Freitag, 19. August 2022

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Heinrich George - Mensch aus Erde gemacht

"Seine Stimme konnte ausbrechen, wie Steine schreien. Wie kein anderer ausgerüstet zur Inkarnation all jener Gestalten, die gesandt sind, auf der Bühne das Gruseln zu lehren". Worte aus der Feder des Theaterregisseurs Jürgen Fehling. Niedergeschrieben in seinem Nachruf auf Heinrich George. Dessen Biographie ist auch 52 Jahre nach seinem Tod im September 1946 ebenso irritierend wie faszinierend. Umstritten aber bleibt er allemal: Heinrich George, der als größter deutscher Schauspieler zwischen den zwanziger und vierziger Jahren galt und zu "dem" Aushängeschild des NS-Kinos avancierte.

Michael Marek | 15.07.1998

    Jetzt hat der Historiker Werner Maser, emeritierter Professor für Geschichte und Jahrgang 1922, eine George-Biographie vorgelegt - "die erste politische Biographie", wie der Verlag vollmundig im Klappentext behauptet. Doch mitnichten, Maser stellt vielmehr einen 463-seitigen Persilschein aus, um George für sein Verhalten vor allem während der NS-Zeit reinzuwaschen. Alle jene Leser, die sich fundierte Reflexionen über das komplexe und spannungsreiche Wechselverhältnis von Kultur und Politik erhoffen, Künstlertum und politischem Engagement, werden von der Maser-Lektüre enttäuscht sein. Dabei gibt es durchaus Anlaß, mit einigen Legenden aufzuräumen, wie der Autor selber ansatzweise zeigt: etwa das Gerücht, George habe sich im Ersten Weltkrieg nach seiner Einberufung krank gestellt und anschließend drei Jahre in einer Nervenheilanstalt verbracht. Werner Maser: "Tatsache aber ist: Heinrich George befand sich im Urlaub 1914 und zwar in Zermatt. Und der Krieg brach aus, er meldete sich am 21. August 1914 sofort freiwillig. Er wurde also nicht gezogen und war drei Jahre lang Soldat auf allen Schlachtfeldern im Osten. Er war bereits Ende des Jahres 1914 Feldwebel und Offiziersstellvertreter. Er hatte das 'Eiserne Kreuz' Zweiter Klasse bekommen schon 1914. Er muß also ein außerordentlich draufgängerischer Soldat gewesen sein."

    Statt solche Abschnitte in Georges Lebensgeschichte weiterzuverfolgen, beschäftigt sich Maser seitenweise mit Nebensächlichkeiten und Banalitäten: Da erfahren wir, wie hoch die Roheisenproduktion in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen ist, daß das Grab Georges von DDR-Behörden unkenntlich gemacht wurde. Oder wir müssen irritiert zur Kenntnis nehmen, daß George und Hitler im Ersten Weltkrieg zur selben Zeit im Lazarett lagen. Zudem schreibt Maser, der als sich mit seinen Büchern über Friedrich Ebert, Hindenburg oder Helmut Kohl durchaus zu den bekannteren Historikern Deutschlands zählen darf, aus eigenen, früheren Werken nach belieben ab, ohne daß damit ein Erkenntnisgewinn in Sachen George verbunden ist - was um so schwerer wiegt, da die von Maser als sensationell gepriesenen Archivfunde bereits vor dem Erscheinen seines Buches bekannt waren und der Autor markante Bruchstellen im Lebenslauf von George nicht hinreichend würdigt.

    In den zwanziger Jahren steht George der Kommunistischen Partei nahe, hat Kontakt zu linksintellektuellen Schriftstellern wie Bertolt Brecht und Johannes R. Becher. Er spielt in der "Volksbühne" bei Erwin Piscator und tritt für Humanismus und gegen Antisemitismus ein. 1933 wirkt George in "Hitlerjunge Quex" mit - jenem Film, der bis heute als erster Nazi-Propagandastreifen gilt. Bei Maser findet das kaum eine Erwähnung. Ebensowenig wie Georges Hauptrolle in dem letzten Durchhalteschreifen des NS-Regimes: "Kolberg". Maser behandelt diesen Blut-und-Bodenfilm allein unter dem Aspekt der Gagenhöhe:

    "Der Regisseur Fehling sagte einmal, er fraß geradezu den Beifall. George brauchte den Beifall. Und wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann war es das, daß es ihm völlig egal war, wer den Beifall spendete. Das ist der einzige Vorwurf, wenn man ihm einen machen will, machen kann bei George. Er hatte 1931 geheiratet, hatte einen Sohn, hatte ein Haus gekauft und stand nun da. Er hatte vorher 7.500 Mark im Monat verdient, die Nazis gaben im 2.500. Er mußte jetzt sehen, sich irgendwie zu arrangieren. Und das führte dazu, daß er sich einfach mißbrauchen ließ."

    Aber war es wirklich so, wie Maser behauptet, daß George sich vom Propagandaminsterium einfach mißbrauchen ließ? Schließlich brachte George als Intendant des Berliner Schiller-Theaters keines jener unsäglichen nationalsozialistischen Tendenzstücke zur Aufführung, statt dessen die großen Klassiker: Othello, Macbeth und seine Lieblingsfigur, den Götz von Berlichingen. 1940 wirkt George in dem wohl berüchtigsten Propagandafilm des NS-Regimes mit: "Jud Süss". Der Kinostreifen bot alles, was die Nazi-Propaganda brauchte: ausgefeilte Technik, eine anrührende Liebesgeschichte und antisemitische Feindbilder - bürgerliches Melodram als schöner Schein und dahinter der Abgrund. George habe sich geweigert mitzuspielen und die Dreharbeiten sogar abgebrochen, behauptet Maser. Erst als Goebbels ihm persönlich gedroht habe, hätte George eingelenkt. Doch für diese Hypothese gibt es keine Dokumente, vor allem: Hatte sich George, der für seine Schauspielleidenschaft bekannt war, tatsächlich nur auf Druck des Propagandaministers künstlerisch an die Diktatur gebunden und dem NS-Staat gedient? Einen anderen Beruf auszuüben, das hätte George nicht das Leben gekostet, wohl aber die Privilegien. Zu seinem 50. Geburtstag wird George der Titel "Generalintendant" zuerkannt. Hitler läßt ihm ein Bild mit persönlicher Widmung übergeben. George zeigt oder spielt Unterwürfigkeit, etwa als Rezitator auf einer Gedenkfeier der NSDAP:

    "Wie geht der Starke in den Tod. Der Schwache zittert vor dem Tod wie er auch vor dem Leben zittert. Der Starke geht tapfer und gerüstet in das Sterben. Er lehnt das Grübeln über ein Nebelreich jenseits der Schwelle seines Todes ab, weil alles Grübeln nur die Tat unmöglich macht. Wer mutig lebt und tapfer stirbt, kann im Tode nicht verloren sein. Und darum: Das Gedenken an den Tod soll mir nicht Grauen sondern Ansporn sein."

    Glaubt man seinen Freunden und Kollegen, dann ist George alles andere als ein überzeugter Parteigänger der NSDAP gewesen. Doch Heinrich George war keineswegs ein wehrloses Opfer der national-sozialistischen Kulturpolitik wie Maser andeutet. Schauspieler und Generalintendant unter dem Hakenkreuz zu sein, das erforderte eine spezifische Mentalität, eine Mischung aus partieller Anpassung, äußerer Unterwerfung und innerer Theateremigration. Dies zusammen hat dem NS-Regime zu einem professionellen und vielgestaltigen Erscheinungsbild verholfen - und der NSDAP ihre Herrschaft mitermöglicht. Daß sich George damit in das NS-Regime verstrickte, will und kann Maser nicht begreifen. Nicht Georges Willfährigkeit gegenüber den Nazis gilt Maser als erklärungsbedürftig, sondern seine Sympathien für die Linke der Weimarer Republik. Anders Georges Ehefrau Berta Drews: "Er war weder Staatsrat noch Parteimitglied. Natürlich war er denen als Aushängeschild recht, besonders, weil er ja im Film so beliebt war. Nur er ist tot, jetzt ist er der große Sündenbock, habe ich immer manchmal das Gefühl. Und sein Sündenregister war nicht so groß. Er hat vielen geholfen. Das Schillertheater war eine Hochburg für politisch Verfolgte und Halbjuden. Da hat er natürlich auch manche entgegenkommende Geste zeigen müssen, um die retten zu können, nicht wahr."

    "Reiter auf hohem Roß, oft zu hohem Roß," schrieb Jürgen Fehling 1946 in seinem Nekrolog für Heinrich George, "zum Schluß blind vor den Nazigötzen Harfe spielend, ein armer Elefant mit altem Rüssel." Worte, die man getrost auch auf den George-Biographen Werner Maser beziehen darf.