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StartseiteMusikjournalGeschichte eines Hochstaplers25.11.2019

Gustav Mahlers vermeintlicher SohnGeschichte eines Hochstaplers

Er gab vor, Gustav Mahlers Sohn zu sein - war es aber am Ende doch nicht. Was hat Johannes Gall zu dieser Geschichte bewogen? Vielleicht habe er sich die Identität eines Höheren verschaffen wollen, um sich wichtig zu machen, vermutet der Musikwissenschaftler und Autor Hubert Stuppner.

Hubert Stuppner im Gespräch mit Jochen Hubmacher

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Der Komponist Gustav Mahler (imago / United Archives International)
Hatte Gustav Mahler tatsächlich einen unbekannten Sohn? Dieser Frage geht der Musikwissenschaftler Hubert Stuppner in seinem Buch nach. (imago / United Archives International)
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Gustav Mahler hatte zwei Töchter mit seiner Frau Alma. Die eine, Maria Anna starb schon im Kindesalter, die andere, Anna Justine lebte dagegen ein langes Leben. 1988 verstarb sie mit 84 Jahren in London. Jahrzehntelang gab es keinen Zweifel daran, dass dies die einzigen Nachkommen von Gustav Mahler sind. Doch schon in den 1980er Jahren gab es erste Gerüchte und 2013 trat plötzlich ein ehemaliger Wiener Straßenbahnbeamter auf den Plan, der behauptete sein Vater, ein gewisser Prof. Dr. Hannes Gall, sei der Sohn von Gustav Mahler - und er könne dies auch beweisen. Die Reaktionen in der klassischen Musikwelt bewegten sich irgendwo zwischen Sensationsmeldung und "amüsantem Aprilscherz".

In seinem Buch "Ich, der unbekannte Sohn Gustav Mahlers" beschäftigt sich der südtiroler Komponist und Musikwissenschaftler Hubert Stuppner mit diesem Fall. Nachdem die Gerüchte über einen möglichen Sohn Gustav Mahlers bekannt geworden waren, habe er das Gespräch mit dem vermeintlichen Enkel gesucht. Dieser habe ihm Unterlagen zugespielt, "die sehr verfänglich waren", sagte Stuppner. Der Enkel habe auf eine Ausstellung in Enzenreith (Österreich) verwiesen, in der öffentlich dargelegt wurde, dass es eine Affäre Gustav Mahlers mit einer Tochter aus der Klavierfabrikanten-Dynastie der Ehrbars gegeben habe, woraus ein Sohn entstanden sei - sein Vater Johannes Gall.

Klavierdynastie Ehrbar unterstützte Mahler

Bewiesen sei jedoch nur, dass es Verbindungen zwischen Mahler und den Ehrbars gegeben habe, so Stuppner. Die Firma Ehrbar habe unter anderem Aufführungen Mahlers unterstützt, um sich gegen den starken Konkurrenten Bösendorfer Gehör zu verschaffen. "Durch diese Sponsorisierung ging Mahler eine Zeitlang ein und aus bei den Ehrbars, das ist belegt vom Gästebuch", sagt Stupnner. "Es könnte sein, dass da irgendetwas war zwischen Marianne Ehrbar und Mahler". 

Johannes Gall, der vermeintliche Sohn aus dieser Liaison, sei ein gebildeter Mann gewesen, selbst Organist, sagte Stuppner. "Dann ist es erstaunlich: Was hat ihn dazu bewogen?" Denn am Ende sei ja durch eine DNA-Analyse herausgekommen, dass Mahler nicht der Vater von Johannes Gall war. Wahrscheinlich habe sich Gall mit der Geschichte "eine Identität eines Höheren herbeizuschaffen versucht, um sich wichtig zu machen. Denn sein Talent reichte nicht zu einer internationalen Karriere und zur großen Berühmtheit – die er aber sehr wohl beanspruchte als ein Nachfahre Mahlers."

Hubert Stuppner: "Ich, der unbekannte Sohn Gustav Mahlers – Die Geschichte eines Hochstaplers aus Wien, der Stadt der Klaviere"
281 Seiten, 39 Euro, Hollitzer Verlag

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