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StartseiteForschung aktuellHelicobacter: ein Bösewicht, der auch Gutes tut29.07.2002

Helicobacter: ein Bösewicht, der auch Gutes tut

Medikamente oder Impfung gegen Helicobacter sind nicht immer sinnvoll.

<strong> Medizin. - Zum ersten Mal treffen sich alle Wissenschafter, die die kleinsten Lebewesen erforschen, zu einer gemeinsamen weltweiten Tagung in Paris. Über 4000 Bakteriologen, Virologen und Mykologen sind dort zur Zeit bei der Konferenz ''Welt der Mikroben'' versammelt. Einem Bakterium, das im Magen lebt, gehört ihr besonderes Interesse. Es heißt Helicobacter Pylori. Vor zwanzig Jahren wurde es entdeckt. Mit Antibiotika lässt sich Helicobacter heute erfolgreich bekämpfen und demnächst, so hoffen viele, auch mit einer Impfung. Neue Forschungsergebnisse lassen allerdings am Sinn einer solchen Impfung zweifeln. </strong>

Von Michael Lange.

Helicobacter ist ein magenschädliches Bakterium. Es nistet sich in der Magenschleimhaut ein und greift die Zellen an. Dies führt vielfach zu Magenentzündungen, manchmal zu Magengeschwüren und gelegentlich zu Magenkrebs. Stolz berichten deshalb viele Ärzte über ihre Erfolge mit Antibiotika, die den Helicobacter abtöten und letztlich ausrotten könnten. Andere setzen auf eine Impfung, und machen nach einigen Rückschlägen nun Fortschritte.

Eine nicht nur positive Entwicklung, meint Martin Blaser, Mikrobiologieprofessor an der New York University. Denn der Magenkeim Helicobacter habe auch seine guten Seiten.

Es gibt vorläufige Daten, und sie werden deutlicher, dass Helicobacter die Speiseröhre schützt.

Menschen ohne Helicobacter leiden häufiger unter Entzuendungen der Speiseröhre oder Reflux-Krankheiten, bei denen ein übermäßiger Rückfluss von Magensaft in die Speiseröhre entsteht. Auch kommt es häufiger zu Speiseröhren-Krebs, so der New Yorker Martin Blaser in Paris.

Ich mache mir Sorgen: Wenn wir jeden impfen, um Magenkrebs zu verhindern, dann werden wir in zwanzig oder vierzig Jahren beim Speiseröhren-Krebs eine Epidemie haben.

Das bedeute allerdings nicht, dass niemand gegen Helicobacter behandelt werden sollte, so Blaser. Es komme vielmehr darauf an, die richtigen Personen zu impfen oder zu behandeln:

Wenn eine Impfung nützlich sein soll, müssen wir herausfinden, welche Personen wirklich ein hohes Risiko tragen, krank zu werden. Wir glauben, dass verschiedene Faktoren des Wirtes, das Risiko verdoppeln, verdreifachen oder vervierfachen.

Die ersten genetischen Risikofaktoren bei Menschen, die den Keim in sich tragen, haben die Wissenschaftler bereits entdeckt. Auf der Tagung ''Welt der Mikroben'' in Paris wurde darüber diskutiert. Wie es scheint leben insbesondere in Ostasien viele Menschen, die gleich mehrere genetische Risikofaktoren besitzen. Martin Blaser:

Möglicherweise addieren sich die Risikofaktoren . Allerdings in der Art, dass zwei plus zwei neun ergibt oder zwei plus zwei gleich fünfzehn.

Stück für Stück durchschauen die Wissenschaftler die komplizierte Mathematik des Magenkeims Helicobacter. Vielleicht können sie demnächst das Risiko jedes einzelnen Trägers errechnen. Dazu brauchen sie aber auch Informationen über die Ernaehrung des Betroffenen und die Bakterien selbst, sagt Blaser:

Aktuelle Arbeiten, auch bei uns im Labor, haben gezeigt, dass der Bakterienstamm, den jemand im Magen trägt, mitentscheidet, ob tatsächlich ein Krankheitsrisiko besteht. Es gibt unterschiedliche Helicobacter Stämme je nach Region. Wenn Sie einen Helicobacter-Stamm untersuchen, können Sie sagen, woher der Mensch stammt, in den er lebt.

Und wenn der Arzt Bakteriendaten und Patientendaten zusammengibt, kann er entscheiden, ob es sinnvoll ist, Helicobacter zu bekämpfen oder nicht. Denn er weiß, was überwiegt: der Schaden für den Magen oder die Wohltaten für die Speiseröhre.

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