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Hackerethik in Zeiten des Krieges

Kurz nach Beginn des Irakkriegs zeigte der arabische Sender Al Jazeera Bilder von gefangenen amerikanischen Soldaten. Die US-Sender entschieden sich unter dem Druck des Verteidigungsministers, auf deren Ausstrahlung zu verzichten. Millionen surften sodann gen Osten, auf Al Jazeeras Webseite, um die gedemütigten Amerikaner dennoch zu sehen. Einigen Patrioten gefiel das nicht. Sie verschafften sich unerlaubten Zugriff zum Server von Al Jazeera und pflanzten die US-Flagge auf die Seite. Al Jazeera ging offline und war über eine Woche nicht erreichbar. In einem Interview äußerte sich jetzt einer der renommiertesten amerikanischen Hacker über das heikle Thema des politischen Hackens.

    Von Maximilian Schönherr

    Oxblood "Ochsenblut" Ruffin nennt sich der 52jährige Kanadier, der "Außenminister des Kults der Toten Kuh". "The Cult of the Dead Cow" gilt als Zusammenschluss der regierungskritischsten Hacker Nordamerikas. Ihr politisches Sprachrohr ist Hacktivismo, eine Interessensgruppe von 45 Hackern aus aller Welt, die Oxblood Ruffin gegründet hat. Mitglieder kommen aus Europa, Südamerika, Israel, Russland, China, Indien. Zu den anlässlich des Irakkrieges entbrannten Hackattacken, beispielsweise auf die Webserver des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera, vertritt die Hackerelite indes eine strikte Haltung:

    Es gibt große Meinungsverschiedenheiten darüber, allerdings nicht unter den richtigen Hackern. Hacking ist für uns etwas sehr Positives und Konstruktives. Unsere Devise lautet, wie die des Chaos Computer Clubs: Information muss frei verfügbar sein. Wer die Seite von Al Jazeera hackt und entstellt, ist in unseren Augen ein Computerkrimineller, der High-Tech-Vandalismus begeht.

    Wer der Vandale war - vermutlich ein Einzeltäter - ist auch den Hacktivisten unbekannt; es spielt aber keine Rolle. Besonders helle kann er nicht gewesen sein, meint Oxblood Ruffin, denn es ist heutzutage ein Leichtes, einen Internetangriff zu starten.

    Eine Webseite kann im Grunde jeder verunstalten. Es gehört zu den ersten Dingen, die ein Skript-Kid lernt. "Script-Kiddys" nennen wir Leute, die ziemlich unerfahren ins Netz stolpern und als erstes durch Kopieren und Einsetzen die Programmierleistung anderer ausbeuten. Das können Skripts sein, die Seiten kaputtmachen, sie durch Daueranfragen überlasten oder Viren verbreiten. Fast jeder ist in der Lage, Millionen von Rechnern im Internet stören.

    Ruffin möchte den Begriff des Hackens auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt wissen: Hacken bedeute, einen unorthodoxen, besonders intelligenten Weg zur Lösung eines Problems finden. Dazu gehörten in den 80er Jahren die digitalen Einbrüche in Rechenzentren von Banken und Regierungen, wie sie vor allem deutsche Hacker praktizierten. Hinter deren illegalem Handeln steckte das Herstellen von Problembewusstsein für den gläsernen Bürger und Datenschutz. Heute, meint Ruffin, müsse der zivile Ungehorsam auf die Straße, nicht ins Netz.

    Die Welt des Netzes dreht sich im Grunde darum, wer den elegantesten Code schreibt. Oder, im übertragenen Sinn, um jemanden, der eine Nachricht verfasst, die so einzigartig ist, dass alle sie lesen wollen. Das funktioniert, ohne dass man physisch präsent sein muss. Es funktioniert auch ganz ohne Arbeitsgruppen oder Menschenansammlungen. Das Netz wird von Code gesteuert, Punkt. Ich halte es für Unsinn, die physische Welt der vielen Körper, die wir so gewohnt sind, als Vorlage für das Netz zu nehmen.

    Seit dem 11. September 2001 haben viele Länder und vor allem den USA unter der Antiterror-Devise ihre Anti-Hacker-Gesetze drastisch verschärft. Völlig unnötigerweise, meint Oxblood Ruffin. Die bestehenden Gesetze hätten alle ausgereicht. Er rät jedem, der keinen Wert darauf legt, vor Gericht und in den Knast zu wandern, die Finger von Werkzeugen zu lassen, die Rechnernetzen Schaden zufügen. Gefährliche pubertäre Spielchen. Er und seine Freunde, unter anderem auch der deutsche Hacker "Der Mixter", programmieren heute intelligente Software für wie er es nennt "Disruptive Compliance" - stören, ohne die Regeln zu verletzen.

    Wir von Hacktivismo sind vor allem daran interessiert, Leuten zu helfen, die hinter nationalen Firewalls leben. Dazu gehören China, die meisten Länder des mittleren Ostens, Teile Afrikas. Weltweit sind es zwischen 35 und 40 Staaten, die ihren Bürgern den freien Zugang zum Internet verweigern. Wir geben diesen Leuten Werkzeuge an die Hand, mit denen sie die staatlichen Sperren umgehen können und liefern ihnen alle Informationen, die sie brauchen.