten Zahlen – das sind konkrete Akte von zurückgewonnener Selbstbestimmung.
    Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch. Wenn Menschen im digitalen Dschungel bis ins Privatleben hinein durch vulgäre Beschimpfungen, sexualisierte Beleidigungen und Deepfakes systematisch herabgewürdigt, mit rassistischen Angriffen konfrontiert werden oder durch Gewaltandrohung zur Selbstaufgabe bis in den Suizid getrieben werden sollen, dann sind das keine einmaligen Entgleisungen. Dann sind das keine Einzelfälle. Dann reden wir über ein System. Folge: Rückzug. Selbstzensur. Angst! Keine Ausnahmen – vielmehr neue Normalität. Eine schleichende Aushöhlung unserer Demokratie.
    Ein Mann spricht an einem Rednerpult.
    Namensgeber Günter Wallraff spricht bei der Verleihung des Günter-Wallraff-Preises 2026 an die Organisation HateAid. (Deutschlandfunk - Thomas Kujawinski.)
    HateAid berät, leistet psychosoziale Unterstützung, übernimmt Prozesskostenfinanzierung bei digitaler Gewalt und bringt die Fälle vor Gericht – beharrlich und in der Regel erfolgreich. Stalking-Plattformen werden juristisch gezwungen, verleumderische Inhalte und Rufmord zu löschen und Schadenersatz für die Opfer wird durchgesetzt! HateAid verschafft ihnen Gehör und gibt ihnen ihre Stimme zurück.
    Konkretes Beispiel: Da ist die ehrenamtliche Kommunalpolitikerin, die sich öffentlich für einzelne Verfolgte, für Diskriminierte einsetzt. Nach ihrer Intervention bricht der organisierte Shitstorm los. Im Netz, per Telefon: Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen. Sie ist kurz davor, aufzugeben. HateAid greift ein, sammelt Beweise, erstattet Anzeige, geht vor Gericht, erreicht ein Urteil. Und vor allem: Die Politikerin hält stand.
    Allzu oft wird solches Unrecht schulterzuckend hingenommen. Dabei sind Betroffene Opfer im doppelten Sinn: Opfer der konkreten Tat, aber auch Opfer des Big-Tech-Systems, das so übermächtig scheint, dass viele gar nicht mehr daran glauben, sich wehren zu können – und es deshalb gar nicht erst versuchen.
    Und genau hier setzt HateAid an. Es steht für eine neue Dimension von Gegenwehr: Aktuell arbeiten über 50 Menschen vieler verschiedener Fachgebiete täglich daran, Menschenrechte im digitalen Raum durchzusetzen: Ihr unterstützt nicht allein einzelne Betroffene oder schult Strafverfolgungsbehörden, sondern bringt auch große Tech-Plattformen, wie z.B. Tiktok, Facebook und X von Elon Musk in Grundsatzprozessen vor Gericht.
    Dank für Eure Beharrlichkeit, Euren Mut, dort hinzuschauen, wo andere wegducken oder sogar nachtreten, wo Häme und Niedertracht hingenommen und im digitalen Zeitalter zum Gewohnheits-Unrecht verkommen. Großer Respekt und weiterhin viel Erfolg und vor allem Kraft – ihr seid Vorbilder und Hoffnungsträger.
    Großer Dank – wir brauchen euch und euer Engagement!