Der informative Überblick über das literarische Angebot der russischen Verlage ist unentbehrlich für alle, die sich für die aktuellen Tendenzen interessieren. Kasper stellt Werksammlungen und Einzelausgaben vor, und er berücksichtigt auch die Publikationen in den sogenannten dicken literarischen Zeitschriften, wie "Nowij Mir", die nach wie vor existieren, wenngleich in erheblich verminderter Auflagenhöhe. Er berichtet über die Vergabe der wichtigsten Literaturpreise, und zitiert beim "Booker"-Preis "für den besten Roman" die vollständige Liste der 51 Nominierungen.
In die Schlagzeilen gerieten 1996 vor allem Viktor Jerofejew, Viktor Pelewin und Jewgenij Jewtuschenko. Jerofejews von einer verspäteten Rezeption des Marquis de Sade inspirierter blasphemischer Roman "Das jüngste Gericht" führt eine Schriftstellerfigur namens Sisin ein, die in einem eher virtuellen,mystifikatorischen Zerstörungsdrang das "idiotische Moskau" vernichten will, insbesondere die Lenin-Bibliothek, das Bolschoi-Theater, die Universität, das Lubjanka-Gefängnis und den Kreml. In einem Essay "Die russischen Blumen des Bösen" hat Jerofejew sich sowohl von der Hoffnungsphilosophie der russischen Klassiker wie von der sowjetischen "Orgie des Humanismus" distanziert. Die russische Kritik beschimpft den Autor als Jugendverderber, als wahren "Stachanow-Aktivisten der Unmoral", der schmutzige Wörter verbreite, Schmierereien an Toilettenwänden liebe und - wie schrecklich - Henry Miller im heiligen Rußland hoffähig machen wolle. Daß die beim Publikum erfolgreichen Krimis und Mafia-Thriller, von denen manche auf Deutsch bei Diogenes vorliegen, als eine Art Kulturschande gelten, hängt mit der quasireligiösen Verehrung des Wortes zusammen, das im Dienst der noch ausstehenden Menschwerdung stehen müßte. Die im Stalinismus gegeißelte "barbarische amerikanische Unkultur" (zu der übrigens neben Krimis und "Verbrecherfilmen" auch der Jazz gehörte) zerstört jetzt, will man der heute auf andere Weise "orthodoxen Kritik" glauben,die moralische Kernsubstanz des "guten Russen". So werden Krimiautoren wie Anatolij Afanasjew und Eduard Topol verteufelt, dessen Roman "Die russische Diva" von den russischen Bestsellerlisten nicht mehr verschwindet. Die Behauptung einer Kritikerin der "Literaturnaja Gaseta", die Krimi-Hersteller seien die wahren Erben der "Sekretärsliteratur" des sozialistischen Realismus, mag auf den ersten Blick plausibel sein, beim zweiten und dritten aber müßte auffallen, daß Erziehungsanspruch und Trivialmuster der Vergleichsobjekte keineswegs übereinstimmen.
In die Schlagzeilen katapultierte sich auch der gewiefte Jewgenij Jewtuschenko, ein unermüdlicher Inszenator des konturlosen, aber sehr bunten Selbstbildes. Anspielend auf Alexander Blocks berühmtes Poem "Dvenadzad" ("Die Zwölf") hat er eins drauf gesetzt und "Trinadzad" ("Die Dreizehn") geschrieben. Zu einer wilden Gruppe gehören unter anderem Ex-Afganistankämpfer, Anhänger Lenins, Stalins und Schirinowkis, mit der Forderung, ein "Adolf Wissarionowitsch" möge als Retter erscheinen,also ein aus Stalin und Hitler zusammengesetzter Homunkulus. Immer noch sind die Säle voll wenn Jewtuschenko rezitiert, und es geht das Gerücht, er werde künftig vertraglich abgesichert, immer an seinem Geburtstag, dem 18. Juli, im Moskauer Polytechnischen Museum auftreten.
In die Schlagzeilen geriet auch Viktor Pelewin, dessen Roman "Tschapajew und Pustota" in Kritikerumfragen als wichtigstes Buch des Jahres 1996 genannt wurde. Tschapajew, ein Bursche und naiver Rotarmist mit Kampfgeist, gehört seit 1923, als Dmitrij Furmanow die Figur erfand, verstärkt durch einen elf Jahre später entstandenen Film zu den Urtypen des sowjetischen Volkshelden. Pelewin macht sich über ihn lustig, wie andere Autoren vor ihm.Er verwandelt den revolutionären Kämpfer des Bürgerkriegs in einen Heilsbringer der "Buddhistischen Front zur Vollständigen und Endgültigen Befreiung". Die sarkastische Auflösung der Sowjetmythologie scheint ein wichtiges Kriterium der modernen russischen Literatur zu sein. Die Helden erscheinen als verrückte Widergänger, beispielsweise Pawel Kortschagin aus Nikolai Ostrowskis Industriewälzer "Wie der Stahl gehärtet wurde", der auch in der DDR für FDJler in der DDR Pflichtlektüre war, wenn sie das "Abzeichen für gutes Wissen" erstrebten. Zu Pelewins Personal gehört auch der Psychiater Timur Timurowitsch Kanaschnikow, dessen Nachname an ein berüchtigtes MG erinnert. Timur aber evoziert das berühmteste Kinderbuch der Sowjetepoche, "Timur und sein Trupp" von Arkadij Gajdar aus dem Jahre 1940. Auch der berühmte Wassilij Axjonow persifliert in seinen jüngsten Erzählungen ideologisch belastete Kultfiguren wie Tschapajew, Kortschagin oder den Pawel Wlassow aus Gorkis Heldenepos "Die Mutter". Die Sowjetliteratur wird von den frechen Nachfahren ungeniert fröhlich und ganz und gar postmodernistisch eingesargt.
Am Schluß seines überaus informativen, anregenden Überblicks stellt Karlheinz Kasper Debütanten des Jahres 1996 vor und verweist knapp auf Todesfälle, Jubiläen und Wiederentdeckungen. Ich erinnere noch einmal: der Beitrag ist in zwei Folgen erschienen, einmal im Doppelheft 10/11 und dann im Heft 12 der von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegebenen Zeitschrift "Osteuropa". Das genannte Doppelheft enthält übrigens auch einen ausführlichen Rezensionsteil, in dem etwa 30 im deutschsprachigen Raum erschienene Bücher zur russischen, sowjetischen und polnischen Literatur und Sprache besprochen werden, unter anderem von den prominenten Slawisten Wolfgang Kasack aus Köln und Wolfgang Schlott aus Bremen.
In die Schlagzeilen gerieten 1996 vor allem Viktor Jerofejew, Viktor Pelewin und Jewgenij Jewtuschenko. Jerofejews von einer verspäteten Rezeption des Marquis de Sade inspirierter blasphemischer Roman "Das jüngste Gericht" führt eine Schriftstellerfigur namens Sisin ein, die in einem eher virtuellen,mystifikatorischen Zerstörungsdrang das "idiotische Moskau" vernichten will, insbesondere die Lenin-Bibliothek, das Bolschoi-Theater, die Universität, das Lubjanka-Gefängnis und den Kreml. In einem Essay "Die russischen Blumen des Bösen" hat Jerofejew sich sowohl von der Hoffnungsphilosophie der russischen Klassiker wie von der sowjetischen "Orgie des Humanismus" distanziert. Die russische Kritik beschimpft den Autor als Jugendverderber, als wahren "Stachanow-Aktivisten der Unmoral", der schmutzige Wörter verbreite, Schmierereien an Toilettenwänden liebe und - wie schrecklich - Henry Miller im heiligen Rußland hoffähig machen wolle. Daß die beim Publikum erfolgreichen Krimis und Mafia-Thriller, von denen manche auf Deutsch bei Diogenes vorliegen, als eine Art Kulturschande gelten, hängt mit der quasireligiösen Verehrung des Wortes zusammen, das im Dienst der noch ausstehenden Menschwerdung stehen müßte. Die im Stalinismus gegeißelte "barbarische amerikanische Unkultur" (zu der übrigens neben Krimis und "Verbrecherfilmen" auch der Jazz gehörte) zerstört jetzt, will man der heute auf andere Weise "orthodoxen Kritik" glauben,die moralische Kernsubstanz des "guten Russen". So werden Krimiautoren wie Anatolij Afanasjew und Eduard Topol verteufelt, dessen Roman "Die russische Diva" von den russischen Bestsellerlisten nicht mehr verschwindet. Die Behauptung einer Kritikerin der "Literaturnaja Gaseta", die Krimi-Hersteller seien die wahren Erben der "Sekretärsliteratur" des sozialistischen Realismus, mag auf den ersten Blick plausibel sein, beim zweiten und dritten aber müßte auffallen, daß Erziehungsanspruch und Trivialmuster der Vergleichsobjekte keineswegs übereinstimmen.
In die Schlagzeilen katapultierte sich auch der gewiefte Jewgenij Jewtuschenko, ein unermüdlicher Inszenator des konturlosen, aber sehr bunten Selbstbildes. Anspielend auf Alexander Blocks berühmtes Poem "Dvenadzad" ("Die Zwölf") hat er eins drauf gesetzt und "Trinadzad" ("Die Dreizehn") geschrieben. Zu einer wilden Gruppe gehören unter anderem Ex-Afganistankämpfer, Anhänger Lenins, Stalins und Schirinowkis, mit der Forderung, ein "Adolf Wissarionowitsch" möge als Retter erscheinen,also ein aus Stalin und Hitler zusammengesetzter Homunkulus. Immer noch sind die Säle voll wenn Jewtuschenko rezitiert, und es geht das Gerücht, er werde künftig vertraglich abgesichert, immer an seinem Geburtstag, dem 18. Juli, im Moskauer Polytechnischen Museum auftreten.
In die Schlagzeilen geriet auch Viktor Pelewin, dessen Roman "Tschapajew und Pustota" in Kritikerumfragen als wichtigstes Buch des Jahres 1996 genannt wurde. Tschapajew, ein Bursche und naiver Rotarmist mit Kampfgeist, gehört seit 1923, als Dmitrij Furmanow die Figur erfand, verstärkt durch einen elf Jahre später entstandenen Film zu den Urtypen des sowjetischen Volkshelden. Pelewin macht sich über ihn lustig, wie andere Autoren vor ihm.Er verwandelt den revolutionären Kämpfer des Bürgerkriegs in einen Heilsbringer der "Buddhistischen Front zur Vollständigen und Endgültigen Befreiung". Die sarkastische Auflösung der Sowjetmythologie scheint ein wichtiges Kriterium der modernen russischen Literatur zu sein. Die Helden erscheinen als verrückte Widergänger, beispielsweise Pawel Kortschagin aus Nikolai Ostrowskis Industriewälzer "Wie der Stahl gehärtet wurde", der auch in der DDR für FDJler in der DDR Pflichtlektüre war, wenn sie das "Abzeichen für gutes Wissen" erstrebten. Zu Pelewins Personal gehört auch der Psychiater Timur Timurowitsch Kanaschnikow, dessen Nachname an ein berüchtigtes MG erinnert. Timur aber evoziert das berühmteste Kinderbuch der Sowjetepoche, "Timur und sein Trupp" von Arkadij Gajdar aus dem Jahre 1940. Auch der berühmte Wassilij Axjonow persifliert in seinen jüngsten Erzählungen ideologisch belastete Kultfiguren wie Tschapajew, Kortschagin oder den Pawel Wlassow aus Gorkis Heldenepos "Die Mutter". Die Sowjetliteratur wird von den frechen Nachfahren ungeniert fröhlich und ganz und gar postmodernistisch eingesargt.
Am Schluß seines überaus informativen, anregenden Überblicks stellt Karlheinz Kasper Debütanten des Jahres 1996 vor und verweist knapp auf Todesfälle, Jubiläen und Wiederentdeckungen. Ich erinnere noch einmal: der Beitrag ist in zwei Folgen erschienen, einmal im Doppelheft 10/11 und dann im Heft 12 der von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegebenen Zeitschrift "Osteuropa". Das genannte Doppelheft enthält übrigens auch einen ausführlichen Rezensionsteil, in dem etwa 30 im deutschsprachigen Raum erschienene Bücher zur russischen, sowjetischen und polnischen Literatur und Sprache besprochen werden, unter anderem von den prominenten Slawisten Wolfgang Kasack aus Köln und Wolfgang Schlott aus Bremen.