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StartseiteKalenderblattMit Engelsstrenge und Eigensinn05.06.2014

Helene ThimigMit Engelsstrenge und Eigensinn

Vor 125 Jahren wurde die österreichische Schauspielerin Helene Thimig geboren. In Berlin eroberte sie das Publikum und lernte Max Reinhardt kennen, dessen Frau sie wurde. Nach dem Krieg widmete sie sich dem Erbe Max Reinhardts und inszenierte den "Jedermann" an den Salzburger Festspielen in seinem Geiste.

Von Eva Pfister

Die österreichische Schauspielerin und Frau von Max Reinhardt, Helene Thimig, aufgenommen am 22.10.1962.  (picture alliance / dpa / Votava)
Die österreichische Schauspielerin und Frau von Max Reinhardt, Helene Thimig. (picture alliance / dpa / Votava)

In ihren Bühnenrollen als Mädchen und junge Frauen bezauberte sie das Berliner Publikum, die zarte, blonde Wienerin Helene Thimig. Sechs Jahre lang war sie am Königlichen Schauspielhaus engagiert, bis sie 1917 ans Deutsche Theater von Max Reinhardt wechselte. Dort wurde sie seine Protagonistin - und seine Lebensgefährtin. Er ließ sie die "Rosalind" in Shakespeares "Wie es euch gefällt" spielen, die "Stella" in Goethes Dreiecksdrama, Ophelia in "Hamlet", das Gretchen in Goethes "Faust". Dass sie nicht nur zart, sondern auch herb leidenschaftlich sein konnte, zeigt eine Funkaufnahme von Friedrich Hebbels "Maria Magdalena" aus dem Jahr 1932, in der Helene Thimig die Verzweiflung der schwangeren Klara erschütternd zum Ausdruck brachte: 

"Mein Vater schneidet sich die Kehle ab, wenn ich - heirat mich! - Dein Vater - Er hats geschworen! Heirat mich, nachher bring mich um!"

Eine Mischung von "Härte und Kindlichkeit", von "Engelsstrenge und Eigensinn" sah der Kritiker Stefan Grossmann im Spiel der jungen Thimig. Viele Jahre später zitierte die Schauspielerin diese Einschätzung in ihrer Autobiografie, so sah sie sich auch selbst.

Am 5. Juni 1889 wurde Helene Thimig in Wien geboren. Wie ihr Vater Hugo Thimig, wie ihre Brüder Hans und Hermann ging sie zur Bühne, aber erst nach langen Zweifeln und inneren Kämpfen, denn sie war ein eigenartig verschlossenes Kind.

"Ich war wahnsinnig schüchtern, fürchterlich schüchtern als Kind war ich pathologisch schüchtern. Man hat gesagt, ich bin verblödet!"

Helene wollte ein eigenes Zimmer haben, um nachdenken zu können, als junges Mädchen verschrieb sie sich exerzitienähnliche Meditationen. Fast religiös war ihr Verhältnis zum Theater, und dieser heilige Ernst verband sie auch mit Max Reinhardt, mit dem sie nächtelang über die Kunst der Menschendarstellung reden konnte. Die beiden verfolgten sogar das Projekt eines Schauspielerklosters, in dem Theaterleute sich ganz ihrem Spiel hingeben sollten. Daraus wurde nichts, dafür gründete Reinhardt 1920 die Salzburger Festspiele mit Hofmannsthals mittelalterlichem Spiel vom Sterben des reichen Mannes: "Jedermann".

1938 folgte Helene Thimig ihrem jüdischen Mann ins amerikanische Exil. Es waren für beide bittere Jahre. Reinhardt konnte in Hollywood weder als Theater- noch als Filmregisseur Fuß fassen. Er gründete eine Schauspielschule, überließ die Leitung aber zunehmend seiner Frau, die auch kleine Filmrollen spielte. Er selbst versuchte in New York noch einmal erfolglos ein Ensembletheater aufzubauen und starb dort am 31. Oktober 1943.

Nach dem Krieg kehrte Helene Thimig nach Österreich zurück; sie spielte wieder im "Jedermann" und übernahm für mehrere Jahre die Inszenierung. Obwohl sie eine neue Ehe einging und eine eigene Karriere, auch als Schauspiel-Lehrerin aufbaute, wurde sie doch meist als Witwe von Max Reinhardt wahrgenommen und immer wieder zu ihm befragt:

"Von allen Arbeiten, die ich von Regisseuren bisher gesehen habe, ist er menschlich für den Schauspieler doch absolut der Wärmste gewesen. Er hat wirklich die Schauspieler geliebt und hat sie dadurch unbeschreiblich beflügelt und frei gemacht."

Sogar ihre Memoiren schrieb Helene Thimig in erster Linie über ihren ehemaligen Mann. "Wie Max Reinhardt lebte - eine Handbreit über dem Boden" heißt das Buch, in dem sie aber auch verriet, dass sie nicht nur glücklich war als Partnerin des berühmtesten Regisseurs seiner Zeit. Reinhardt war ein "sanfter Despot", schrieb sie, der sie von ihren Kollegen isolierte und sie nur Rollen spielen ließ, die er für gut befand. Eine kleine Rebellion leistete sie sich in den Dreißigerjahren am Wiener Theater in der Josefstadt, das ihr Mann damals leitete. In seiner Abwesenheit setzte sie ihre Traumrolle der Iphigenie durch. Reinhardt habe ihr das nur halb verziehen.

Bis in ihr 85. Lebensjahr stand die Kammerschauspielerin in Wien auf der Bühne. Am 7. November 1974 starb Helene Thimig, mehrfach ausgezeichnet und von ihren Schülern verehrt.

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