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Heiligtum oder Müllhalde?

Etwa eine Million Kreuze befinden sich auf dem "Berg der Kreuze" im Norden Litauens. In der Sowjetzeit war das Aufstellen von Kreuzen hier ein Akt des Widerstandes - heute habe er etwas von Popkultur, finden Kritiker.

Von Wolfram Nagel | 17.09.2013

Mit Religion und Glaube hat der Berg der Kreuze immer weniger zu tun. Er ist heute vor allem ein Symbol nationaler Identität und eine Attraktion für Reiseveranstalter. Manche Besucher entsorgen hier auch Gerümpel.

"Diese Stelle hier, das ist eine Kultstätte. Und ich halte es gut, wenn man solche Kultstätten hegt und pflegt. Jedes einzelne Kreuz hat ja eine Bedeutung. Gut, es ist eine wilde Anordnung, es ist kein System drin. Es ist wild aufgestellt, so wie es der Zufall ergeben hat."

Wie dieser Mann aus Hessen kommen tagtäglich bis zu 3000 Besucher zum Berg der Kreuze, Kryžiu kalnas, zwölf km nördlich von Šiauliai, zu Deutsch Schaulen, einer Universitätsstadt im Norden von Litauen. Vor allem Touristen, aber auch Einheimische besuchen den heiligen Ort, um immer neue Kreuze aufzustellen und sich den göttlichen Segen zu erbitten.

"Nun ja, dieser Kreuzhügel oder Kreuzberg ist nicht so kontrolliert vonseiten der Kirche. Die Leute, das ist eigene Initiative. Kreuze sind gestellt, wenn einer bittet um Gesundheit."

Auch bei Betriebsjubiläen, Hochzeiten und Taufen werden Kreuze zum Hügel gebracht. Sogar die litauische Eisenbahn habe sich auf dem Berg der Kreuze verewigt, sagt Pater Michael. Er ist einer vor derzeit drei Ordensbrüdern im benachbarten Franziskanerkloster, das in den Neunzigerjahren nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. mit italienischer Hilfe gebaut wurde.

Früher, zu Sowjetzeiten, mussten die Pilger alles mitbringen, heute kann man große und kleine Kreuze, Rosenkränze, Heiligenbildchen oder Engelchen in den Marktbuden am Eingang kaufen, sagt die Journalistin Raimonda Ravaityte. Sie stammt aus Šiauliai und kennt diesen Ort von Jugend an:

"Ja, das ist Symbol gegen sowjetisches Regime. Weil in Sowjetunion Regime alles war verboten. Frei denken, glauben. Aber heute leider dieses Objekt ist sehr, sehr touristisch geworden. Und auch diese Tische, was stehen, und was die Leute dort verkaufen, für mich ist alles sehr fremd."

Eine Treppe aus Holzbohlen und mehrere Trampelpfade führen durch einen Wald aus Kreuzen hinauf zum gerade einmal zehn Meter hohen Gipfel, den eine große Marienstatue krönt. Zu deren Füßen befindet sich ein flacher Gedenkstein. Die Inschrift erinnere an litauische Märtyrer aus dem 19. Jahrhundert, sagt Pater Michael in gebrochenem Deutsch. Der ehemalige Maschinenbauingenieur wurde 1984 zum Priester geweiht und hat jahrelang russlanddeutsche Gemeinden in Alma Ata betreut:

"Im 19. Jahrhundert, das war ein Aufstand in Litauen, auch in Polen gegen den russischen Zar. Und einige Teilnehmer dieses Aufstandes waren begraben am Fuß dieses Kreuzberges. Vielleicht waren erste Kreuze."

Der mit Hand aufgeschüttete Hügel stammt bereits aus der Zeit des Deutschen Ordens. Im Kampf gegen die Ungläubigen sollen die Ordensritter 1348 hier eine Wehranlage der Litauer zerstört haben. Diese nahmen zwar später den katholischen Glauben an, in ihren Erinnerungen blieb der Hügel aber Symbol nationaler Selbstbehauptung. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Litauen sowjetisch wurde, entwickelte sich der Kryžiu kalnas zu einem Ort stillen Widerstandes. Viele Kreuze wurden damals für die in den stalinistischen Lagern umgekommenen Litauer aufgestellt.

"Der sowjetischen Regierung hat nicht beliebt dieser Kreuzhügel. Das war atheistische Regierung. Nur die möchten dieses Kreuzberg nicht nur der Religion wegen, sondern die befürchten, dass kann es ein Kristallisierungszentrum sein für nationale Gefühle. In Nachtzeit die Leute errichteten diese Kreuze und Tageszeit die Regierung befohlen diese Kreuze wegzunehmen."

So sollen Bulldozer im April 1961 über 2000 Kreuze niedergewalzt haben. Doch der Kreuzzug gegen den Berg blieb ohne Erfolg. 1991 auf dem Höhepunkt der litauischen Unabhängigkeitsbewegung waren es bereits über 40.000 Kreuze. Mit Kreuzen geehrt werden hier beispielsweise jene Litauer, die bei der Erstürmung des Fernsehturms von Vilnius durch sowjetische Truppen ihr Leben ließen. Weltweit bekannt wurde der Berg der Kreuze jedoch durch den Papstbesuch 1993, als rund 100.000 Gläubige hier zusammen mit Johannes Paul II. Gottesdienst feierten. Seitdem vermehre sich die Zahl der Kreuze täglich, kritisiert Pater Michael. Selbst nicht mehr benötigte Grabkreuze landeten auf dem Hügel.

"Wissen Sie, da fehlt Ordnung. Kreuzberg ist das litauische Heiligtum oder Müllhaufen. Leute bringen alles Mögliche, religiöse Gegenstände und lassen auf diesem Hügel auch liegen. Das ist Skandal."

Doch die Franziskaner-Padres haben kaum noch Einfluss auf das Geschehen auf dem Kultberg. Während die Zahl der Besucher zeitweise kaum noch überschaubar ist, hält sich die Zahl der Beter in der Klosterkapelle in Grenzen. Viele Litauer – ob Katholiken, Protestanten, Orthodoxe oder auch Atheisten – sind stolz auf ihren Kryžiu kalnas, ist er doch für sie vor allem ein Symbol nationaler Identität. Doch gibt es auch zunehmend kritische Stimmen.

Mit Religion und Glaube habe der Berg der Kreuze immer weniger zu tun, meint beispielsweise der evangelische Pfarrer Jonas Lioranèas. Es sei, als hätten die Leute vergessen, was das Kreuzzeichen tatsächlich bedeute:

"Dieses Phänomen hat eine lange Geschichte. Anfang war als Kampf gegen sowjetisches Regime und jetzt bekommen das ein bisschen als Popkultur. Das ist ideenlos: Ehepaare gehen nach Trauung zum Kreuzberg. Das ist tatsächlich auch solch ein bisschen Pop."


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