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Gutenbrunn und Dreispitz

Vor rund 250 Jahren siedelten sich im westrumänischen Banat Schwaben an und erhofften sich als Landwirte und Handwerker eine bessere Zukunft. 1989, kurz nach dem Ende der kommunistischen Ceausescu-Diktatur in Rumänien, kam dann der Exodus: Die meisten Banater Schwaben zogen nach Deutschland - und kehren als Urlauber zurück.

Von Thomas Wagner | 30.06.2013

Unterwegs auf einem staubigen, steinigen Pfad. Der führt an eingeschossigen Häusern entlang. Die Fassaden sind meist gelblich-grau. Das Ziel ist ein Haus an einem Hügel.

"Wir gehen zum Geburtshaus von Adam Müller-Gutenbrunn. Das ist ein Banater deutscher Schriftsteller, der Adam Müller hieß und, weil er hier in Gutenbrunn geboren wurde, auch den Namen der Ortschaft mit auf genommen hat."

Ein kleines Dorf in Westrumänien - ein Dorf, das wie so viele Örtchen dort zwei Namen hat:

"Gutenbrunn ist der deutsche Name. Und den Namen sieht man auch auf dem Schild, wenn man hier einführt. Auf Rumänisch heißt die Ortschaft Zabrani", "

erklärt Adi Aredelan, der ebenso fließend Rumänisch wie Deutsch spricht. Adi Aredelan arbeitet heute beim rumänischen Rundfunk. Doch seine Vorfahren gehörten zu jenen Deutschen, die vor über 250 Jahren die damals sehr sumpfige Region Westrumäniens besiedelten. Diese Banater Schwaben kamen aus Süddeutschland und den Regionen Lothringen und Rhein-Mosel. Sie erhofften sich als Landwirte und Handwerker im fruchtbaren Banat eine bessere Zukunft. 1989, kurz nach dem Ende der kommunistischen Ceausescu-Diktatur in Rumänien, kam dann der Exodus: Die meisten Banater Schwaben zogen nach Deutschland. Was geblieben ist, sind die typischen Banat-schwäbischen Dorfstrukturen.

" "Spuren deutscher Kultur findet man überall. Schauen Sie nur auf diese Schwabenhäuser hier überall im Ort. Auf vielen dieser Häuser kann an deutsche Namen sehen. Die haben eine spezifische Architektur. Wenn man in den Hof hineingeht ..., also die Pforte ist in das Haus eingebaut. Dann kommt ein Gang, ein Korridor. Und erst dann kommt das Haus. Ja, man sieht die deutschen Namen auf diesen Häusern und die Baujahre. Und dann sieht man sehr viele katholische Kirchen in diesen Dörfern. Weil ja die Banater Schwaben auch katholisch waren."

Immer mal wieder aber kommen jene "Banater Schwaben", die längst in Deutschland wohnen, wieder zurück in ihre alten Dörfer. Die liegen entweder in der Hecke oder in der Heide - je nachdem, ob's gerade flach oder aber leicht hügelig ist.

"Hecke und Heide - also es gibt ein Gebiet des Banats, also unterteilt, so sag' ich's jetzt mal, wo das Land dann ganz flach ist, westlich von Temeswar, Temeschburg. Das nannte sich die Heide mit sehr gutem Boden. Und jetzt von Temeswar Richtung Lipova, Richtung Arad. Da sieht man dann schon ein paar Wälder, dann wurde es auch ein wenig hügeliger. Das war dann die Hecke."

Inge und Horst Reiter schlendern langsam, nachdenklich durch Gutenbrunn. Dabei schauen sie auf die manchmal barock verzierten grau-weißen Hausfassaden um sie herum. Und sie erinnern sich daran, wo sie selbst herkommen - nicht aus der Hecke, sondern von dort, wo's flach ist - von der Heide, aus der Gemeinde Groß Jeta oder auf Rumänisch Jeta Mare.

"Einer sagt zum anderen: Du bist doch von der Heck. Nein, von der Heide. Also man neckt sich ein bisschen. Es gab auch eine sehr gute Blaskapelle. Wie haben die geheißen? Die Hecke-und-Heide-Musikanten. Die waren dann von da und von dort."

Ob sich so die "Hecke-und-Heide-Musikanten" vor über drei Jahrzehnten angehört haben? Als die Blaskapelle um die Ecke biegt und anlässlich der Eröffnung des kleinen Dorfmuseums zu spielen beginnt, schauen die Reiters fast schon wehmütig auf die bunten Trachten, ebenso wie Bruno Ferling. Er wanderte als 13-jähriger Junge nach Frankenthal aus, gemeinsam mit seinen Eltern aus Furcht vor der kommunistischen Ceausescu-Diktatur. Aber geboren wurde er in der Gemeinde Albrechtsflor.

"Das war ein Weindorf in dem Ziel Jugoslawien, Ungarn, Rumänien. Mein Ur-Opa hatte ziemlich viel Wein, hat damals auch sein Geld verdient. Aber nach 1989 wurde das alles plattgemacht. Und da gibt es nur noch normale Landwirtschaft."

Immer wieder besucht Bruno Ferling Albrechtsflor, sein Heimatdorf in Westrumänien.

"Man verbindet da bestimmte Kindheitserinnerungen mit bestimmten Häusern, mit bestimmten Orten. Also das Dorf, wo ich herkam, da ging's praktisch irgendwie nicht mehr weiter. Da war die Straße am Ende. Und das war als Kind einfach ein Paradies. Es gab fast keine Autos. Im Dorf gab's zwei, drei Autos. Da war die Welt, wie man sagt, schon noch so in Ordnung. Es war ein kleines Dorf, es hat jeder, jeden gekannt. Es gab bestimmte Berufe. Und viele haben dann auch noch im Ort gearbeitet."

Wenn Bruno Ferling durch die Straßen und Gassen Gutenbrunns läuft, dann freut er sich über die eine oder andere renovierte Hausfassade, die statt im üblichen Grau in hellen Farben erstrahlt, manchmal in kräftigem Blau oder in strahlendem Weiß - ein zarter Ansatz zur Sanierung der Schwabendörfer im Banat. Doch das ist, weiß Bruno Ferling, eher die Ausnahme denn die Regel. In Albrechtsflor, seinem Heimatdorf, sieht's anders aus:

"Die Häuser sind meistens zerfallen. Das ist eben der Gang der Zeit. Das war zwar von den Kommunisten verursacht. Aber schließlich sind wir hier ja weggegangen. Dann kann die Erwartungshaltung ja nicht sein, dass die Nachfolger das in der gleichen Weise machen. Das ist zwar bedauerlich. Aber das können wir ja nicht aufhalten. Man denkt halt schon: Die Ahnen haben das alles aufgebaut. Und man hat das alles liegen lassen. In dieser Zeit, wo die Leute teilweise verfolgt wurden, war das natürlich, denke ich mir, vertretbar, dass man das so gemacht hat."

In einem kleinen Anbau führt eine Gruppe junger Leute ein Theaterstück auf - und zwar in einer Mundart, wie sie in den schwäbischen Dörfern im Banat seit über zweieinhalb Jahrhunderten gesprochen wird: Schwobisch.

"Ich bin der Meinung, dass Schwobisch eigentlich eine Weltsprache schon ist. Jetzt sind wir soweit, dass wir aus dem Hochdeutschen alles übersetzen auf Schwobisch. Dann hann ich gsagt. O.K., dann ist es eine Weltsprache!"

Karina Reisch kommt aus dem nahe gelegenen Temeswar oder, wie es auf Deutsch eigentlich heißt, Temeschburg - die alte Hauptstadt des Banats. Dorthin sind die meisten jener Banater Schwaben gezogen, die nicht nach Deutschland: auswanderten. Mehrere Hochschulen und viele große Firmen mit westlichem Kapital bieten einfach bessere Zukunftsperspektiven als daheim auf dem Dorf. Was sich die Banater Schwaben aber erhalten haben, ist ihr Schwobisch, das ein wenig an Dialekte aus dem Elsass und dem Rheinland erinnert.

"Das sind die ersten Schwabenzüge aus Maria Theresias Zeit. Und die stammen meistens von Lothringen und Rheinland Pfalz, aus dem Bayrischen. Und dann hat es sich irgendwie angepasst an das, was sie hier vorgefunden haben. Und heraus kam dann das Schwäbische. Jedes Dorf hatte vor 200 Jahren fast einen anderen schwäbischen Dialekt."

Schwobisch - das wurde früher auch in jenem schwäbischen Dorf gesprochen, dass erst vor vier Jahren auf einen Schlag weltberühmt wurde: Nitzkydorf, etwa 20 Kilometer von Temeswar entfernt.

"Also, man hat ja nie gedacht, dass Nitzkydorf so berühmt werden würde. Aber es ist es geworden durch meine ehemalige Nitzkydorfer Bekannte und Nobelpreisträgerin Hertha Müller. Ich bin stolz darauf. Meine Ahnen, die kamen ja aus der Mainzer Gegend. Aber die Nitzkydorfer sind fast restlos ausgewandert. Aber man sieht: Die zeigen sich ja noch immer in der Welt."

Balthazar Waitz, Journalist und Schriftsteller, lebt heute in Temeswar, wurde aber wie die Literatur-Nobelpreisträgerin Hertha Müller in dem kleinen Schwabendörfchen Nitzkydorf geboren. Er ist ganz bewusst nicht ausgewandert nach Deutschland, sieht seine Zukunft bis heute im Banat - eine Region, in der seit Jahrzehnten und Jahrhunderten, quer durch alle politischen Systeme hindurch, Vertreter verschiedener Ethnien friedlich zusammenlebten:- Rumänen, Deutsche, Serben, Ungarn siedelten sich im Laufe der Jahrhunderte dort an.

"Das hat dem Banat nur gut getan. Denn es hat sich gezeigt, dieser kleine Vielvölkerstaat hat sich gut gehalten, mal bei dem einen Herren, mal bei dem anderen. Aber das Banat ist heute genauso multikulturell, wie es vor 300 Jahren war. Und die Gemeinschaft lebt sehr gut miteinander."

Und so entdecken Reisende, die sich auf den Weg in den Banat machen, überall Spuren dieser multiethnischen Struktur: hier die katholische Kirche, dort die orthodoxe Kathedrale. Hier deutsche Inschriften an den Häusern, ein paar Dörfer weiter serbische Namen an den Türen. Meistens wird rumänisch gesprochen, manchmal aber auch serbisch und ungarisch. Schwobisch und Deutsch ist auf den Schwabendörfern immer seltener zu hören: hier die Auswanderungswelle nach Deutschland, dort der Umzug derjenigen, die geblieben sind, in die Stadt, in der Regel nach Temeswar. Eine Gedenktafel auf Deutsch erinnert am Geburtshaus des Schriftstellers Adam Müller-Gutenbrunn an diesen Autor, der im Wien des 19. Jahrhunderts große Erfolge feierte, wegen etlicher antisemitischer Äußerungen aber nicht unumstritten ist.

Elena Popa öffnet die Tür, lächelt freundlich. Die alte Frau, die seit Jahrzehnten in Gutenbrunns Geburtshaus lebt, ist gebürtige Rumänien, spricht kaum ein Wort Deutsch:

"Als ich 1961 hierher kam, in diese Straße, da lebte hier kein einziger Rumäne. Hier haben nur Deutsche gelebt. Und heute? Heute ist hier kein einziger Deutscher mehr geblieben."

Wenn es nach Marian Tudor geht, sollen die Deutschen wieder kommen. Nicht ständig und immer, aber ab und zu als Touristen. Marian Tudor, ein eloquent wirkender Mann Mitte 30, ist Bürgermeister von Gutenbrunn oder, wie der Ort auf Rumänisch heißt, Zabran. Im Tourismus Darin sieht sieht Tudor eine Chance für die Zukunft von Gutenbrunn. Mit Mitteln aus EU-Strukturfonds hat er den kleinen Park in der Dorfmitte sanieren lassen, ebenso das Museum, das an Adam Müller-Gutenbrunn erinnert.

"Wir setzen auf naturnahen Agrotourismus, einer Art ‚Ferien auf dem Bauernhof'. Unsere Gäste sollen miterleben, wie unsere hausgemachten Spezialitäten entstehen, zubereitet aus biologischer Produktion, gewachsen in unseren eigenen Gärten. So sollen sich die Gäste bei uns wohlfühlen."

Dabei zählt Marian Tudor durchaus auf diejenigen, die mit ihren Familien einst von hier wegzogen. Sie sollen öfters als bisher wiederkommen, Freunde mitbringen. So ein klein wenig funktioniert das ja bereits.

"Das gefällt mir am besten: Häufig spreche ich mit den Deutschen, die zu Besuch wieder hierher zurückkommen. Und sie sagen nicht, dass sie nach Zabrani oder Gutenbrunn gekommen sind. Sie sagen: Jetzt sind wir wieder zu Hause!"