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Heinrich Böll: Briefe aus dem Krieg 1939 - 1945. Herausgegeben und kommentiert von Jochen Schubert

Wenn es den arabischen Sender Al Jazeera nicht gäbe, hätten wir vom Krieg der Zivilisierten-Koalition in Afghanistan wahrscheinlich so gut wie nichts gesehen, ein paar zensierte Satelliten-Bilder von Raketeneinschlägen, mehr nicht. Das Büro des Senders in Kabul endete als Kollateralschaden. Es ist wohl auch kein Zufall, dass in den USA die Medien angewiesen sind und sich nahezu alle anweisen ließen, die Opferbilder möglichst zu unterdrücken. Opfer dieses Krieges sollen nur die Toten des World Trade Centers sein, die auf diese Weise noch einmal instrumentalisiert werden. Einsichten in den kriegerischen Alltag, in Tod, Brutalität und Abstumpfung stören nur im Propaganda-Feldzug gegen den täglich mehr zur Phrase verkommenden "internationalen Terrorismus".

Peter Lange | 26.11.2001
    Wenn es den arabischen Sender Al Jazeera nicht gäbe, hätten wir vom Krieg der Zivilisierten-Koalition in Afghanistan wahrscheinlich so gut wie nichts gesehen, ein paar zensierte Satelliten-Bilder von Raketeneinschlägen, mehr nicht. Das Büro des Senders in Kabul endete als Kollateralschaden. Es ist wohl auch kein Zufall, dass in den USA die Medien angewiesen sind und sich nahezu alle anweisen ließen, die Opferbilder möglichst zu unterdrücken. Opfer dieses Krieges sollen nur die Toten des World Trade Centers sein, die auf diese Weise noch einmal instrumentalisiert werden. Einsichten in den kriegerischen Alltag, in Tod, Brutalität und Abstumpfung stören nur im Propaganda-Feldzug gegen den täglich mehr zur Phrase verkommenden "internationalen Terrorismus".

    In dieser Zeit bringt der Verlag Kiepenheuer und Witsch ein Buch heraus, das auf den ersten Blick ein wenig unmodern wirkt: Heinrich Bölls Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg. Sechs Jahre lang war der junge Böll im Krieg, Soldat der Nazi-Wehrmacht. Es ist noch nicht der Schriftsteller Heinrich Böll, der hier Briefe an die Familie schreibt, der die verwirrenden, teils verstörenden Eindrücke unter den Bedingungen der Zensur in Worte zu fassen versucht.

    O-Ton Heinrich Böll:

    Sie lernen natürlich im Krieg und in einer Armee viele Menschen kennen. Drücken wir es so banal aus. Verschiedenste Berufe, verschiedenste Tätigkeiten. Da war ich schon neugierig. Sie leben mit den meisten dieser Menschen relativ eng zusammen, was manchmal sehr quälend ist, und dann fragt man: Was machst Du? Was bist Du? Ach so, Du bist Student, was also wirklich unglaublich war für die meisten, weil ich als Abiturient nicht Offizier war.

    Heinrich Böll, Schriftsteller, Katholik, Kölner, von 1939 bis 1945 Soldat. Er hat den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis Ende als Angehöriger der Wehrmacht erlebt. In den ersten Jahren danach waren Krieg und Nachkriegszeit seine zentralen literarischen Themen. In diesem Herbst, also mehr als 55 Jahre nach Kriegsende, hat der Kölner Verlag Kiepenheuer und Witsch die Briefe herausgegeben, die Heinrich Böll an seine Familie und an seine Freundin und spätere Ehefrau Annemarie geschrieben hat. Eine zweibändige Edition von insgesamt 878 Brief-Auszügen, die in ihrer Aufmachung an die Klemperer-Tagebücher erinnert, mit einem sehr detaillierten Stellenkommentar und einem sehr hilfreichen Nachwort des Böll-Biografen James Reid.

    Liebe Eltern und Geschwister! Wir sind zu 20 Kölnern einer aus älteren Leuten und aus Jahrgang 1910 zusammengesetzten M.G.-Kompanie zugeteilt. Eingekleidet sind wir noch nicht. Wohin es geht, wissen wir noch nicht bestimmt.

    Der Anfang des ersten Briefs, geschrieben in Osnabrück am 30. August 1939, wenige Tage vor Kriegsbeginn. Heinrich Böll ist noch keine 22 Jahre alt. Nach dem Abitur 1937 hat er eine Lehre als Buchhändler begonnen, aber nach wenigen Monaten wieder abgebrochen, im Jahr darauf dann der Arbeitsdienst. Im Sommer 1939 schreibt er sich als Student an der Universität Köln ein; Ende August wird er zur Wehrmacht einberufen.

    Eben haben wir die ersten Brocken bekommen, morgen gibt es vollständige Uniform. Hier laufen dauernd lange Züge mit Zivilisten ein. Hoffentlich können wir bald den Krieg endgültig abblasen und wieder bis auf weiteres friedliche Zivilisten werden.

    Eine vergebliche Hoffnung. Heinrich Böll, praktizierender Katholik aus einer Familie von Nazigegnern, gerät wie die meisten seiner Altersgenossen in das Räderwerk des Krieges, den Nazi-Deutschland vom Zaun gebrochen hat. Der militärische Alltag bestimmt fortan sein Leben, was dem jungen Mann aus Köln große Probleme bereitet. Denn der Heinrich Böll des Jahres 1939 ist ein großer, breiter, aber ziemlich unsportlicher und unsoldatischer Typ, der zudem unter seinen Kameraden ziemlich isoliert ist.

    Es fällt mir wie ein schweres Gewicht auf die Seele, daß ich in diesem Club so gut wie verkauft bin, ach, mit jedem von ihnen bin ich schon auf Wache gewesen, ich kenne jeden ganz genau, seine Schwächen, seine Eitelkeiten, seine guten Eigenschaften; ach, es ist mir alles so unendlich zuwider... Gestern waren sie alle ein wenig betrunken auf unserer Stube, und in ihren Reden offenbarte sich zum ersten Mal, wie sehr sie mich im Grunde genommen hassen - die meisten - und wie sehr sie sich freuen, wenn mir irgend etwas angedreht wird.

    Das Briefeschreiben wird ihm zum Ventil, um mit seinen inneren Nöten fertigzuwerden, eine Möglichkeit, dem nervtötend stupiden Militäralltag wenigstens hin und wieder zu entfliehen, wenn auch nur im Kopf. Denn in der Tat: Der Krieg, den Heinrich Böll erlebt, ist nicht die existentielle Grenzerfahrung des Frontsoldaten, sondern in erster Linie Stumpfsinn und Langeweile. In Deutschland hockt der Soldat Böll in überfüllten Kasernenstuben, musss Formalausbildung, Alarmübungen und Gewaltmärsche überstehen und sogenannte Fremdarbeiter bewachen. Später, an der Kanalküste in Frankreich wie auch in Polen, Ungarn und in der Ukraine, hat er entweder Telefondienst, oder er schiebt Wache. Als roter Faden durchzieht dieses Soldatenleben permanente Müdigkeit und Überdruss, der Mangel an Zigaretten und Alkohol, das Warten auf die Post von Zuhause, die Angst um den herbeigesehnten nächsten Urlaub. Und über alledem der Grundtenor, dass dies verlorene Jahre sind.

    Wenn wir wieder heimkehren aus dem Krieg und unsere Köpfe sind kahl und unsere Herzen müde und unsere Finger zittern; dann können wir sagen, daß unsere Jugend in der alten grauen Uniform geblieben ist, die dann irgendwo auf einer Bekleidungskammer liegt und einen armen Rekruten vielleicht bei seiner ersten Übung schmückt. Gott möge es geben, daß ich heil zurückkehre aus dem schmutzigen Grau dieses Lebens, alles andere, unseren Geist und unser Leben, werden wir wiederfinden.

    Was ihn vor allem umtreibt, ist die Sorge um seine Familie und um Annemarie, die er im März 1942 geheiratet hat. Denn seine Heimatstadt Köln gerät schon früh in die Reichweite der alliierten Luftwaffe. Im Mai 1942 sind seine Eltern zum ersten Mal ausgebombt worden. Und so kommt er fast unabsichtlich zu einer wichtigen Erkenntnis über den Charakter des modernen Krieges.

    Es ist wirklich ein ganz phantastisch sonderbarer Krieg. Wir Soldaten sitzen hier fast im Frieden, sind braun und gesund, und Ihr hungert zu Hause und erlebt den Krieg in der schrecklichsten Weise, im Keller.

    Die wirklichen Fronterfahrungen des Soldaten Heinrich Böll beschränken sich im Grunde auf ein paar Wochen. Im November 1943 wird er einer Infanterie-Division auf der Krim zugeteilt. Jetzt unterscheiden sich seine Schilderungen kaum mehr von denen vieler anderer Soldaten an der Ostfront.

    Alles Unwesentliche, das ich noch hatte, habe ich nun endgültig begraben. Niemals kann eine solch irrsinnige Feuertaufe, wie sie uns gleich fünf Minuten nach unserem Eintreffen in der vordersten Linie empfing, spurlos an einem Menschen vorübergehen; in diesen Tagen der absoluten Gefahr, des absoluten Schreckens. Dir werde ich es erzählen können, was es bedeutet, eine Kette russischer Panzer auf sich zurollen zu sehen und im Loch zu bleiben, was es bedeutet, mit Feuer und Stahl buchstäblich zugedeckt zu werden.

    Drei Wochen dauert dieser Einsatz für Heinrich Böll, bis ihn ein Granatsplitter am Kopf trifft. Eine relativ leichte Verletzung, die ihn für mehrere Monate von der Front ins Lazarett bringt und ihm zu einem Erholungsurlaub verhilft. Auch der zweite Fronteinsatz im moldawischen Jassi endet nach drei Tagen glimpflich mit einer leichten Verwundung, diesmal am Rücken. Wieder ein längerer Lazarett-Aufenthalt mit anschließendem Genesungsurlaub. Die letzten zehn Monate des Krieges erlebt Heinrich Böll in Deutschland. Er kennt sich in dieser Welt des Militärs inzwischen gut genug aus, um sich mit simulierten Krankheiten, manipulierten Urlaubsscheinen oder auch durch zeitweilige Desertion durch die chaotische Endphase zu retten.

    O-Ton Heinrich Böll:

    Ich entfernte mich von der Truppe, hab ich mehrmals getan, hab auch das Kriegsende als Deserteur erlebt, deshalb die Amerikaner herbeigesehnt. Aber bei einer Gelegenheit marschierte ich einfach heimwärts, war gar nicht weit. Plötzlich hielt mich ein junger Offizier an, setzte mir buchstäblich die Pistole auf die Brust und sagte: Wo gehen Sie hin, was ist los, wo gehören Sie hin? Und: Ich bilde eine Kampfkommandantur und Sie gehen mit mir. Und diese Kampfkommandantur hieß Brücher Mühle. Kampfkommandantur Brücher Mühle war die letzte Einheit der Deutschen Wehrmacht, der ich angehörte.

    Wenige Wochen später ist der Krieg für Heinrich Böll zuende. Bei den Kämpfen um die Brücher Mühle wird er am Abend des 9. April 1945 von amerikanischen Soldaten gefangengenommen. Bölls Briefe sind nicht immer die eindringlichen zeitgeschichtlichen Dokumente, die man mit Blick auf den späten, pazifistischen Böll vielleicht erwartet. Das liegt zum einen an ihrem privaten Charakter. Zum anderen ist Böll vorsichtig, wegen der Zensur der Feldpost. Die Haltung des regimekritischen Katholiken ist oft nur zwischen den Zeilen zu erkennen. Häufig tarnt er gefährliche Meinungsäußerungen mit einer familien-eigenen Ironie, indem er seine Briefe mit einer regimekonformen Phrase vom Vertrauen auf den Sieg beendet. Politische Diskussionen erwähnt er, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Fast schon gewagt ist dabei seine Schilderung, wie in seiner Umgebung im Juli 1944 auf das Attentat auf Hitler reagiert wurde.

    In den letzten Tagen hat bei uns eine unbeschreibliche Erregung geherrscht wegen des Attentats auf den Führer, es war ganz toll; die meisten fragen gar nicht mehr nach politischen Hintergründen und Ursachen, sondern nur, ob der Krieg aus ist oder nicht.

    Gleichwohl zeigen diese spontan niedergeschriebenen Briefe das literarische Potential des jungen Böll. Es gibt wunderbare Landschaftsbeschreibungen, und je länger der Krieg dauert und je weiter der Soldat Böll herumkommt, desto mehr öffnet er sich auch für fremde Eindrücke und desto stärker wird auch seine Beobachtungskraft. Sein Bild von Frankreich, England, Holland und Russland ist zunächst von den üblichen negativen Klischees geprägt. Aber nach einigen Monaten in Frankreich hat sich das Bild vom sogenannten Erbfeind deutlich gewandelt:

    Frankreich ist schön, voll Menschlichkeit und Süße, voll schöner Städte und Dörfer und angenehmer Menschen, die wirklich menschlich sind; aber darum ist es umso schwerer, hier Soldat zu sein, vollkommen ausgeschlossen zu sein von diesem Leben.

    Was dieses Buch besonders lesenswert macht, ist der Reifungsprozess, den diese Briefe dokumentieren. Es finden sich viele irritierende Äußerungen, die nicht dem Bild entsprechen, das über Heinrich Böll existiert. Aber dieser junge Böll ist eben noch voller Widersprüche, er ist noch immer ein Mensch auf der Suche nach Standort und Identität. So zerreißt ihn die Frage fast, ob er als Nazi-Gegner sich nun wünschen soll oder nicht, dass Deutschland den Krieg verliert. Für das eine wie das andere finden sich in den Briefen immer wieder Belege. Der eigenen Isoliertheit steht die Sehnsucht gegenüber, doch auch dazuzugehören. Und bei aller Aversion gegen den Militarismus gibt es doch auch Momente, in denen ihn gerade die Ästhetik des Militärischen berührt. Gleichwohl ahnt er im Februar 1944, dass die Kriegserfahrung seiner Generation die Zeit danach als riesige Hypothek belasten würde.

    Ich sehne mich nach Deutschland, ich habe auch Angst davor, Angst vor den schrecklichen Trümmerfeldern unserer Heimat. Wir sind so sehr an außergewöhnliche und unruhige, ungewisse Zustände gewöhnt, daß wir das absolut Schreckliche unserer Lage gar nicht mehr empfinden, meistens nicht! (...) Wir, wir wollen uns jede Stunde vor Augen halten, daß dieses, der Krieg, nicht unser Leben ist, daß alles nur blühen und gedeihen kann im Frieden und daß die Gesetze Gottes im Krieg ebenso gelten wie im Frieden und daß wir alles retten müssen, wir allein, sehr wenige!

    Peter Lange besprach "Heinrich Böll: Briefe aus dem Krieg 1939 bis 45", erschienen beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, herausgegeben und kommentiert von Jochen Schubert. Die zwei Bände gibt es zum Subskriptionspreis von 98 Mark.