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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Henryk M. Broder: Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror.25.03.2002

Henryk M. Broder: Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror.

Berlin Verlag 2002, 160 Seiten, Euro 14,90

<strong> Die militärische Reaktion der USA und ihrer Verbündeten auf die Ereignisse des 11. September 2001 stieß in Deutschland bei vielen politisch linksstehenden und/oder friedensbewegten Mitbürgern bekanntermaßen auf strikte Ablehnung. Zuweilen kulminierten die erbitterten Diskussionen gar in der These, die Vereinigten Staaten hätten sich letztendlich durch ein jahrzehntelanges arrogantes Supermacht-Gebaren das Inferno von Manhattan selbst zuzuschreiben. Der Publizist Henryk M. Broder war einer der ersten, der diese Denkweise in einem im "SPIEGEL" erschienenen Essay geißelte. Nun hat Broder die deutschen Debatten in den Monaten danach in einem 160-seitigen Buch mit dem Untertitel "Die Deutschen und der Terror" subsumiert und kommentiert.</strong>

Rainer Burchardt

Hätte sich der Autor doch beschieden mit einem Essay. So aber hat der begnadete Polemiker Henryk M. Broder offenbar irrtümlicherweise geglaubt, seinen Frust über die öffentliche Diskussion in Deutschland zum 11. September 160 Seiten abarbeiten zu müssen. Herausgekommen ist zwar eine gut lesbare und bisweilen auch spannende, hin und wieder sogar originelle Kommentierung deutscher Befindlichkeiten in der Krise, wie der Verlag schreibt. Leider jedoch mit einer nervigen Redundanz, und dies ist vor allem das Fatale, eigentlich garniert mit dem mehr oder weniger deutlichen Urteil, alle reden Quatsch, nur ich habe Recht. Das ist man von Broder zwar gewöhnt, aber dieses hätte der Spiegel-Autor auch mit einem zweiseitigen Essay ausreichend sagen können. Oder, um sein Motto dieses Buches nach Karl Krauss anzuführen: "Mein Herr, wenn Sie nicht schweigen, werde ich Sie zitieren." Schon ziemlich weit vorn fasst Broder die Botschaft seines Buches zusammen:

Die friedensbewegten Deutschen taten so, als redeten sie über Afghanistan, tatsächlich redeten sie über ihr Land und ihre Geschichte. Sie verurteilten die Bombardierung der afghanischen Städte, um rückwirkend gegen die Luftangriffe auf Dresden und Hamburg zu protestieren, sie solidarisierten sich mit den Opfern von heute, um darauf hinzuweisen, dass sie gestern Opfer der gleichen Mächte wurden. Dabei übersahen sie einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: dass die Afghanen offenbar bereit waren, einen Preis für ihre Befreiung zu bezahlen. Jede Verurteilung des Terrors und der Anschläge wurde mit einem 'Aber' verbunden, das auf die Mitschuld der Opfer zielte. Haben die Amerikaner durch ihre Politik die Taten nicht selber herbeigeführt? Haben sie nicht die Militärs in Chile unterstützt, das Klimaabkommen von Kyoto boykottiert und die ganze Welt mit Hamburgern kontaminiert? Man war natürlich gegen den Terror, aber noch mehr war man dagegen, die Terroristen zu jagen, denn dies würde sie und ihre Sympathisanten nur zu weiteren Aktionen reizen. Deswegen kam es darauf an, sich von den Opfern zu distanzieren und Verständnis für die Täter zu demonstrieren, die aus Verzweiflung über den Zustand der Welt gehandelt hatten. Die guten Deutschen kapitulieren präventiv, um nicht angegriffen zu werden. Das war es also, was sie aus der Geschichte gelernt hatten. Nicht 'Wehret den Anfängen!', sondern: Wenn man sich beizeiten bei den Tätern anbiedert, hat man vielleicht eine Aussicht, verschont zu bleiben. Was in den Wochen nach dem 11. September in Deutschland gesagt und geschrieben wurde, verdient es, festgehalten zu werden als eine Art Krankengeschichte der unheilbar Gesunden. Es waren Passionsspiele der kommentierenden Klasse. Die Hysterie jener Tage hat sich gelegt, die Sehnsucht nach dem totalen Frieden ist geblieben. Sie wird sich wieder artikulieren. Demnächst im deutschen Theater.

Dabei nimmt Broder vor allem jene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ins Visier, die mehr oder weniger überzeugend gewissermaßen die verbalen Ornamente aller öffentlich erörterten Moralthematik sind. Dazu allerdings zählt der Autor Henryk M. Broder selbst auch. Und nach der Lektüre des Buches hat sich für mich schon der Verdacht bestätigt, dass hier jemand einen mehr oder weniger intellektuellen Rundumschlag vollzogen hat, der sich möglicherweise bislang nicht genug zu Gehör bringen konnte. Das ist ja noch nachzuvollziehen. Ärgerlich wird die Sache allerdings, wenn Broder, der ein militanter Verfechter der israelischen Sache ist, immer wieder die nach meiner Meinung unzulässige Parallele zur Judenverfolgung durch die Nazis oder auch aktuell die Palästinenser-Frage serviert. Er geriert sich hier wie ein Oberkellner an den Stammtischen der Reaktion, mal trägt er zu dick auf und dann wieder Ungenießbares. Etwa, wenn er mit Schaum vor dem Mund über den Moraltheologen Drewermann herfällt, der es ihm besonders angetan hat. Selbst eine Hörertelefonsendung mit Drewermann reicht ihm da schon aus, um die Meinung, die Anschläge in New York und Washington seien "Massenmorde", als Beweise enttäuschter Liebe und mit Liebe zu bewerten:

Wie sehr müssen die Nazis die Juden geliebt haben, wie sehr haben sie sich danach gesehnt, mit am Shabbat-Tisch sitzen zu dürfen, bevor sie abgewiesen wurden und deswegen zu irrsinnigen Aktionen greifen mussten... So geht ein Tag sinnvoll besinnlich zu Ende. In New York qualmen die Trümmer, und in Paderborn dampft der Drewermann.

Es ist leicht zu durchschauen, dass Broder angewidert ist von der landauf, landab ja eigentlich global geforderten Ursachenerforschung des Terrorismus auch und gerade gegen Amerika. Nicht einmal im Ansatz lässt Broder sich darauf ein, etwa die schon im oft zitierten Bericht der Nord-Süd-Kommission unter Willy Brandt genannten Probleme der Dritten Welt auch nur als im Ansatz diskussionswürdig anzuerkennen. Auch hier eine Kostprobe des selbstgerechten Polemikers Henryk M. Broder bei der Rezension einer Fernseh-Talk-Show mit Biolek, Drewermann und dem Islam-Forscher Lüders:

Selbst Karl May hätte die Lage nicht besser analysieren können. Die arabischen Massen sind frustriert und laufen den Fundamentalisten nach, weil die Amerikaner ihnen die Demokratie nicht frei Haus liefern. Mit ein bisschen Geld und ein bisschen Liebe könnten die Amis die Herzen der Menschen in der arabisch-muslimischen Welt erobern, die derzeit den Mangel an Menschenrechten und Demokratie dadurch kompensieren, dass sie die amerikanische Fahne verbrennen und 'Tod für Amerika!' schreiben. Hass ist, das sagt auch der Paderborner Moraltheologe, enttäuschte Liebe, und wie sehr die Amerikaner in der arabisch islamischen Welt geliebt werden, kann man an dem Hass ermessen, der ihnen entgegenschlägt. Wenn Lüders mit der Wasserpfeife fertig ist, wird er sich einen arabischen Kaffee bestellen und dann aus dem Kaffeesatz weitermachen.

Und so rechnet Broder genüsslich mit allem und jedem ab, das auch nur ansatzweise nach Ursachenforschung duftet. Für ihn sind auch jene, die etwa die Militäreinsätze in Afghanistan kritisieren, weltfremde und verlogene Moralisten, die keine Ahnung von den wahren Zuständen dieser Welt haben, der Broder-Welt wohlgemerkt. Ob Drewermann, Schorlemmer, Grass, der Modeschöpfer Joop, Friedensforscher, linke Schriftsteller und Forscher, sie alle bekommen ihr Fett weg. Broder weiß es eben besser. Er unterstellt jedem Differenzieren der Mordanschläge in New York und Washington die Exkulpation, ja sogar die Rechtfertigung.

Wie immer in solchen Fällen sprachen die deutschen Gutmenschen vor allem über sich selbst, ihre Ängste, ihre Gefühle, ihre Betroffenheit angesichts einer akuten Krise; sie hatten es entweder nicht mitbekommen oder nicht wissen wollen, wie die afghanische Bevölkerung von den Taliban terrorisiert wurde, denn dieser Terror blieb für das Lebensgefühl der Friedensfreunde ohne Folgen. Wer auch immer im Fußballstadion von Kabul erschossen oder aufgehängt wurde, man konnte in der Lüneburger Heide und am Bodensee weiter in Ruhe seinen Rotwein trinken und über Kulturpolitik palavern. Erst mit der Intervention der Amerikaner wurde es ungemütlich, kam ein Gefühl von Bedrohung auf. Statt in Deckung zu gehen, erklärte die Bundesregierung sich mit den Amis solidarisch und lenkte so die Aufmerksamkeit und den Zorn der Terroristen auf Deutschland. Das vor allem war es, was die Friedensfreunde um den Schlaf brachte und auf die Straße trieb. Es war die breiteste Moralparade seit den Tagen des Golfkrieges, als weiße Bettlaken von der radikalen Entschlossenheit Zeugnis ablegten, die deutsche Unschuld retten zu wollen.

Dies alles in 16 Kapiteln, die letztlich, jedes für sich, stets dieselbe Quintessenz haben. 1. Die Deutschen sind feige und komplexbeladen. 2. Die Ursachen des Terrorismus sind weniger interessant. Das Palästina-Problem hat damit so gut wie nichts zu tun. 3. Talk-Shows, Podiumsdiskussionen und Äußerungen Prominenter sind schon a priori blöd und 4. nur einer hat Recht, das ist Henryk M. Broder.

Schützenhilfe bekommt er denn auch allenfalls von Reinhard Mohr, dem er zuvor natürlich als einzigem eine gewisse Relevanz zuordnet mit einem Nachwort. Mohr schreibt:

All die obskuren pseudotheoretischen Abwehrreflexe, unter denen der Muff von dreißig Jahren moderte, waren, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, durchaus repräsentativ für eine intellektuelle Klasse, die die Differenzierung des Denkens immer nur bei anderen einklagt, während sie selbst dummen Verschwörungstheorien und billigen Klischees vom amerikanischen 'Cowboy' anhängt, der angeblich gar nicht genug kriegen kann vom Schießen und Bomben. Nicht der öffentliche Streit über die tatsächlichen Entwicklungen am Ort des Geschehens, nicht die sehr realen Probleme, Gefahren und Perspektiven standen hier im Mittelpunkt, sondern ein Gespensterdiskurs, der im Spukschloss der Vergangenheit spielte.

Recht hat Mohr, wenn er schreibt, die Reaktionen auf den 11. September, die Henryk M. Broder auf ebenso brillante wie pointierte Art zusammengestellt und kommentiert habe, mögen auf manche Leser wie reine, ja bösartige Erfindungen wirken. Doch die Zitate stimmen. So weit, so gut. Das daraus zusammengeschusterte Buch von Broder indessen ist keineswegs geeignet, einen hilfreichen intellektuellen Diskurs in Gang zu setzen, geschweige denn zu bestreiten.

Rainer Burchardt über: Henryk M. Broder: Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror. Berlin Verlag, 160 Seiten für Euro 14,90.

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