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StartseiteInterview"Haftung und Risiko gehören strikt zusammen"29.06.2011

"Haftung und Risiko gehören strikt zusammen"

Chefin der "Jungen Unternehmer" lehnt Hilfen für Griechenland ab

Marie-Christine Ostermann sieht die EU auf dem Weg zu einer Transferunion. Aus Angst vor einem Systemzusammenbruch gebe man Griechenland weiter Geld und lasse sich von Banken wie Ländern erpressen.

Marie-Christine Ostermann im Gespräch mit Dirk Müller

Marie-Christine Ostermann, Bundesvorsitzende des Interessenverbandes Junger Unternehmer (BJU) (picture alliance / ZB)
Marie-Christine Ostermann, Bundesvorsitzende des Interessenverbandes Junger Unternehmer (BJU) (picture alliance / ZB)

Dirk Müller: Es ist in diesen Tagen viel leichter, gegen den Euro zu sein. Vielleicht war das auch ein Motiv für zahlreiche Familienunternehmer, die Griechenlandhilfe und den Euro generell anzuzweifeln – eine ungewohnte Kritik von mittelständischen Unternehmen, die, wie immer von deutschen Politikern betont, ja das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden, eine Kritik, die sich aber auch gegen die deutschen Großkonzerne, gegen die deutsche Großindustrie richtet, denn führende Vertreter aus Industrie- und Finanzwelt hatten zuvor an die Solidarität mit dem Euro und damit auch für Griechenland appelliert. Zur Not muss da eben auch ein Milliardenpaket her, hieß es da. Spaltet der Euro die Wirtschaft? Darüber sprechen wollen wir nun mit der Unternehmerin Marie-Christine Ostermann, zugleich Chefin des Bundesverbandes Die Jungen Unternehmer. Guten Morgen!

Marie-Christine Ostermann: Guten Morgen, Herr Müller!

Müller: Frau Ostermann, haben Sie noch Vertrauen in den Euro?

Ostermann: Ich habe im Moment ehrlich gesagt nur noch ganz wenig Vertrauen, weil ich das Gefühl habe, dass wir mit Vollgas in eine Transferunion reindampfen, und das wäre genau der falsche Weg, weil dann niemand mehr für irgendwas verantwortlich ist, weil weiter massiv Schulden aufgebaut werden und hier der Steuerzahler, insbesondere die junge Generation hier in Deutschland, dann dafür geradestehen muss und das alles bezahlen muss. Und das verbaut uns unsere Zukunftschancen.

Müller: Demnach macht die Bundesregierung einen schlechten Job?

Ostermann: Die macht einen verdammt schlechten Job im Moment, ja, und ich verstehe das auch nicht, ich habe das Gefühl, dass die die Sorgen und Ängste und auch die ganz normalen gesunden Menschenverstandsgedanken der Bürger im Moment völlig ausblenden. Ich glaube, dass der Euro eigentlich vom Prinzip her eine sehr gute Sache ist und dass er auch gerettet werden sollte. Aber ich glaube, das geht nur, wenn man wirklich auch die Prinzipien der Marktwirtschaft aufrecht erhält. Das bedeutet: Wenn jemand Risiken eingeht, dann muss er dafür auch die Verantwortung tragen und die Konsequenzen auf sich nehmen. Das bedeutet, dass in diesem Fall Gläubiger wirklich auch zwingend an den Verlusten beteiligt werden müssen, die im Moment entstehen.

Müller: Frau Ostermann, hatten Sie denn als Unternehmerin bei den letzten Bundestagswahlen Vertrauen in die FDP?

Ostermann: Ich hatte gehofft, dass die FDP sich massiv auch dafür einsetzt, dass es zu einer geordneten Umschuldung kommt in Europa, weil das ist der einzige Weg, finde ich, um den Euro zu retten. Das ist nicht so, und ich kann es nicht verstehen, weil ich glaube, ein liberales freiheitliches Denken würde doch bedeuten, dass wir eben nicht in ein zentralistisches, planwirtschaftlich gesteuertes Schuldengemeinschaftssystem hineinschlittern. Das würde glaube ich den Untergang des Euro und auch vielleicht von Europa bedeuten, denn man sieht ja schon, wie die Völker in den Ländern gegenseitig wütend aufeinander sind: Die Griechen sind sauer auf uns, wir sind sauer, weil wir alles bezahlen sollen – das ist genau der falsche Weg.

Müller: Haben Sie jetzt das Vertrauen in die FDP verloren?

Ostermann: Momentan ja, ehrlich gesagt schon, aber ich habe die Hoffnung nicht ganz aufgegeben.

Müller: Wem vertrauen Sie denn noch?

Ostermann: Im Moment keinem Politiker, wenn ich ehrlich bin. Also ich finde mich da im Moment nirgendwo wieder, ich weiß nicht, wo der gesunde Menschenverstand geblieben ist. Also es müssen doch die Werte, die für jeden normalen Menschen in Deutschland gelten, ... Das heißt, wenn ich als Privatperson mich verschulde, dann muss ich auch dafür geradestehen, dann bezahlt mir auch niemand die Schulden. Ich kann doch nicht immer auf Kosten anderer leben und auch nicht einfach bedingungslos. Das sehen wir auch hier in Griechenland: Die haben versucht, zu sparen, sie haben sicherlich auch Einiges schon bewirkt, sie haben die Auflagen aber nicht einhalten können. Was passiert? Es fließt weiter Geld. Und ich bin mir auch sicher, dass immer weiter Geld fließen wird, und ich befürchte auch, wenn die heute gegen das Sparpaket stimmen sollten, dass trotzdem wieder Geld fließen wird, weil unsere Politiker einfach total Angst haben, dass sonst das Finanzsystem zusammenbrechen könnte. Aber es ist doch genau der falsche Weg, zu sagen, dass man sich erpressen lässt vom Finanzsystem, von Banken oder auch von Ländern, die sagen, wir sind systemrelevant, wenn ihr uns nicht rettet, dann bricht alles zusammen – das ist, glaube ich, nicht der Fall. Es gab doch schon so viele Umschuldungen in der Vergangenheit, und nie ist die Welt untergegangen. Und die Risiken und die Verluste, die sind ja schon eingepreist, die Anleihen, die Kursabschläge sind doch auch schon massiv, also ich glaube, man muss da mutiger rangehen und endlich eine geordnete Umschuldung einleiten. Das ist der einzige Weg, um den Euro zu retten.

Müller: Führende Vertreter der Industrie- und der Finanzwelt haben ja vor der sogenannten Berliner Erklärung der Familienunternehmer oder einiger Familienunternehmer ja gesagt: Wir brauchen diese Solidarität, wir müssten auch Milliarden investieren, wir sind sogar in Teilen – die Banken haben das signalisiert – bereit, uns daran zu beteiligen. Ist das der falsche Weg?

Ostermann: Ich finde, Solidarität ist wichtig, aber Solidarität sollte keine Einbahnstraße sein und es müssen alle ihren Beitrag leisten, und im Moment, ganz ehrlich, auch wenn es zu einer freiwilligen Umschuldung jetzt kommen sollte – der Weg ist mir zu gering, also es kann auch nicht sein, wie das im Moment in der Diskussion ist, dass eher die Wirtschaft dann der Politik vorgibt, wie das hier abzulaufen hat. Da werden ja sämtliche Kriterien der Marktwirtschaft ausgeschaltet. Das kann es nicht sein. Ich glaube, dass langfristig wirklich Europa nur überleben kann, wenn die Werte eines ehrbaren Kaufmanns eben auch eingehalten werden. Das bedeutet, Haftung und Risiko gehören strikt zusammen. Nur wenn man weiß, dass man Verluste im Prinzip selbst tragen muss, handelt man ja schließlich auch vorsichtig und langfristig, wie das Unternehmer in der Regel eben auch tun.

Müller: Wenn Sie, Frau Ostermann, kein Vertrauen mehr in die Politik haben, dann haben Sie kein Vertrauen mehr in die wirtschaftlichen, in die finanzpolitischen Rahmenbedingungen. Was heißt das konkret für Sie als Unternehmerin?

Ostermann: Das heißt konkret für mich: Wenn wir wirklich weiterhin, wie es im Moment der Fall ist, in die Transferunion rasen, bedeutet das Inflation, es bedeutet Wohlstandsverlust, es bedeutet Sozialkürzungen, es bedeutet für uns junge Menschen, dass weniger Geld für Schulen, für Kindergärten, für Universitäten da sein wird in Zukunft. Das wäre ein wirklich sehr trauriges Szenario und ich hoffe, dass es nicht so kommt, indem unsere Politiker jetzt endlich den Mut bekommen, zu sagen: Es wird eine geordnete Insolvenz endlich eingeführt, eine geordnete Umschuldung, es darf nicht weiterhin zu einer Insolvenzverschleppung kommen, wie das jetzt gerade der Fall ist.

Müller: Werden sich die mittelständischen Unternehmen – über die reden wir ja gerade jetzt konkret, deswegen sprechen wir darüber ja auch mit Ihnen – sich zurückhalten in den nächsten Monaten, in den nächsten Jahren mit Investitionen?

Ostermann: Es besteht auf jeden Fall eine gewisse Verunsicherung bei einigen Leuten, auf jeden Fall. Das kann ich Ihnen jetzt konkret noch nicht sagen, wir werden uns das jetzt die nächsten Monate angucken, wie sich das weiterhin entwickelt. Aber ja, wenn es wirklich zu einer absoluten Schuldenvergemeinschaftung kommt, kann ich mir vorstellen schon, dass auch einige Unternehmer weniger investieren und auch weniger neue Mitarbeiter einstellen, weil die Zukunftsaussichten dann wirklich auch sehr, sehr pessimistisch sein würden.

Müller: In die Kritik geraten in den vergangenen Wochen ist ja auch der Bundesverband der Deutschen Industrie. Spricht dieser Bundesverband noch für die Unternehmen?

Ostermann: Sicherlich teilweise, aber so pauschal kann ich das jetzt nicht sagen. Also ich fühle mich ganz ehrlich gesagt am besten vertreten vom Verband die Familienunternehmer und die Jungen Unternehmer momentan.

Müller: Haben Sie noch etwas Optimismus?

Ostermann: Ich habe meine Hoffnung und meinen Optimismus nicht verloren, und ich glaube auch immer noch daran, dass es auch irgendwann zu einer Umschuldung kommen wird. Es reden ja auch immer mehr Leute darüber, auch immer mehr führende Ökonomen sagen, dass das der einzige richtige Weg ist, dass Gläubiger jetzt wirklich auch verbindlich beteiligt werden an den Verlusten. Ich glaube, es ist der einzig richtige Weg, und deswegen muss es dazu kommen.

Müller: Die Unternehmerin Marie-Christine Ostermann bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk, sie ist Chefin des Bundesverbandes Die Jungen Unternehmer. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören!

Ostermann: Ich danke Ihnen! Tschüss!

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