Sonntag, 02. Oktober 2022

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Gute Fachkräfte "muss man auch mit Stipendien locken"

Nur jeder dritte ausländische Studierende bleibt nach dem Studium in Deutschland. Alle vier Jahre verliert Deutschland eine Million Arbeitskräfte, rechnet Christian Bode vom Deutschen Akademischen Austauschdienst vor - und fordert ein Umdenken.

Christian Bode im Gespräch mit Manfred Götzke | 04.08.2010

    Manfred Götzke: Begrüßungsgeld, Sonderprämie – der Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle denkt sich zurzeit so einiges aus, um Facharbeiter nach Deutschland zu locken, denn die großen Unternehmen klagen schon seit Monaten, dass ihnen die Ingenieure ausgehen. Dabei müssten die Unternehmen gar nicht unbedingt aufs Ausland schielen, denn etwa 250.000 Ausländer studieren jedes Jahr hier in Deutschland, darunter Zehntausende angehende Ingenieure. Aber nur jeder Dritte davon bleibt nach dem Studium auch hier. Christian Bode ist Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Herr Bode, zwei Drittel der Absolventen gehen wieder in ihre Heimatländer. Wollen die alle nicht in Deutschland bleiben oder müssen die wieder nach Hause?

    Christian Bode: Also wir haben sie nicht gefragt, ich nehme mal an, dass viele natürlich auch nach Hause wollen. Nicht alle kommen zum Zwecke der Auswanderung, sondern auch zum Zwecke der Ausbildung. Übrigens sind die für uns keineswegs verloren, wenn sie nach Hause gehen, sondern sind oft Brückenköpfe auch für die deutsche Wirtschaft und für die deutsche Wissenschaft. Dagegen soll man gar nichts haben. Aber zumindest halten wir mal fest: Sie müssen nicht nach Hause. Wenn sie hier einen Abschluss gemacht haben, können sie jedenfalls, nach der jetzigen Rechtslage, die gar nicht hinreichend bekannt ist, die ja inzwischen längst verbessert ist, nach der jetzigen Rechtslage können sie ein Jahr lang hier in Deutschland einen adäquaten Job suchen, und wenn sie ihn finden, dann können sie ihn annehmen und auch bleiben. Und wenn sie länger bleiben und insgesamt acht Jahre hier waren, können sie auch eingebürgert werden. Kurz: Unsere Rechtslage ist besser als ihr Ruf.

    Götzke: Sie sagen es: Die Rechtslage ist besser als ihr Ruf und vielleicht auch besser, als es den Behörden bekannt ist. Vielleicht liegt das ja auch daran, dass einige Behörden die geltenden Gesetze nicht entsprechend umsetzen?

    Bode: Also es gibt noch viel Unwissenheit, das merkt man ja auch, gerade jetzt bei öffentlichen Äußerungen, selbst bei Politikern, die an der Änderung der Rechtslage mitgearbeitet haben. Es gibt aber zum Teil auch andere, sagen wir mal, zurückhaltende Meinungen zum ganzen Thema ausländische Fachkräfte, bis hin zu Ablehnungen. Es ist im Ausländerrecht auch in anderen Bereichen so, dass die Gesetzeslage relativ breite Ermessensspielräume zulässt und das sich dann doch auswirkt, wie der einzelne Sachbearbeiter zu der Sache steht. Da gibt es liberalere Praktiken und es gibt eben auch engherzigere, und das schwankt schon sehr. Insgesamt, sagen wir mal, haben wir bestimmt noch kein Klima in den Ausländerbehörden, die auch gerade so auf Anwerbung und erhöhte Gastfreundschaftlichkeit aus ist, sondern die Tendenz ist immer noch stark ablehnend.

    Götzke: Liegt das wirklich daran, dass Deutschland sich bis heute nicht als Einwanderungsland versteht?

    Bode: Ja, daran liegt es ganz zweifellos, und Sie verfolgen ja die Debatte: Es gibt Pros und Kontras, da wird dann gelegentlich sozusagen der nicht ausgebildete deutsche Jugendliche oder Migrantenkind ausgespielt gegen den ausländischen Zuwanderer. Ich halte das für nicht sehr zielführend. Wir müssen auf allen Fronten Ausbildung, Weiterbildung verstärken, ganz sicher auch bei unseren Ausländern, die hier wohnen. Das ist eine Schwachstelle. Wir sehen, dass viel zu wenig junge Leute, die hier schon ihre ganze Ausbildung gemacht haben, dann auch zur weiterführenden Ausbildung kommen. Also das muss gemacht werden, aber das andere sollten wir nicht lassen. Andere Staaten sind da viel offensiver.

    Götzke: Andere Staaten sind offensiver, haben vielleicht auch noch liberalere Regelungen. Was müsste sich tun in Deutschland, gesetzlich aber auch gesellschaftlich, damit mehr Studierende, die einen Abschluss gemacht haben, dann auch hierbleiben?

    Bode: Also ich würde jetzt mal kurz und knapp sagen: An der gesetzlichen Regelung müssen wir gar nichts ändern. Wir müssen die sozusagen im Kopf etwas ändern, wir müssen eine offene Debatte darüber führen. Es muss mal allgemein bekannt werden, dass Deutschland alle vier Jahre eine Million Arbeitskräfte verliert zurzeit. Wir müssen uns darüber eine klare politische Linie entwickeln und dann müssen wir natürlich auch entsprechend werbend auftreten. Wir können natürlich mehr ausländische Studierende anwerben, aber das bedeutet auch Kosten, das bedeutet auch Plätze, die wir haben müssen. Gerade jetzt, wo zum Beispiel doppelte Abiturjahrgänge von Deutschen kommen, kommen die Ausländer möglicherweise unter die Räder. Also: Das Ganze müsste in eine konsistente Politik gebracht werden, und dann bräuchte man an den Gesetzen nicht viel zu ändern. Man müsste aber auch ein bisschen Geld in die Hand nehmen, denn die wirklich guten Leute, lassen Sie mich das noch mal sagen, die muss man auch mit Stipendien locken.

    Götzke: Ich will vielleicht noch eine gesetzliche Initiative, einen Vorschlag ansprechen, von Sigmar Gabriel, der hat ja auch gesagt, es wäre vielleicht sinnvoll, den Doppelpass, die doppelte Staatsbürgerschaft einzuführen, um junge Leute hier zu behalten, die dann gleichzeitig nicht ihren kulturellen Hintergrund verlieren würden. Wäre das sinnvoll?

    Bode: Ja, also ich glaube, das ist sicher nicht entscheidend für die Leute am Anfang, wenn sie Deutschland wählen, aber die Chance, sozusagen hier vielleicht eingebürgert zu werden, ohne zu Hause sozusagen die eigene Nationalität am Kleiderhaken abzugeben, die ist schon wichtig. Ich halte aber auch das nicht wirklich für einen entscheidenden Gesichtspunkt. Wer sich einbürgern lassen will, kann das, wie gesagt, auch nach den jetzigen Regelungen schon tun. Aber es wäre sicher ein zusätzliches Argument, aber nicht das entscheidende. Wir müssen einfach mehr Bewusstsein in der Öffentlichkeit, auch bei den Behörden schaffen, dass wir hoch qualifizierte Fachkräfte brauchen. Wir müssen sie gezielt anwerben, wir müssen sie hier gut behandeln, gastfreundlich, und sie müssen hier das Gefühl haben, dass sie willkommen sind. Und dann werden auch viele bleiben.

    Götzke: Haben die das Gefühl hier nicht zurzeit?

    Bode: Also, es ist unterschiedlich, übrigens auch unterschiedlich nach Ausländergruppen, ob die nun aus Entwicklungsländern kommen oder aus westlichen Industrieländern, und es ist auch manchmal unterschiedlich in den deutschen Landstrichen. Wir merken jedenfalls, dass unsere ausländischen Stipendiaten oft klagen, dass sie selbst schon in der Hochschule nicht den Kontakt mit den Kommilitonen finden, den sie sich wünschen, und sich auch nicht unbedingt in die Gesellschaft integriert fühlen, sondern gelegentlich hauptsächlich unter Ausländern bleiben. Das ist nicht der Sinn der Sache.

    Götzke: Vielen Dank, Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.


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