Archiv


Helfer mit Janus-Kopf

Eine ausgewogene Ernährung hat keine Nebenwirkungen, ein Zuviel an Pillen und Dragees möglicherweise doch. Wer Nahrungsergänzungsmittel nimmt, sollte sie mit Vorsicht genießen, denn immer wieder zeigen Studien, dass die gezielte Einnahme von Vitaminen keine oder auch paradoxe Wirkungen haben kann.

Von Arndt Reuning |
    Es hatte ein Vorzeige-Projekt werden sollen. Über 35.000 Männer haben an der SELECT-Studie teilgenommen, die der Frage nachging, ob Vitamin E und das Spurenelement Selen vor Prostata-Krebs schützen. Im Jahr 2001 war der Startschuss für das Projekt gefallen, im Jahr 2013 hätte es enden sollen. Nach einer Zwischenauswertung im vergangenen September kam nun vor gut zwei Wochen das vorläufige Aus. Das National Cancer Institute rief die Teilnehmer dazu auf, die Nahrungsergänzungsmittel abzusetzen, sagt Mary Frances Picciano von den National Institutes of Health in Bethesda.

    "Es gab keine Belege dafür, dass sich das Risiko für Prostata-Krebs auf diese Weise senken ließ. Interessant ist: Bei zurückliegenden Studien ist es vorgekommen, dass wir die Teilnehmer nach dem Ende der Untersuchung noch weiter begleitet haben. Und dass wir doch noch eine gewisse Wirksamkeit haben nachweisen können. Aber in einer frühen Phase der Studie haben wir das nicht bemerkt. Und auch hier: Die Teilnehmer bleiben weiter unter Beobachtung, auch wenn die Studie abgebrochen worden ist."

    Bei den Männern, die nur Vitamin E eingenommen hatten, war das Krebsrisiko sogar leicht gestiegen. Allerdings nicht signifikant, so dass es sich vielleicht einfach nur um ein statistisches Aufflackern handelt, das nichts zu bedeuten hat. Dennoch zeigt der unerwartete Ausgang der SELECT-Studie, dass selbst Experten nicht immer abschätzen können, ob ein Nahrungsergänzungsmittel vor Krebs schützt.

    Ähnlich widersprüchlich sieht es zum Beispiel bei anderen Vitaminen aus, bei Folaten. Diese Naturstoffe kommen zum Beispiel in Tomaten, Getreide und in manchen Kohlsorten in höheren Mengen vor. In Tabletteform wird vor allem die Folsäure verkauft, die besonders haltbar ist und ähnlich wirkt wie die natürlichen Folate. Bei Schwangeren kann sie zu Beispiel dabei helfen, bestimmte Missbildungen der werdenden Kinder zu verhindern. Unabhängig davon schützen Folate auch vor Krebs, wie der Mediziner Joel Mason von der Tufts University in Boston erklärt.

    "Es gibt mittlerweile viele, viele epidemiologische Studien aus allen möglichen Teilen der Welt, die darauf hinweisen, dass Menschen, die mit Folaten unterversorgt sind, auch ein deutlich höheres Darmkrebsrisiko haben. Das scheint auch für andere Krebsarten der Fall zu sein, wie für Brustkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und so weiter."

    Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn bei manchen Menschen kann ein Übermaß an diesen Nahrungsergänzungsmitteln das Darmkrebs-Risiko paradoxerweise erhöhen.

    "Die Wahrscheinlichkeit dafür ist bei jenen Personen am höchsten, deren Körper bereits Krebs-Vorläuferzellen beherbergt – ohne dass sie davon wissen. Das bekannteste Beispiel dafür ist das Darm-Adenom, ein Darm-Polyp. Die kommen ungefähr bei der Hälfte aller Menschen vor, die fünfzig Jahre alt sind."

    Neben dem Alter spielt die Dosis natürlich auch eine wichtige Rolle für das Gefahrenpotential. Die Folat-Mengen, die in Gemüse vorkommen, schützen auf alle Fälle vor Krebs, betont Joel Mason. Bei Nahrungsergänzungsmitteln kann es allerdings anders aussehen.

    "In den USA enthält ein typisches Multivitamin-Präparat vierhundert Mikrogramm Folsäure. Meine Meinung ist: Wer mehr als diese Menge einnimmt, der läuft Gefahr, dass er anfällig wird für diesen Krebs beschleunigenden Effekt "

    Allerdings gibt es bisher noch keine gesicherten Erkenntnisse über den genauen Zusammenhang von Dosis und Wirkung, der zudem auch noch individuellen Schwankungen unterliegt. Die Botschaft vieler Konferenzteilnehmer daher: Eine ausgewogene Ernährung hat keine Nebenwirkungen, ein Zuviel an Pillen und Dragees möglicherweise doch. Wer auf Nahrungsergänzungsmittel angewiesen ist, sollte sie also – mit Vorsicht genießen.