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Heilsarmee zwischen Uniform und Moderne
Suppe, Seife, Seelenheil

Sie stehen in blauen Uniformen und mit Blasmusikkapelle auf der Straße und missionieren – getreu ihrem Motto "Seife, Suppe, Seelenheil". Die Heilsarmee, eine evangelische Freikirche, finanziert sich aus Spenden. In ihrem militärischen Auftreten kommt sie altmodisch daher. Doch immer wieder wollen junge Menschen Offiziere werden bei der Heilsarmee.

Von Franziska Langhammer | 30.05.2016
    Blasmusik und Uniform: Auch heute entscheiden sich noch junge Menschen für die freikirchliche Heilsarmee
    Blasmusik und Uniform: Auch heute entscheiden sich noch junge Menschen für die freikirchliche Heilsarmee. (AFP / Joel Saget)
    Elmar Reith ruft: "Noah habt ihr schon mal gehört?"
    Obdachloser: "Noah war mein Bruder."
    Elmar Reith lacht: "Der Noah war dein Bruder? Der ging in die Arche mit seiner Frau und mit den Tieren alle, und nach zehn Monaten ging er wieder raus."
    Etwa zwanzig Menschen haben sich in einer Reihe aufgestellt; hauptsächlich obdachlose Männer, die hier am Berliner Ostbahnhof auf ein warmes Essen warten. Doch zuerst möchte ihnen Elmar Reith, Offizier der Heilsarmee, ein paar Gedanken zum Evangelium mitgeben. Dafür trägt er seine schlichte Arbeitsuniform: Auf Shirt und Mütze prangt das rote Emblem der Heilsarmee.
    Elmar Reith: "Amen."
    Ein paar Odachlose: "Amen."
    Reith: "Gott segne euch. So, ich wünsch euch guten Appetit!"
    Obdachloser: "Danke!"
    Reith: "Vater, segne diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise. So kommt her, bitteschön."
    Erst die Grundbedürfnisse, dann die Missionierung
    Dreimal in der Woche ist Elmar Reith mit seinem roten Einsatzwagen in Berlin unterwegs und verteilt aus einem großen Topf Suppe an Drogenabhängige, Obdachlose und manchmal auch Rentner, die nicht allein essen wollen. Auch wenn die meisten nur wegen der kostenlosen Mahlzeit kommen, sieht sich Elmar Reith in der Pflicht, sich um ihr geistliches Wohl zu kümmern.
    "Ich kann das nicht aufzwängen, das ist klar. Aber die hören sich das meistens an. Und ich hab gemerkt, die Leute kennen sich zwar alle vom Sehen, aber letzten Endes ist es doch anonym, irgendwie. Und so ist es doch auf Straße ziemlich einsam."
    Die Missionierung gehört zu den ursprünglichen Hauptanliegen der Heilsarmee. Als Mitte des 19. Jahrhunderts weite Teile der Bevölkerung verarmten, gründete der methodistische Prediger William Booth die evangelische Freikirche im Osten Londons. Sein Credo: Christen sollten nicht warten, bis die Leute zu ihnen kommen – sie sollten mit ihrer Botschaft auf sie zugehen. Schon früh entstand so das Motto "Suppe, Seife, Seelenheil", erklärt Walter Fleischmann-Bisten, evangelischer Theologe und Konfessionsforscher.
    "Man kann das Evangelium niemandem predigen, wenn er einen knurrenden Magen hat. Das hat der Gründer der Heilsarmee, dieser erste General Booth, schon gesagt. Das zweite: Die Leute brauchen ein Dach über dem Kopf, wo sie sich pflegen, waschen können gegen Krankheiten – das ist dann die Seife. Und erst dann, wenn man sich den Menschen in ihren Grundbedürfnissen zugewandt hat, dann werden sie sich auch öffnen für das Evangelium und hören, dass sie sich einen neuen Weg suchen müssen, und der heißt in der Nachfolge Christi."
    Mit mehr militärischem Drill effektiver gegen die Not?
    Auch wenn die Heilsarmee in der Öffentlichkeit oft bei Außeneinsätzen wie der Obdachlosenspeisung in Erscheinung tritt, konzentriert sie sich heute auf die Arbeit in den Korps – den Gemeinden. Dabei bedient sich die Freikirche der hierarchischen Strukturen des Militärs: Die Mitglieder, die ein Gelübde ablegen, heißen Soldaten. Ihnen stehen die Offiziere vor – Gemeindeleiter, die nach fünf Jahren automatisch in den Rang der Kapitäne aufsteigen. Mit dem Eintritt in die Heilsarmee bekommen die Mitglieder blaue Uniformen – auch das ist ein Erbe aus dem 19. Jahrhundert.
    Walter Fleischmann-Bisten: "Wer nicht irgendwie militärisch aufgetreten ist, auf den haben die Leute nicht geguckt."
    Der Stützpunkt des Korps Berlin-Südwest befindet sich im beschaulichen Berliner Stadtteil Friedenau. Hier leiten die Kapitäne Matthias und Anni Lindner die Gemeinde. Beide gehörten früher der evangelischen Landeskirche an. Anfangs sei er abgeschreckt gewesen von dem militärischen Vokabular, erzählt Matthias Lindner, doch heute passt das für ihn zusammen – Christentum, Kampf und Armee:
    "Gerade wenn man dort ist, wo die Heilsarmee sein soll und auch ist, dann ist es nie einfach. Wir haben alles miterlebt von körperlicher Bedrohung bis hin dazu, dass wir beklaut worden sind. Und das greift einen persönlich selber an. Das ist physisch schon fast ein bisschen ein Kampf, oder auch sich selber zu überwinden und zu sagen: Ok, jetzt helfe ich dort auch nochmal, obwohl ich weiß, andere Leute haben den schon aufgegeben."
    Der Kampf gegen das Böse – wirkt das heute nicht etwas aus der Zeit gefallen? Im Gegenteil, findet Matthias Lindner, der sich sogar mehr militärische Disziplin wünscht.
    "Da vermisse ich es sogar manchmal, weil es hilft, ganz klare Grenzen zu haben, und dort auch wirklich mit klaren Konsequenzen zu rechnen. Und das fehlt manchmal aufrgund der christlichen Nächstenliebe. Wenn wir wirklich ein bisschen mehr militärischen Drill hätten, wären wir an manchen Stellen effektiver, würden wir der Not wahrscheinlich auch effektiver begegnen können."
    Offiziersausbildung: Praktische Gemeindearbeit und Theologie-Studium
    Die Zahl der Mitglieder der Heilsarmee in Deutschland ist in den letzten Jahren kontinuierlich auf 1.400 geschrumpft. Eine der wenigen Nachwuchsoffiziere ist die 22-jährige Annika, die im September ihre Ausbildung beginnen wird. Schon jetzt arbeitet sie beim Südwest-Korps mit, hilft bei Kindergottesdiensten oder im Büro. Bei ihrem Eintritt in die Heilsarmee legte Annika wie alle Soldaten das Gelübde ab, etwa auf Alkohol und Tabak zu verzichten.
    "Das gibt es schon, dass Freunde das überhaupt nicht verstehen, warum man jetzt keinen Alkohol trinkt oder warum man jetzt mit 21 unbedingt heiraten muss, ob das nicht ein bisschen spießig ist, aber ich denke, wenn man hinter seiner Einstellung steht und auch weiß, dass es das Richtige für einen ist, dann sag ich es auch klar."
    Neben der praktischen Gemeindearbeit gehört auch ein Theologie-Studium zur Offiziersausbildung. Allerdings nicht an einer staatlichen Universität, sondern am Institut für Gemeindebau und Weltmission, einer privaten Hochschule mit evangelikaler Prägung. Dabei stehen die Türen Frauen wie Männern offen. Die Heilsarmee nahm in Sachen Gleichberechtigung von Anfang an eine Vorreiterrolle ein. Vor wenigen Wochen musste Annika ihre erste Predigt halten.
    "Ich war total aufgeregt an dem Tag und hab auch drei Wochen vorher angefangen, die zu schreiben, und immer wieder umgemodelt. Als die Leute dann da waren und ich nach oben gehen musste, das war schon erst einmal ein zittriger Moment."
    Ihre Uniform trägt Annika nur zu besonderen Anlässen – oder wenn sie erkannt werden will. Ob das militärische Auftreten noch zeitgemäß ist, sagt Kapitänin Anni Lindner, werde auch in der Heilsarmee selbst diskutiert.
    "Es ist schon so, dass wir uns selber auch hinterfragen, ob das, wie wir sind, wie wir wirken und was wir machen – ob das alles schon so noch seine Berechtigung hat, nur weil William Booth das irgendwann mal eingeführt hat. Aber wir kommen immer wieder zu dem Schluss: Ja, wir sind halt speziell, wir sprechen auch eine bestimmte Zielgruppe dabei an, und die Uniform hat ihre Berechtigung."