Dienstag, 27. September 2022

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Hebammen-Krise
Berliner Aktionsprogramm für verbesserte Geburtshilfe

Berlin erlebt einen Babyboom - doch die nötige Infrastruktur fehlt: Kreißsäle weisen Gebärende ab, Babys kommen auf Parkplätzen zur Welt, es fehlen Hebammen für die Nachsorge. Der Runde Tisch Geburtshilfe hat nun ein Aktionsprogramm vorgestellt, das die Zustände in den Geburtskliniken verbessern soll.

Von Anja Nehls | 02.02.2018

    Eine Hebamme hält in Stuttgart (Baden-Württemberg) ein Schild hoch mit der Aufschrift "Zur Geburt? Bitte hinten anstellen!" Rund 50 Hebammen protestierten mit einem Flashmob für bessere Arbeitsbedingungen.
    Die Hebammen-Krise sorgte schon mehrfach für Proteste wie hier in Stuttgart - der Berliner Senat will jetzt mit einem Aktionsprogramm gegensteuern und vor allem für mehr Hebammen sorgen (dpa / Wolfram Kastl)
    Der Bauch der werdenden Mutter ist noch nicht mal dick, aber die Herztöne des ungeborenen Babys sind schon zu hören. Hier im Geburtshaus Charlottenburg in Berlin soll es in ein paar Monaten zur Welt kommen: möglichst ausschließlich mit Hebammenhilfe, in bereits vertrauter Umgebung, in einem kuscheligen Gebärzimmer mit Schummerlicht, dunkelroten Vorhängen, Gebärwanne und bunter Bettwäsche. Dass ihr Wunsch Wirklichkeit werden kann, empfindet die werdende Mutter als absoluten Glücksfall.
    "Das war wirklich die Hauptpanik schon lange, bevor wir schwanger waren, dass es ganz schwierig wird, einen Platz zu bekommen. Und das reichte dann zu so unqualifizierten Äußerungen meinerseits: Oh ich muss unbedingt mich mit einer Hebamme befreunden - wenn ich das nicht hinkriege, dann bekomme ich bestimmt nie eine. Aber auf jeden Fall war klar, wenn wir irgendwie den Schwangerschaftstest haben, müssen wir anrufen und den Termin machen."
    Mehr Hebammen ausbilden
    Denn Hebammen sind Mangelware, nicht nur in Berlin, aber hier besonders. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der jährlichen Geburten hier um 10.000 gestiegen. Die Geburtshilfestationen der Krankenhäuser sind überfüllt, Kliniken und Geburtshäuser können Stellen nicht besetzten, freiberufliche Hebammen sind überlastet. Deshalb will Berlin jetzt mit einem Aktionsprogramm gegensteuern. Die zuständige Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) will jetzt vor allem für mehr Hebammen sorgen:
    "Ganz einfach, Sie müssen mehr ausbilden. Und wir wollen ja auch nicht, dass nur die Geburten gut betreut werden, sondern auch die Vor- und Nachsorge ist wichtig, auch dafür brauchen wir mehr Hebammen, das heißt mehr Ausbildungskapazitäten. Wir haben uns vorgenommen, 130 Ausbildungsplätze mehr zur Verfügung zu stellen, dafür haben sich die Ausbildungsschulen bereit erklärt."
    Und die Ausbildung soll, wie von der EU gefordert, bis Anfang 2020 zu einer akademischen Ausbildung weiterentwickelt werden. Vorreiter hierbei ist das St. Josephs Krankenhaus in Tempelhof, wo es so etwas schon gibt.
    Bessere Bezahlung der Geburtshilfe
    Hier kommen deutschlandweit die meisten Kinder zur Welt. Neben mehr Hebammen braucht das Krankenhaus deshalb mehr Kreißsäle und mehr Platz für Neugeborene. Das Land Berlin will nun 20 Millionen Euro für die Kapazitätserweiterung in der Stadt zur Verfügung stellen. Das ist ein Anfang, sagt Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Geburtshilfe im St. Josephs Krankenhaus. Allerdings rechne sich eine normale Geburt aufgrund der Pauschalsätze der Krankenkassen meistens nicht.
    "Das große Problem ist, dass die Geburtshilfe insgesamt unterfinanziert ist, und wir haben momentan die Situation, dass die Medizin eine Medizin ist, die mehr auf Sachkosten schaut. Und Personalkosten, also zugewandtes Arbeiten, Geduld haben, wird eben nicht dargestellt. Wir sind sehr froh, dass der Berliner Senat sich dafür einsetzen will, dass tatsächlich die Geburtshilfe besser bezahlt wird."
    An der Kliniktür abgewiesen
    Und der Berliner Senat will sich auf Bundesebene dafür einsetzen, dass es auch für Hebammen in den Kliniken einen verbindlichen Personalschlüssel gibt. Bisher kam es immer wieder vor, dass Frauen entweder aufgrund fehlender Kreißsaalkapazitäten oder aufgrund fehlender Hebammen an der Kliniktür abgewiesen wurden - für viele Frauen ein traumatisches Erlebnis:
    "Also ich war wie vor den Kopf gestoßen, ich hatte Angst. Die Angst, was, wenn jetzt was schief geht, also ich meine, wenn ich da im Auto bin, das geht gar nicht. Als wir auf die Autobahn raufgefahren sind, wusste ich eigentlich schon, dass wir es nicht schaffen werden, weil dann die Presswehen anfingen."
    In diesem Fall ging alles gut, es ist aber auch schon mal ein Baby auf dem Parkplatz eines Krankenhauses zur Welt gekommen.
    Bessere Arbeitsbedingungen gefordert
    Um Hebammen dauerhaft und in Vollzeit im Beruf zu halten, müssen sich vor allem deren Arbeitsbedingungen verbessern, meint Susanna Rinne-Wolf vom Berliner Hebammenverband:
    "Dass die Kolleginnen von tätigkeitsfremden Arbeiten entlastet werden, angefangen von Sachen wie Putzen, Wartung von medizintechnischen Geräten, aber auch andere Dinge, die eigentlich Hebammenaufgabe sind, aber nichts in der Stellenbemessung eines Kreißsaals zu suchen haben, wie Ambulanzen, Sprechstunden, die Anmeldung. Das ist in den allermeisten Kliniken derzeit so, dass das über den Kreißsaal so nebenbei mitläuft, und das geht nicht."
    Aktionsprogramm soll Hebammenmangel beenden
    Die 19 Berliner Krankenhäuser mit Geburtshilfestation werden sich jetzt darüber verständigen, wie man Verbesserungen organisatorisch am besten umsetzen kann. Bis zum Oktober dieses Jahres soll es auch eine Online-Vermittlungsplattform geben, mit deren Hilfe Schwangere schneller und zuverlässiger eine Hebamme für die Vor- und Nachsorgen finden können. Sollte das Aktionsprogramm Wirkung zeigen, soll es bald keinen Hebammenmangel mehr geben, wünscht sich der Berliner Senat.