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StartseiteSonntagsspaziergangHallig im Winter09.01.2011

Hallig im Winter

Sonne, Wind und Sturm auf Langeneß

Zwei Stunden dauert die Überfahrt zur Hallig Langeneß - an Bord sind Halligleute auf dem Weg nach Hause und ein paar Urlauber. Und was kann man im Winter auf Langeneß machen? Die Ruhe genießen, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. "Einfach sich mal durchpusten zu lassen, wie viele dann auch immer sagen."

Von Gaby Mayr

Hallig Langeneß im Winter. (Gaby Mayr)
Hallig Langeneß im Winter. (Gaby Mayr)

Draußen stürmt und regnet es. Drinnen, im Bauch der Fähre - der ein wenig hochtrabend "Salon" heißt - wärmen sich die Passagiere bei Kaffee und Würstchen. Zwei Stunden dauert die Überfahrt zur Hallig Langeneß - an Bord sind Halligleute auf dem Weg nach Hause und ein paar Urlauber.

Am nächsten Morgen die Überraschung: Die Sonne scheint vom knallblauen Himmel. Nur der Wind weht nach wie vor heftig - so wie fast immer auf der Hallig vor Schleswig-Holsteins Westküste.

Langeneß - das ist sattes Weideland, völlig eben, zehn Kilometer lang, einen Kilometer breit. Darauf an die zwanzig Erhebungen, die Warfen - unregelmäßig angeordnete Maulwurfshügel, auf denen Häuser und Ställe vor den Fluten sicher sein sollen. Gut einhundert Menschen leben auf Langeneß.

Eine Hallig hat keinen Deich. Im Winter, bei Sturmflut, wird das Land manchmal überspült. Dann gucken nur noch die Warfen aus dem Wasser.

Das gehört einfach dazu, sagt Boy Andresen - ein Interview gibt er nur auf Plattdeutsch:


"Für die Schulkinder ist das gut, die müssen nicht zur Schule. Aber wir hatten es besser, wir mussten bei Landunter gar nichts tun. Heute bekommen die Kinder Hausaufgaben per Fax oder Telefon.
Gefährlich ist Landunter heute nicht mehr."


Früher wurden Menschen und Tiere schon mal fortgerissen von der Flut. Mittlerweile hat man die Warfen auf über fünf Meter erhöht, außerdem besitzen alle Wohnhäuser einen aus Stahl und Beton errichteten Schutzraum.

"Auf der Hallig haben wir zwei Zeitrechnungen: Eine 'vor und nach Christi Geburt', wie es üblich ist. Und eine 'vor und nach 1962' - da war die große Sturmflut. Damals sind hier keine Leute ertrunken, aber viele Häuser wurden beschädigt. Auf der Peterswarf war das halbe Haus weg."


Ein Halligsanierungsprogramm wurde damals verabschiedet und die Halligleute konnten mit günstigem Geld ihre Häuser wieder aufbauen und modernisieren. Auf vielen Warfen wurden Gästezimmer, später auch Ferienwohnungen eingerichtet. Boy Andresen, bis vor zwei Jahren Bürgermeister von Langeneß, sagt, Halligtypisches sei damals wegsaniert worden.

Reetdächer sind heute selten. Dennoch hat jede der rund zwanzig Warfen ein eigenes Gesicht.
Das Prunkstück ist die Ketelswarf. Bis zu 300 Jahre alte Häuser kauern um den Fething, das traditionelle, von Schilf umstandene Sammelbecken für Regenwasser.

In einem alten Warfhaus hat die Touristeninformation ihr Domizil. Britta Johannsen ist auch im Winter für die Halliggäste da. Und was kann man im Winter auf Langeneß machen?

"Einmal die Ruhe genießen. Viele kommen hierher, um sich einfach den Wind um die Nase wehen zu lassen, raus zu gehen, wenn der Sturm über die Nordsee tobt. Einfach sich mal durchpusten zu lassen, wie viele dann auch immer sagen."


Ein schmales Asphaltband führt von einem Ende der Hallig zum anderen. Auf den Wiesen überall Wasser: Es steht in Tümpeln und mäandriert in Bächen durch das Gras. Dem Meerwasser verdanken die Wiesen ihren Salzgehalt: Kühe, die dort weiden, liefern eine ganz besondere, gelbe Milch.

Im Sommer grasen Tiere vom Festland, sogenanntes Pensionsvieh, auf Langeneß. Echte Halligkühe sind mittlerweile rar. Britta Johannsen und ihr Mann gehören zu den wenigen Halligleuten, die noch eigene Tiere haben.

"Wir machen´s halt auch noch weiter, so ein bisschen aus Trotz, Protest eben auch, weil das fehlt sonst einfach in der Landschaft hier auf der Hallig."

Im Sommer kommen Urlauber von der ganzen Hallig, um Milch bei ihnen zu kaufen.

Aber auch im Winter ist für die Gäste auf Langeneß gut gesorgt. Am einen Ende der Hallig gibt es einen Laden, am anderen die Gastronomie. Ein traditionelles Gasthaus steht gleich beim Anleger und, zwei Warfen weiter, hat im Sommer 2010 ein Vier-Sterne-Hotel eröffnet. Ein junges Paar von der Hallig war mutig und hat investiert: Zimmer mit Aussicht sind selbstverständlich, sogar aus der Sauna guckt man auf Wiese und Watt.


Gut durchpusten lassen kann man sich am "Strand". Wer die weiten Sandstrände benachbarter Inseln wie Sylt und Amrum kennt, muss sich umgewöhnen. Der Strand von Langeneß ist ein mit grob behauenen, dunklen Steinen befestigter Weg und führt rund um die Hallig. Von hier aus kann man bei Ebbe die Vögel beobachten, wie sie im schwarzen Schlick des Watts herumlaufen.

Auf Buhnen sind ganze Vogelkolonien versammelt. Und plötzlich erhebt sich ein Schwarm aus den Wiesen.

Wer Genaueres über die Natur der Hallig erfahren will, kann auch im Winter auf der Peterswarf vorbeischauen. Die Naturschutzorganisation "Schutzstation Wattenmeer" hat dort eine Dependance.


Auf Knopfdruck ertönen heimische Vogelstimmen aus dem Lautsprecher an der Wand, daneben ist ein kleines Aquarium aufgebaut. Carmen Dehnfeld macht ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr bei der Station. Zu ihren Aufgaben gehört es, regelmäßig das angeschwemmte Strandgut in Augenschein zu nehmen, um Veränderungen im Wattenmeer zu erkennen. Carmen Dehnfeld macht auch Führungen:

"Ich hatte neulich Glück, auf einer Exkursion mit einer Gruppe waren wir am Leuchtturm und in dem Moment kam gerade eine Robbe vorbei geschwommen und ist da auf die Sandbank gerobbt und hat sich da einen Moment aufgehalten, ist dann aber weiter geschwommen."

Langeneß im Winter - das ist was für Leute, die keine "Events" brauchen, um sich wohlzufühlen. Die sich auch für ruhigere Überraschungen begeistern können. Robben eben. Oder Bernstein.

Andresen:
"Wir haben als Kinder immer Bernstein gesucht. Und dann haben wir den bearbeitet. Für unsere Mütter zum Beispiel haben wir was zu Weihnachten gemacht oder zum Geburtstag, eine Muschel mit Bernstein oder ein Herz. Dann habe ich irgendwann angefangen, einzelne Bernsteinarbeiten an Urlauber zu verkaufen. Das mache ich seit vielen Jahren und es macht mir immer noch Spaß."

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