Donnerstag, 26.11.2020
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteMusikjournalInstitut für Musikforschung in Berlin auf der Kippe19.10.2020

Gutachten des WissenschaftsratsInstitut für Musikforschung in Berlin auf der Kippe

Musikwissenschaftler fürchten, dass das Staatliche Institut für Musikforschung in Berlin aufgelöst werden könnte – im Zuge der geplanten Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Grundlage dafür: ein Gutachten des Wissenschaftsrates, das auch Kritik an der Forschung des Instituts übt.

Von Matthias Nöther

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eingangsbeschriftung am Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung am 09.10.201 in Berlin. (picture alliance / Jens Kalane)
Das Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung sammelt und präsentiert Instrumente der europäischen Kunstmusik vom 16. Jahrhundert bis heute (picture alliance / Jens Kalane)
Mehr zum Thema

Staatliches Institut für Musikforschung Protest gegen Schließungspläne

Stiftung Preußischer Kulturbesitz Leiter von Institutionen wollen an Reform mitwirken

Stiftung Preußischer Kulturbesitz Droht ein neuer "Museumskrieg" in Berlin?

Marina Münkler von der TU Dresden leitete die Arbeitsgruppe im Wissenschaftsrat, die das Gutachten zur Struktur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erarbeitet hat. Sie bestreitet, dass der Wissenschaftsrat im Staatlichen Institut für Musikforschung einzig den Fortbestand des Musikinstrumentenmuseums empfohlen habe.

"Es ist keineswegs so, dass wir gesagt haben, das Staatliche Institut für Musikforschung soll aufgelöst werden und nur noch als Musikinstrumentenmuseum fortbestehen. Das haben wir nicht gesagt. Was wir kritisiert haben an den Forschungsleistungen, ist, dass die Kooperationen eher punktuell sind, dass es relativ heterogen ist in dem, was an Forschung gemacht wird und dass wir von daher empfehlen, die Forschungsanstrengungen stärker zu fokussieren, mehr Drittmittel einzuwerben und das Ganze strategisch aufzusetzen. Das ist etwas, das würde man jedem anderen Forschungsinstitut in einer ähnlichen Weise auch empfehlen."

Institut hochgradig spezialisiert

Zugegeben: Das klingt erstmal relativ harmlos, aber es gibt den strengen Ton des Gutachtens nicht gänzlich wieder. Man kann es durchaus als Fundamentalkritik auffassen, was der Wissenschaftsrat über jenes Institut schreibt, das seit den Zeiten des berühmten Instrumentenkundlers Curt Sachs in stetig veränderter Form mittlerweile über hundertdreißig Jahre besteht – und das gerade in den letzten zehn Jahren seine hohe Spezialisierung relativ geschickt verkaufte: etwa mit publikumswirksamen Ausstellungen zur Entwicklung der Blechblasventile, zu elektronischen Musikinstrumenten oder zum Bandoneon, wie im vergangenen Jahr.

Für diese Ausstellung sei das Institut eine Kooperation mit dem gegenüberliegenden Ibero-amerikanischen Institut eingegangen, betont Thomas Ertelt, der Direktor des Staatlichen Instituts für Musikforschung.

" ... wo es um die Geschichte und die historische Wanderung dieses Instruments, des Bandoneons ging, das in Deutschland entstanden ist und dann eine beispiellose Karriere gemacht hat in Argentinien, im Bereich des Tango, und von dort aus wieder zurückgekommen ist nach Europa. Das ist so ein Phänomen, wo man aus ganz verschiedener Perspektive herangehen kann. Wir machen das natürlich erstmal instrumentenkundlich, ganz solide, wofür wir uns zuständig fühlen mit unserem Museum. Aber andere Aspekte, sozialgeschichtliche, die sind, in dem Fall, natürlich hervorragend aufgehoben beim Ibero-amerikanischen Institut."

Akustik und Musiktechnologie ins Museum?

Thomas Ertelt wird zur Zeit nicht müde, solche Kooperationen zu erwähnen. Zum einen, weil er betonen muss, dass das Staatliche Institut für Musikforschung, kurz SIM, nicht in seinem eigenen Saft schmort. Zum anderen, weil er die Kritik des Wissenschaftsrats, die Forschung des Instituts sei zu unfokussiert, mit der Zusammenarbeit der einzelnen Abteilungen untereinander kontern will. Zum Beispiel in einem gerade entstehenden Sound and Vision Experience Lab.

"Man kann ein Cello virtuell hören, das dann gedreht wird, so dass man das Abstrahlverhalten des Instruments versteht. Man kann Aufnahmen wiedergeben von Instrumenten vor und nach der Restaurierung – aber genauso gut andere Aspekte von historischen Aufnahmen. Und dass aus der akustischen Abteilung ein solches Projekt entstanden ist – auch da würde ich wieder sagen: Verschränkter geht es nicht."

Hier arbeitet das Musikinstrumentenmuseum mit einer anderen Abteilung des Instituts zusammen. Der Wissenschaftsrat schließt daraus, dass dann ja die Abteilung Akustik und Musiktechnologie auch zum Museum selbst gehören könne. Marina Münkler vom Wissenschaftsrat:

"Wenn Sie sich die Struktur anschauen: Die Abteilung 1 ist das Musikinstrumentenmuseum. Die Abteilung 3 ist die Abteilung Akustik und Musiktechnologie. Da sagt das Museum selbst, das beziehe sich vor allen Dingen auf die Klänge jener Musikinstrumente, die im Musikinstrumentenmuseum drin sind. Das heißt, das bildet ohnehin schon einen Schwerpunkt."

Angst am Institut vor Verlust der Eigenständigkeit

Die rund fünfzig Angehörigen des Musikforschungsinstituts und ihre internationalen Kollegen lesen aus dem Gutachten des Wissenschaftsrats eher mit Entsetzen heraus, dass das Museum das vornehmlich Wichtige am Institut sein soll und die anderen Abteilungen ihre Eigenständigkeit verlieren könnten. Für Ertelt ist das eine gefährliche Vorstellung – gerade weil ja der Plan ist, alle Museen des Preußischen Kulturbesitzes in einer neuen Stiftung zusammenzufassen.

"Naja, es gibt etwas, was jeder sofort versteht: Dieses Institut hat ein Museum. Und dann kommt die Frage: Warum ist das eigentlich nicht bei den Staatlichen Museen? Wenn man diese Idee durchspielt, dann ist natürlich die Frage: Ja, und bitteschön: der Rest? Der Rest ist dann natürlich definitiv zu klein, als dass er als selbstständige Institution weiterbestehen könnte."

Tatsächlich wird im Gutachten auffällig stark die Instrumentenkunde gelobt, die aber für Thomas Ertelt wissenschaftlich nicht selbstständig und ohne musikhistorische Zuarbeit bestehen kann. Der Direktor des Staatlichen Instituts für Musikforschung geht bald altersbedingt in den Ruhestand. Neu ausgeschrieben wird seine Stelle in Kürze von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

"Bauernopfer" der Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz?

Auch Parzinger kann mit dem Gutachten des Wissenschaftsrats nicht glücklich sein, denn dieses empfiehlt eine Zerschlagung auch im Großen: die der riesigen Preußenstiftung selbst. Teilvorschlägen des Gutachtens kann sich Parzinger wohl nicht völlig verschließen. Dennoch will Hermann Parzinger einen Kompromiss für das Staatliche Institut für Musikforschung.

"Es gibt natürlich vielleicht noch andere Möglichkeiten, so ein Institut mit neuen Perspektiven zu versehen hier innerhalb der Stiftung. Wie kann man zum Beispiel mit der Musikabteilung der Staatsbibliothek enger kooperieren? Es gibt das Phonogrammarchiv, Musik aus aller Welt, das ist "Memory of the World" von UNESCO im Ethnologischen Museum, was im Humboldt-Forum sein wird. Und ich glaube, diese Chance muss man dem Institut meines Erachtens schon geben, zu sagen: Wir wollen, zunächst auf einige Jahre befristet, eine Nachfolge beschreiten, und die soll doch einfach mal ein Zukunftskonzept für dieses Institut entwickeln: Wie könnte man sich das vorstellen?"

Zur Zeit könnte es aber immer noch sein, dass das Staatliche Institut für Musikforschung unverschuldet zum Bauernopfer in einer riesigen Reform wird, die inhaltlich eigentlich nicht das kleine Institut, sondern die Preußenstiftung selbst betrifft. Die Musikszene verlöre damit das einzige unabhängige Institut, das nicht nur zu Instrumenten, sondern auch zur Geschichte der Schallplatten, zur Wiener Schule um Arnold Schönberg forscht und seit Jahren auch untersucht, wie Hörende Musik in Konzertsälen wahrnehmen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk