Mittwoch, 10. August 2022

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Han Kang: "Deine kalten Hände"
Hinter der Hülle der Dinge

Der Künstler Unhyong stellt Gipsabdrücke von Frauenhänden her. Besonders haben es ihm die warmen, zierlichen Hände der schwergewichtigen L. angetan. Doch dann macht L. eine Radikaldiät und verwüstet sein Atelier. Ein früher Roman der Koreanerin Han Kang über die Dinge und ihre Hülle ist nun ins Deutsche übersetzt worden.

Von Katharina Borchardt | 08.03.2019

Buchcover: Han Kang: „Deine kalten Hände“
Der Aufbau Verlag macht das Werk der Koreanerin Han Kang nach und nach auf Deutsch zugänglich (Buchcover: Aufbau Verlag, Foto: Deutschlandradio / Lesart)
Der Künstler Unhyong ist besessen von Händen. In seinem Atelier in Seoul arbeitet er vornehmlich mit Gips: Meistens stellt er Abdrücke von Frauenhänden her, gelegentlich macht er auch Ganzkörperabgüsse. Doch auch die Arbeit mit den eigenen Händen ist ihm wichtig:
"Wurde ich gefragt, was ich an der Bildhauerei mochte, antworte ich einfach, dass ich mich dabei auf meine Hände verlassen könne. Mit meinen Händen baute ich ein Gerüst und bearbeitete den Ton. Bei dieser Arbeit fiel die dauernde Anstrengung von mir ab, immer die Hülle der Dinge durchschauen zu wollen. Ich liebte diese feine Arbeit."
Innen und Außen, Kern und Hülle, Sein und Schein – das sind die Dichotomien, die Unyong in seinem Werk in Übereinstimmung bringen will. Er ist der wichtigste Erzähler im neuen Roman von Han Kang, und er nennt seine Werke "Peeling off skin". Das Gefühl, dass beim Menschen inneres Empfinden und äußerer Ausdruck oft nicht übereinstimmen, kennt er bereits aus früher Kindheit. Seine Eltern gaben zuhause in der Stadt Gwangju gerne fröhliche Gesellschaften: fein zurechtgemacht und mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Ohne Publikum aber fiel die Fassade sofort in sich zusammen. Sie gingen lieblos miteinander um und waren auch ihren Kindern gegenüber hart und abweisend. Eine Familienaufstellung, aus der die Autorin Unhyongs spätere Suche nach dem wahren Innern zwar stringent, aber auch arg eindeutig ableitet.
"Wenn ich Menschen kennenlernte, hatte ich schon seit Langem die Angewohnheit, erst auf das Gesicht und dann auf die Hände zu sehen. Bei genauer Betrachtung ihrer Bewegungen kann ich etwas davon erspüren, was für ein Mensch sich hinter dem Gesicht verbirgt. Hände sind wie ein zweites Gesicht. Sie bewegen sich, zittern und versprühen Gefühle."
Besonders angetan hat es Unhyong eine junge Studentin, die er nur L. nennt. L. ist extrem dick, hat aber zierliche, liebevolle Hände. Dass ihre sehr detailliert beschriebenen Fressattacken geradlinig darauf zurückgeführt werden, dass sie als Jugendliche missbraucht wurde, gehört zu den teils lehrbuchartigen Anordnungen dieses Romans, der bereits 2002 auf Koreanisch erschien und also kein neues Werk von Han Kang ist.
Eine gewisse Überkonstruktion
Trotz vieler poetischer Einfälle krankt das Buch an einer gewissen Überkonstruktion: Han Kang umschreibt zum Beispiel recht umständlich, wie Unhyongs Kunstwerke entstehen. Hinzu kommt die Gliederung des Romans in eine schmale Rahmen- und eine raumgreifende Binnenerzählung. In dieser Binnenerzählung spricht Unhyong selbst. Er berichtet von seiner Kindheit und von der Zusammenarbeit mit L., die sich in ein beziehungsartiges Zusammenleben weitet, bevor L. in einem Anfall von Hass gegen die Abdrücke ihres eigenen Körpers das ganze Atelier verwüstet.
Nach L. wird Unhyong noch mit der schönen Innenarchitektin E. zusammenarbeiten, die ebenfalls ein Innen-Außen-Problem hat: Sie wirkt äußerlich perfekt, doch fällt ihr Kopf manchmal nach vorn, als sei ihr Innenleben kurzzeitig erloschen. Dies alles hat Unhyong auf 270 Buchseiten festgehalten. Diesen Bericht bekommt zu Beginn des Romans eine Autorin namens H. zugeschickt. Sie ist es daher auch, die die Rahmenhandlung erzählt. Die Autorin H. kannte Unhyong flüchtig. Als sie ihn bei einer Feier kennenlernte, fragte er sie sogar, ob sie sein Modell werden wolle.
",Wären Sie bereit, mir auszuhelfen?' [...] ,Wollen Sie nicht?' Seine ruhige Stimme, die sich an dem Lärm um uns herum überhaupt nicht zu stören schien, ließ mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper laufen. […] ,Nein', antwortete ich ruhig und direkt, wie um seinen Ton nachzuahmen. Als hätte er die Antwort schon gewusst, zeigten seine Augen und seine Lippen immer noch das friedliche Lächeln eines verständnisvollen älteren Bruders. Meine Gänsehaut aber blieb. Ich hatte die unklare Ahnung, dass diese Ruhe in seinen Augen kein friedliches Inneres widerspiegelte, sondern sich wie ein dünnes Häutchen über etwas Unheimlichem spannte."
Die Zitate in dieser Rezension entstammen dem Hörbuch zum Roman. Darauf sind zwei Stimmen zu hören: die von Rike Schmid als Autorin H. in der Rahmenerzählung und die von Heikko Deutschmann als Unhyong im Hauptteil des Buches. Beide Stimmen haben etwas überraschend Handfestes, was auf sehr deutsche Weise stabil klingt. Heikko Deutschmann wirkt zudem deutlich älter und männlicher als der Unhyong im Roman. Das macht das Hörbuch eine Spur gewöhnlicher als das Buch, gibt dem Text auf die Hörlänge von zehn Stunden aber auch den nötigen Schwung.
Wiederkehrende Themen
Han Kangs Romane sind ja häufig vielstimmig angelegt, was auch wir deutschen Leser nun nach und nach entdecken können. Zwar publiziert die 48-jährige schon seit Mitte der 90er Jahre sehr erfolgreich in Südkorea, doch wurde sie erst durch den Man Booker International Prize im Jahr 2016 auch in Europa bekannt. Auf Deutsch erschienen im Anschluss daran "Die Vegetarierin" und "Menschenwerk". Auch in diesen Romanen kommen verschiedene Erzähler zu Wort. Und man merkt: Es gibt Themen bei Han Kang, die wiederkehren, wenn auch stets in neuem Gewand. Da geht es zum Beispiel häufig um das Verhältnis der Figuren zu ihren Körpern, es geht um Gewalt, um Essstörungen und um Kunst. Und es geht auch um die beiden Städte Gwangju und Seoul. In Gwangju lebte Han Kang als Kind; in Seoul lebt sie heute.
So kristallisieren sich mit der Zeit interessante Erzählmuster, Themenkomplexe und Stimmungslagen heraus. Dass der Verlag mit "Deine kalten Hände" nun ein relativ frühes Werk der Autorin publiziert, ist allerdings sehr bedauerlich. Denn sie erlangt darin noch nicht die Meisterschaft ihrer späteren Romane. Diese sind unaufdringlicher in ihrer Konstruktion und lakonischer in ihrem Sprachgebrauch. Trotz ihrer aktuellen Beliebtheit ist Han Kang ja erst dabei, sich auf unserem Buchmarkt zu etablieren. Das ist stets ein sensibler Prozess, der durch die Auswahl eines weniger guten Buches empfindlich gestört werden kann.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Man kann "Deine kalten Hände" auf jeden Fall lesen und viel Überraschendes, Rätselhaftes und Poetisches darin finden. Noch schöner aber wäre es, wenn bald wieder neuere Werke von Han Kang übersetzt würden.
Han Kang: "Deine kalten Hände"
aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Aufbau Verlag, Berlin. 312 Seiten, 22 Euro.
Hörbuch:
Han Kang: "Deine kalten Hände"
aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Gelesen von Heikko Deutschmann und Rike Schmid
Argon Hörverlag, Berlin. 1 mp3-CD, 10 Stunden Laufzeit, 22 Euro.