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StartseiteWissenschaft im BrennpunktHeißer Tanz im Kältewinter21.03.2010

Heißer Tanz im Kältewinter

Wie Fehler und Verdächtigungen die Klimaforschung in eine Vertrauenskrise stürzten  

Ein mittleres Erdbeben erschüttert die Klimaforschung. Zuerst dringen Computerhacker in einen Rechner der University of East Anglia und verbreiten gestohlene E-Mails von Wissenschaftlern im Internet. Dann steht auch noch der IPCC, der Klimarat der Vereinten Nationen, am Pranger. In seinem jüngsten Report von 2007 werden gleich mehrere Fehler entdeckt; das Renommee der Weltklimainstanz ist angekratzt, das Vertrauen in den Forschungszweig sinkt auf neue Rekordtiefs.

Von Volker Mrasek

IPCC-Chef Rajendra Pachauri, hier rechts bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2008, ist mitsamt seinem Rat in die Kritik geraten. (AP)
IPCC-Chef Rajendra Pachauri, hier rechts bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2008, ist mitsamt seinem Rat in die Kritik geraten. (AP)
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Hackers steal electronic data from top climate research center.

Computer-Hacker stehlen Daten aus Top-Klima-Forschungszentrum.

Scotland Yard called in to probe climate data leak from UEA.

Scotland Yard soll Datenleck an Universität untersuchen.

Climate scientists accused of manipulating global warming data

Klimaforscher der Manipulation von Daten beschuldigt.

Independent experts officially begun inquiry into the Climategate affair.

Unabhängige Experten beginnen Untersuchung der Climategate-Affäre.

"Alles begann vor Weihnachten, vor dem Klimagipfel in Kopenhagen. Inzwischen ist daraus der Versuch geworden, die ganze Klimaforschung zu diskreditieren. Vor allem in englischen Tageszeitungen."

"Was tatsächlich passiert ist: Dass das Zutrauen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Klimaforschung, massiv eingebrochen ist. Die ursprüngliche Überhöhung der Klimaforschung, die sich etwa ausgedrückt hat in dem Nobelpreis für den IPCC, schlägt jetzt in das Gegenteil um."

2007 macht der mittlerweile 4. Bericht des Welt-Klimarates weltweit Schlagzeilen. Er überzeugt viele von der Dringlichkeit, etwas gegen weiter steigende Treibhausgas-Emissionen zu tun.

2008 ehrt die Schwedische Akademie der Wissenschaften den IPCC mit dem Friedensnobelpreis.

2009 endet der Welt-Klimagipfel von Kopenhagen zwar ohne greifbare Ergebnisse. Die Regierungen folgen aber der Wissenschaft und ihrem Rat: Sie bekennen sich zu dem Ziel, eine Erwärmung der Erde über zwei Grad hinaus möglichst zu vermeiden.

Anfang 2010 laufen plötzlich Schockwellen durch die Forschungslandschaft. Das Renommee des IPCC ist angekratzt, die Glaubwürdigkeit führender Wissenschaftler wird infrage gestellt. Einer stellt sogar seinen Posten vorläufig zur Verfügung: Phil Jones, Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia. Die englische Tagespresse schreibt von Climategate – in Anspielung auf den Watergate-Skandal, der US-Präsident Nixon zu Fall brachte.

Was ist geschehen?

Um diese Frage zu beantworten, kommt man nicht um eine kurze Chronologie des Klima-Krimis herum.

Der erste Akt spielt am genannten Forschungsinstitut in Ostengland. Es wird inzwischen von dem Physikochemiker Peter Liss kommissarisch geleitet:

"Hacker sind in einen der Backup-Rechner unserer Klimaforschungseinheit eingedrungen. Sie haben jede Menge E-Mails, Daten und Programme gestohlen. Ein Teil davon tauchte dann auf verschiedenen Internet-Seiten auf. Einige der privaten E-Mails scheinen den Eindruck zu erwecken, Klimadaten könnten nicht korrekt verwendet worden sein. Wir sind sicher, dass das nicht stimmt. Aber die E-Mails wurden so interpretiert."

Im zweiten Akt des Klima-Dramas spielt der IPCC die Hauptrolle, oder genauer: sein jüngster Sachstandsbericht aus dem Jahr 2007. Ein Mammutwerk, das aus drei einzelnen Bänden besteht, mit zusammen knapp 3000 Seiten, verfasst von drei verschiedenen Arbeitsgruppen. Und dann gibt es auch noch eine Zusammenfassung, "Synthesebericht" genannt.

Teil I des Welt-Klimareports befasst sich mit den physikalischen Grundlagen und dem Stand des Wissens über die globale Erwärmung.

Teil II lässt sich aus über die Folgen der globalen Erwärmung, jetzt und in der Zukunft.

Teil III erörtert mögliche Gegenmaßnahmen und Anpassungsstrategien.

"Der IPCC hat einzigartige Arbeit geleistet. Durch die Bewertung der verfügbaren und begutachteten Fachliteratur ist sichergestellt, dass wir mit unserem Report die beste Wissenschaft präsentieren. Der Synthesebericht war damals noch rechtzeitig zur Weltklimakonferenz in Bali fertig. Dort trug ihn jeder Delegierte wie eine Klima-Bibel bei sich."

So äußerte sich der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri bei verschiedenen Gelegenheiten über den aktuellen Sachstandsbericht. So auch auf einer Fachkonferenz in Kopenhagen im Frühjahr 2009. Heute aber zeigt sich: Zumindest eine der drei Arbeitsgruppen hat es an der attestierten wissenschaftlichen Exzellenz fehlen lassen:

"Es geht nicht um die working group I, also die physics. Die ist in Ordnung. Aber working group II hat also eine ganze Reihe von Fehlern gemacht. Hier ist einfach nicht gut gearbeitet worden. Und am Ende ist es so, dass die Öffentlichkeit nicht unterscheiden kann zwischen dem Bereich, der working group I betrifft, und dem, der working group II betrifft. Das heißt, wir zahlen alle mit unserer Vertrauenswürdigkeit"

Hans von Storch, Direktor am Institut für Küstenforschung des GKSS-Forschungszentrums in Geesthacht und Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg.

In Teil II des IPCC-Reports finden sich Aussagen wie:

Gletscher im Himalaja ziehen sich schneller zurück als in jedem anderen Teil der Welt. Wenn die gegenwärtige [Verlust-]Rate anhält, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie im Jahr 2035 oder sogar früher verschwunden sein werden

Das ist maßlos übertrieben und zudem falsch. Gletscher in Südamerika und in Alaska schrumpfen durchaus stärker.

Die Niederlande sind ein Beispiel für ein Land, das hochgradig anfällig ist sowohl für den Anstieg des Meeresspiegels wie auch für Überschwemmungen. Denn 55 Prozent seines Territoriums liegen unter dem Meeresniveau.

Eine Verwechslung. Die Zahl wurde aus einem Bericht der niederländischen Umweltagentur übernommen. Richtig ist, dass 26 Prozent der Landesfläche unter dem Meeresspiegel liegen und 55 Prozent potenzielle Überschwemmungszone sind.

Ein kleiner, statistisch signifikanter Trend wurde gefunden, der eine Zunahme der Schäden durch Naturkatastrophen um zwei Prozent pro Jahr seit 1970 zeigt.

Eine Aussage, die sich auf eine einzelne, damals noch unveröffentlichte Studie berief. Als sie später erschien, schrieben die Autoren jedoch, für einen Zusammenhang mit der Klimaerwärmung gebe es "keine ausreichenden Belege".

"So etwas sollte man sich eigentlich nicht leisten","

urteilt Peter Lemke über den peinlichen Himalaja-Fehler. Der Physiker leitet den Fachbereich Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Und er war Hauptautor des Kapitels über Eis und Schnee, im ersten Teil des IPCC-Berichts.

""Nach meinen Informationen hat ein russischer Wissenschaftler mal eine einfache Abschätzung gemacht und hat gesagt: Wenn das so weitergeht, dann ist im Jahr 2350 das Eis im Himalaja zum größten Teil verschwunden. Und durch einen Zahlendreher ist das in irgendeinem nicht begutachteten Werk dann stehen geblieben. Und das wurde dann einfach benutzt."

Sodass der Bericht den möglichen Exitus der Gletscher am Ende ins Jahr 2035 vorverlegte. Auch das offenbart die neu entflammte Klimadebatte also. Der IPCC greift durchaus auch auf graue Literatur zurück. So nennt man Veröffentlichungen, die nicht aus Fachzeitschriften stammen und daher auch nicht den Prozess des sogenannten peer reviews durchlaufen haben - die Begutachtung durch andere Experten aus demselben Forschungsgebiet. Diese Form der Qualitätskontrolle sehen die Richtlinien für die IPCC-Berichte eigentlich vor. Doch in Teil II wurden sie nicht so strikt befolgt, etwa im Regionalkapitel über Asien. Warum, erklärt Martin Manning, Professor für Klimawandel an der Victoria University in Neuseeland, auch er Hauptautor von Arbeitsgruppe I:

"”Für Nordamerika oder Europa liegt eine Fülle qualitativ hochwertiger Klimastudien vor. Die findet man aber nicht für Südamerika oder Teile Asiens. Der IPCC will ja eine ausgewogene Analyse für die ganze Welt vorlegen. Deshalb bezieht er sich manchmal auf Berichte ohne peer review. Einige Regierungen haben gesagt: Ihr müsst das machen! Oft erscheinen Studien auch nur in der Landessprache und finden deshalb nie ihren Weg in begutachtete Zeitschriften.""

So hat jedenfalls der Himalaja-Fehler den Weg in den zweiten Teil des IPCC-Reports gefunden. Im Übrigen auch deshalb, weil es – was verwundert - keinen Austausch mit den Gletscherspezialisten aus Arbeitsgruppe I gab. Corinne Le Queré, Forscherin beim Britischen Antarktis-Dienst und Professorin für Umweltwissenschaften an der University of East Anglia:

"”Es ist ein Problem, dass die beiden Berichtsteile fast zeitgleich veröffentlicht wurden. Dadurch hatten die Experten aus Arbeitsgruppe I keine Zeit, auch noch Band II gegenzulesen. Das wird sich aber ändern. Beim nächsten IPCC-Report werden sechs Monate zwischen den Veröffentlichungsterminen liegen. Ich hoffe, dass sich Fehler dadurch minimieren lassen. Außerdem dürften dann viel mehr begutachtete Studien über Klimaauswirkungen vorliegen. Der Job für Arbeitsgruppe II wird also leichter.""

So weit ist der Welt-Klimarat aber noch lange nicht. Im Moment findet er sich im Zentrum eines mittleren Erdbebens wieder. Selbst Forscher, die dem IPCC gewogen sind, fordern Reformen, andere - vorwiegend schrille - Stimmen sogar seine Auflösung, am besten sofort. Rajendra Pachauri selbst hat die Öffentlichkeit wissen lassen, dass es eine Untersuchung durch die Vereinten Nationen geben werde. Dabei solle geprüft werden, ob der aktuelle Sachstandsbericht noch uneingeschränkt als Klima-Bibel benutzt werden könne. Und ob die aufgetretenen Fehler etwas an den Kernaussagen des Reports ändern ...

"”Darf ich unsere ersten Zeugen willkommen heißen zu dieser außerordentlichen Sitzung über die Enthüllung von Daten aus der Klimaforschungsabteilung der Universität von East Anglia. Wir begrüßen Professor Phil Jones, den Leiter der Klimaforschungsabteilung. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. - Schön, Sie zu sehen.""

Untersuchungen laufen auch in England. Dort beschäftigt die E-Mail-Affäre an der Universität East Anglia sogar das Parlament. Sein Ausschuss für Wissenschaft und Technik versucht derzeit auszuloten, was dran ist an den Vorwürfen gegen Phil Jones und die CRU. Das ist das gebräuchliche Kürzel für die Klimaforschungsabteilung der Hochschule. Die Vorwürfe an den Forscher zielen auch auf den IPCC. Denn die CRU-Studien dienen in allen bisherigen Welt-Klimaberichten als Beleg für die globale Erwärmung. Peter Liss, der kommissarische Institutschef:

"Phil Jones erstellt globale Temperaturreihen. Er war der erste Forscher, der Messdaten aus aller Welt gesammelt hat, um daraus die globale Durchschnittstemperatur zu bestimmen. Um zu sehen, was mit der Erde passiert: Erwärmt sie sich oder kühlt sie sich ab?"

Aus den E-Mails ergibt sich angeblich, dass Jones dubiose Daten chinesischer Messstationen verwendet hat. Dass sie eine Erwärmung zeigen, habe allein mit ihren Standorten zu tun: Die Temperaturdaten seien durch den städtischen Hitzeinsel-Effekt verfälscht, was aber nicht berücksichtigt worden sei. Der IPCC berufe sich bei seiner These vom Klimawandel daher auf zweifelhafte Forschungsarbeiten. So ist es in diversen Presseartikeln und Internet-Blogs nachzulesen. Allerdings: Die Studie, um die es im Wesentlichen geht, ist schon 20 Jahre alt und ein einzelnes Land kaum von Bedeutung für die Globaltemperatur. Phil Jones weist die Vorwürfe überdies vehement zurück. Und schließlich ist der Datensatz der CRU keineswegs der Einzige, auf den der IPCC seine Aussagen stützen kann. Peter Liss:

"Die CRU-Temperaturreihe ist nur eine von insgesamt vieren weltweit. Zwei Institutionen in den USA ermitteln ebenfalls die Globaltemperatur, mit einem etwas anderen Analyseverfahren. Sie kommen praktisch auf dasselbe Ergebnis. Und dann gibt es auch noch eine japanische Gruppe, die den globalen Temperaturanstieg bestätigt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Messreihen sind winzig."

Wer auch immer die E-Mails aus Norwich gestohlen und sie später im Internet ausgebreitet hat – die Klimaforscher vermuten hinter der Aktion rein politische Motive. Peter Lemke:

"Ich denke, das war eine konzertierte Aktion für Kopenhagen, für den Klimagipfel."

Nach Peter Lemkes Überzeugung ging es darum, Sand ins Getriebe der internationalen Klimaschutzverhandlungen zu streuen. Es sollte verhindert werden, dass sich die Staaten der Erde auf ambitionierte Ziele für die Einschränkung ihrer Treibhausgas-Emissionen einigen. Lemke:

"Dieser Diebstahl der E-Mails ist ja schon ein halbes Jahr vorher passiert. Das hätte man schon ins Netz stellen können im Sommer. Hat man aber nicht gemacht. Man hat gewartet bis vor Kopenhagen. Und jetzt mahlen natürlich die Mühlen der Untersuchungen in England zum Beispiel. Das dauert natürlich ein Weilchen. Und jetzt ist die Welle der Skeptiker wieder hochgekommen."

Auch der Wirbel um den Weltklimareport löst unter den beteiligten Wissenschaftlern Befremden aus. Es sind insbesondere britische Tageszeitungen, die, so scheint es, darum wetteifern, wer den nächsten Irrtum des IPCC aufspürt. Forscher berichten von Begegnungen mit Journalisten, die den Bericht von 2007 noch nie in Händen hatten und jetzt zum ersten Mal einen Blick hineinwerfen. Auf einschlägigen Internetseiten lassen sich die sogenannten Klimaskeptiker derweil genüsslich über die Fehler aus. Also jene, die die globale Erwärmung entweder ganz in Abrede stellen oder zumindest den anthropogenen - den menschlichen - Anteil daran leugnen. Martin Manning irritiert der Aufruhr:

"”Man muss sich fragen: Warum wird der Bericht gerade jetzt so genau seziert? Dazu bestand ausgiebig Gelegenheit im Zeitraum von 2005 bis 2007. Von den Berichten aller drei Arbeitsgruppen gab es jeweils zwei Entwürfe. Jeder konnte Kommentare dazu abgeben, auf die die Autoren antworten mussten. Warum hat man die Dinge nicht damals schon aufgegriffen? Warum macht man das jetzt? Ich denke, das hat mit dem Gipfel von Kopenhagen zu tun und dass manche Leute etwas gegen zügige Emissionsreduktionen haben. Sie suchen deshalb nach Ausreden.""

Die CRU, das Klimaforschungsinstitut an der Universität von East Anglia, ist schon länger im Visier von Skeptikern. Einige von ihnen verlangten beharrlich nach den Rohdaten der globalen Temperaturmessreihen. Dabei beriefen sie sich auf den Freedom of Information Act – auf das Informationsrecht der Bevölkerung gegenüber öffentlichen Einrichtungen. Peter Liss:

"”Die meisten Wissenschaftler bekommen nie solche Anfragen aus der Bevölkerung. Die CRU dagegen hat eine überwältigende Menge erhalten. Vor 2009 gab es nur sehr wenige. Aber im vergangenen Jahr hatten wir mehr als 100 Anfragen, davon 60 in einem einzigen Monat.""

Es ist nicht ganz klar, was mit der Aktion bezweckt wurde. Vielleicht spekulierten die Antragsteller auf eine Absage. Um dann behaupten zu können, die Forscher weigerten sich, ihre Daten herauszurücken. Also müsse mit ihnen etwas faul sein. Heute kursieren sogar Vorwürfe, in Norwich seien Rohdaten verloren gegangen oder vernichtet worden. Laut Peter Liss sind das grundlose Unterstellungen:

"”Es sind nie Daten verschwunden, und die CRU hat auch keine vernichtet.""

Aus den gestohlenen E-Mails ergibt sich jedenfalls, dass Phil Jones und seine Kollegen die begehrten Rohdaten den Skeptikern lieber nicht überlassen wollten. Das bringt die britischen Klimaforscher nun in Bedrängnis. Denn die Universität von East Anglia könnte damit gegen das Gesetz verstoßen haben. Eine Untersuchung des britischen Datenschutzbeauftragten dazu läuft zwar noch. Aber nach ersten, inoffiziellen Verlautbarungen hätte die Hochschule die Klimadaten wohl freigeben müssen. Mittlerweile hat sie das nachgeholt. Wobei Corinne Le Queré und Peter Liss etwas klarstellen möchten:

"Es gibt eine falsche Auffassung von dem, was die Klimaforschungsabteilung eigentlich macht. Die CRU sammelt keine eigenen Daten. Sie analysiert nur die von anderen Institutionen. Die Mehrzahl dieser Daten ist sowieso öffentlich zugänglich."

"Es gibt aber auch Wetterdienste, die sagen: Nein! Das sind unsere Daten. Wir wollen nicht, dass die veröffentlicht werden. Oft hat das kommerzielle Gründe. Aber ich denke, rund 95 Prozent der Daten, mit denen die CRU arbeitet, sind heute irgendwo veröffentlicht. Und 80 Prozent kann man allein auf der Internetseite des britischen Wetterdienstes abrufen."

Der Umgang mit Skeptikern ist für Klimaforscher sicher schwierig. Zumal mit solchen, die nicht selbst publizieren, und das sind die allerwenigsten, sondern die nur darauf aus sind, vermeintliche Fehler in den Arbeiten anderer zu entdecken. Dennoch ist eine Bunker-Mentalität hier eher kontraproduktiv. IPCC-Autor Peter Lemke rät zu größtmöglicher Transparenz auf diesem gesellschaftlich so wichtigen Gebiet:

"Alle Datensätze, die für Klimaforschung zur Verfügung stehen, die müssen auch öffentlich sein, dass auch jede Analyse nachvollziehbar ist."

Ob die Skeptiker mit den CRU-Daten am Ende überhaupt etwas Gescheites anfangen können, ist jedoch zu bezweifeln, wenn man Reinhard Böhm dazu hört. Der Meteorologe leitet die Fachabteilung für Klimavariabilität beim österreichischen Wetterdienst:

"Also in unserem Fall: Wir haben einen Datensatz geschaffen für den Großraum Alpen. Und daran haben wir 15 Jahre gearbeitet."

Es sei eine äußerst langwierige Angelegenheit, Zeitreihen zu homogenisieren, sagt Böhm. Messstationen hätten in ihrer Geschichte oft Standort und Instrumente gewechselt. Das alles müsse genau überprüft, Daten entsprechend korrigiert werden. Diese Arbeit habe sich auch das Klimainstitut in Norwich gemacht.

"Und wenn jetzt einer kommt und sagt: Er braucht jetzt die Originaldaten von vor 20 Jahren, dann kann ich ihm nur gratulieren! Dann soll er sich sehr viel Zeit nehmen dafür. Dann wird er wieder 20 Jahre sitzen, und dann kann er ’was dazu sagen, und vorher nicht. Man kann’s nicht in der kurzen Zeit machen."

"Viele fragen sich: Was ist mit dem Klimawandel? War alles ohnehin nur eine riesige Klima-Lüge?"

"Die Klima-Funktionäre in der Welt erleben im Moment ihr Waterloo."

"Das IPCC ist nicht gegründet worden als eine wissenschaftliche Vereinigung."

"In der obersten Spitze eine Fälscher- und Betrügerbande."

"Die Klimamodelle haben auch nichts mit Wissenschaft zu tun."

"Sinngemäß: Geht nur darum, Forschungsgelder einzusacken."

Eine zufällig ausgewählte Fernsehrunde aus dem Februar. E-Mail-Affäre und IPCC-Fehler haben dazu geführt, dass Klima-Skeptiker wieder salonfähig sind. Viele schießen sich nun vor allem auf Rajendra Pachauri ein, den Vorsitzenden des Weltklimarates. Aber auch Peter Lemke ist nicht glücklich darüber, wie das Genfer IPCC-Sekretariat reagierte, als der Lapsus mit dem Himalaja publik wurde:

"Das hat zu lange gedauert, bis dieser Fehler akzeptiert wurde."

Der IPCC-Spitze war schon länger bekannt, dass die Regionalkapitel in Teil II des Reports durchaus verbesserungsbedürftig sind. Dass sie beim nächsten Mal von den Experten aus Arbeitsgruppe I überprüft werden sollen – dieser Beschluss fiel schon im Oktober. Da war noch kein einziger Presseartikel über Mängel im Bericht erschienen. In der wissenschaftlichen Fachliteratur ist es üblich, auf Fehler in bereits publizierten Artikeln hinzuweisen. Hans von Storch hätte das auch vom IPCC erwartet:

"Wäre natürlich gut gewesen, wenn man das ordentlich in die Öffentlichkeit kommuniziert hätte und gesagt hätte: Bitte benutzt die Ergebnisse von working group II mit entsprechenden Vorbehalten. Eine derartige Aussage habe ich niemals gehört."

Schaden hat der Weltklimarat schließlich auch durch das Gebaren seines obersten Repräsentanten Rajendra Pachauri genommen. Im Spätherbst erschien eine neue Himalaja-Studie für das indische Umweltministerium. Als der Autor dabei der These vom Ende der Gletscher im Jahr 2035 widersprach, reagierte der IPCC-Chef äußerst unwirsch:

"Herr Pachauri hat gesagt, es ist voodoo science."

Später musste sich der Ratsvorsitzende, der selbst Inder ist, für diesen Ausfall kleinlaut entschuldigen. Die Klimaforscher müssen nun die Scherben zusammenkehren. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit ist kräftig ramponiert. IPCC-Autoren wie Peter Lemke haben schon viele unbezahlte Überstunden in die Arbeit am Weltklimareport gesteckt. Jetzt ist es wieder so weit:

"Ich bin also jede Woche mehrmals unterwegs, um dieses Bild wieder geradezubiegen oder einfach darzustellen, dass der IPCC-Bericht eine ganz wertvolle Ressource ist, die wir nutzen sollten."

Besorgte Anfragen kommen auch aus der Politik. Die Bundesministerien für Forschung und Umwelt wollen Gewissheit.

"Denn damit muss die Politik ja umgehen. Sie muss ja Entscheidungen treffen auf der Basis dieses Berichtes. Und ich habe sowohl Frau Schavan als auch Herrn Röttgen bestätigt, dass wir immer noch hinter dem Bericht stehen, dass der Bericht in den wesentlichen Aussagen unbeschädigt ist, dass er Bestand hat und dass man darauf Politik aufbauen kann."

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon reagierte jetzt. Er teilte mit, dass er die Arbeit des IPCC künftig kontrollieren lassen wolle. Von einem Rat, dem 15 Akademien der Wissenschaften angehören. Doch genügt all das, um das Vertrauen zurückzugewinnen? Späte Fehlereingeständnisse, Ehrenbekundungen und das Versprechen, es künftig besser zu machen? Oder braucht es doch mehr? Reformen - oder gar etwas anderes als den Weltklimarat? Selbst ein streitbarer Forscher wie Hans von Storch empfiehlt, den IPCC erhalten – auch wenn er ihn derzeit heftig kritisiert:

"Unbedingt! Wenn Sie sich all die Veröffentlichungen ansehen, ist das natürlich eine Art Kakophonie. Sehr vielen Ergebnissen stehen wir gegenüber. Dieses zu strukturieren, das ist ja die Aufgabe vom IPCC. Dies ist eine Dienstleistung, die meiner Meinung nach von ganz großer Bedeutung ist."

Dem Hamburger Meteorologie-Professor sind allerdings manche Aussagen im aktuellen IPCC-Report zu summarisch, wie er sagt. Von Storch rät dazu, Fakten wie auch Unsicherheiten künftig klar zu benennen:

"Wir sollten schon sagen, was stimmt. Und was ist strittig. Also auch darzustellen, in welchem Maße sind das strittige Aussagen. Ich würde also zum Beispiel sagen: Hurrikan- und Grönland-Entwicklung sind strittige Aussagen. Jetzt noch. Kann sein, dass wir das in zehn Jahren nicht mehr sagen. Und da kann der IPCC sich auch wesentlich besser bewähren, indem er nämlich sagt nicht nur: Was ist der Konsens. Sondern was ist der Konsens über den Dissens. Also da würde ich mir wünschen, dass die Dienstleistung noch ein bisschen besser wird."

Von Storch ist ein respektierter Wissenschaftler. Mit provokanten Äußerungen eckt er aber bei vielen seiner Kollegen an. Er nennt sie schon mal "Alarmisten" und wirft ihnen vor, bevorzugt düstere Klimaszenarien zu zeichnen und damit die Politik beeinflussen zu wollen, was eigentlich nicht die Sache von Wissenschaftlern sei. Ein Seitenhieb vor allem auf das PIK, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Es berät die Bundesregierung in Klimafragen. Beim PIK verwahrt man sich allerdings gegen Vorwürfe der Übertreibung. Man äußere sich nicht anders als die große Mehrzahl renommierter Klimaforscher und verweise durchaus auf bestehende Unsicherheiten. Wie auch immer. Von Storchs Vorschlag ist es vermutlich wert, unvoreingenommen geprüft zu werden. Ginge man offener mit den Unsicherheiten der Klimaforschung um, so die Idee, ließe sich auch der Dauerkonflikt mit den Skeptikern entschärfen:

"Wir hören das ja seit zehn Jahren: Du darfst dieses und jenes nicht sagen, weil sonst die Skeptiker das missbrauchen. Das bringt es nicht! Wir müssen agieren, als gäbe es die Skeptiker nicht. Und die werden dann ab und zu mal ein Störfeuer loslassen. OK, fein! Müssen wir mit leben. Und wir müssen am Ende durch gute Argumente da durchkommen. Und die Skeptiker sind natürlich in gewisser Hinsicht auch nützlich. Es sei denn, es sind eben diese Leute, die sagen: Ich weiß, alles ist falsch. Und Argumente zählen nicht."

Die heutige Klimaforschung bewegt sich in einem politischen Spannungs- und Minenfeld, wie man jetzt wieder sieht. Reinhard Böhm vom österreichischen Wetterdienst, ebenfalls ein angesehener und doch streitbarer Meteorologe, drückt sich da noch pointierter aus:

"Es ist ja so wie meistens, wenn die Klimawandel-Leugner etwas sagen: Meistens treffen sie einige wunde Punkte, die die Wissenschaft hat. Wenn die Wissenschaft normale Wissenschaft wäre, sind diese wunden Punkte ja normalerweise Ansporn für neue Untersuchungen. Das passiert ja auch. Nur, wenn man sich natürlich weltanschaulich verbarrikadiert hat mit seinen Aussagen, dann hat man es schwer, davon loszukommen. Und deswegen konnte diese Climategate-Affäre so groß werden."

"Statt die Zeitungen zu lesen und zu denken 'Oh, mein Gott!', sollte jeder, den nun Zweifel plagen, lieber ins Internet gehen und selbst einen Blick in den IPCC-Report werfen."

Dann, so Corinne Le Queré von der Universität in Norwich, werde man erkennen, wie hoch die Qualität des Reports und wie ausgewogen er verfasst sei. Ansonsten könnte man einen Blick auf die Meldungen werfen, die aus der Wissenschaft eingehen, seit der Weltklimareport erschienen ist. Das ist immerhin schon drei Jahre her. Die jüngeren Studien bestätigen, dass die Grundaussagen des IPCC zur globalen Erwärmung weiterhin gültig bleiben. Trotz der heiß diskutierten E-Mail- und Fehler-Enthüllungen.

Peter Lemke:

"Bei uns zum Beispiel aus den Daten in Kapitel 4 ist klar, dass die Himalaja-Gletscher in der Masse abnehmen, dass sie schmelzen. In einigen Bereichen ist es so, dass Gletscher noch zunehmen. Aber die sind ganz in der Minderheit. Die Masse der Gletscher nimmt ab."

Martin Manning:

"Viele Wissenschaftler sagen, dass die Probleme sogar ernster sind als im letzten IPCC-Report geschildert. Verschiedene Forschergruppen haben zum Beispiel ihre Abschätzungen für den Meeresspiegelanstieg verdoppelt. Sie berücksichtigen jetzt auch Eisverluste an den Polen, sodass man besser mit einem Zuwachs von 50 bis 150 Zentimetern in diesem Jahrhundert rechnen sollte.”"

Corinne Le Queré:

""Die Erwärmung des Klimas ist unzweideutig! Warum steht das im letzten Sachstandsbericht? Weil die Ozeanographen kamen und sagten, das Meer erwärmt sich. Die Atmosphärenforscher berichteten das Gleiche. Und dann war klar, dass auch Eiskappen und Gletscher schmelzen. Es ist so offensichtlich, weil die Indizien aus so vielen Richtungen kommen."

Peter Liss:

"Die Leute, die den Klimawandel leugnen, tragen eine sehr große Verantwortung. Sie wollen uns glauben machen, dass das Klimasystem normal weiter funktioniert, obwohl wir Unmengen Treibhausgase hineinpumpen. Liegen sie falsch, dann werden unser Planet und die Menschen, die darauf leben, schwer dafür büßen."

Peter Lemke:

"Das liegt nicht in der Natur der Klimaforscher, dass sie sozusagen einen Krieg führen gegen die Skeptiker. Wissenschaft stellt sich immer selbst infrage. Wenn wir das natürlich aber in der Öffentlichkeit sagen, dann denken die natürlich: Das verstehen wir überhaupt nicht. Wir müssen doch einmal wissen, was die Wahrheit ist, und dann Punkt, fertig. Aber so ist das nicht. Wissenschaft ist nie fertig. Ich möchte schon manchmal wie ein Radioastronom Schwarze Löcher untersuchen, ohne dass ich andauernd mich verteidigen muss, dass das etwas Vernünftiges ist."

  

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