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Herausforderung Salafismus

Eine Tagung der Evangelischen Akademie in Bonn beschäftigte sich mit dem extremistischen Islamismus in Deutschland: Die verschiedenen Gruppen suchen den Dialog, gerade weil Extremismus für alle Glaubensrichtungen ein Problem ist.

Von Peter Leusch | 27.09.2012

"In dem Moment, als die Pro-NRW-Gruppe angereist war und ihre Karikatur hochhielt, gab es ein Signal von einem der älteren Muslime, der war durch entsprechende Kleidung zu erkennen. In dem Moment, als der seinen Stock hochhielt, ging der Krawall los im eigentlichen Sinne, da wurde mit Steinen geworfen. Und man prügelte auch auf die Polizei ein, in der Vorstellung, die Polizei schütze Pro-NRW."

Elisabeth Thissen, Dialogbeauftragte des evangelischen Kirchenkreises Bad Godesberg-Voreifel, schildert den Ausbruch der Gewalt am 5. Mai diesen Jahres in Bonn. Hunderte radikalislamische Salafisten, aus ganz Deutschland angereist, lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei. 29 Beamte wurden verletzt. Provoziert worden aber war die Gewalteskalation von der rechtspopulistischen Pro-NRW. Sie hatte gerichtlich eine Kundgebung vor der König-Fahd-Akademie durchgesetzt, bei der sie Mohammed-Karikaturen des dänischen Zeichners Kurt Westergaard zeigte. Die Polizei hatte im Vorfeld unterschätzt, was sich hier zusammenbraute, ebenso wie der Rat der Muslime, der zur friedlichen Gegendemonstration aufgerufen hatte und nun erleben musste, wie Krawallmacher die Szene bestimmten und ein Hassprediger das Mikrofon eroberte.

"Dieser Prediger, der da aufgetreten ist, wurde abgewürgt, wurde gestoppt in seiner Rede, der hat auch den Versuch gemacht, ein zweites Mal zu reden. Das hat man nicht zugelassen, dass er in die Islamistenszene oder Salafisten-Szene, wenn man diese Begriffe verwenden will, gehört, wurde im Nachhinein bekannt, also, dass er unter Experten ein bekanntes Gesicht ist."

Der Gewaltexzess in Bonn blieb nicht der Einzige in diesem Jahr, an dem Salafisten beteiligt sind. Und das Schmähvideo über Mohammed heizt die Situation weiter an. Doch wer sind eigentlich diese Salafisten? Was ist Salafismus? Aladdin Sarhan, Islamwissenschaftler an der Universität Witten-Herdecke, hat über diese Strömung im sunnitischen Islam geforscht.

"Was alle Salafisten verbindet, ist ein Grundsatz. Dieser Grundsatz besagt die Befolgung des Koran und der Sunna, also der Prophetentradition, anhand des Verständnisses der ersten drei Generationen von Muslimen. Der Salaf, derjenigen Muslime, die in den ersten zwei Jahrhunderten der islamischen Zeitrechnung, der Hedschra, gelebt haben und die Grundlagen des Islam überliefert haben."

Die Salafisten, ursprünglich eine fundamentalistische Reformbewegung im Islam, praktizieren ein buchstabengetreues Verständnis des Koran. Religion ist für sie nicht nur ein Glaubenssystem, so Aladdin Sarhan, sondern eine Ordnung, die das gesamte private und öffentliche Leben bestimmt. Die westliche Gesellschaft jedoch mit ihren Freiheiten, mit ihrer Trennung von Staat und Religion lehnen sie ab. Allerdings innerhalb des salafistischen Spektrums mit unterschiedlicher Konsequenz: Das reicht von einer friedlich bleibenden Abschottung gegenüber der westlichen Gesellschaft bis hin zu gewaltbereiten Gruppen, die zum Dschihad, zum Heiligen Krieg aufrufen.

Gerade der gewaltbereite Teil der Salafisten aber bedient jenes Feindbild, das die Rechtspopulisten vom Islam insgesamt zeichnen, reflektiert die Soziologin Karin Priester von der Universität Münster:

"Es zeigt sich, dass etwa seit 20 Jahren die Rechte - und zwar die extreme Rechte wie auch die rechtspopulistische Rechte und zwar insgesamt in Westeuropa -, einen antiislamistischen Kurs fährt. Das heißt, der Antiislamismus ist sozusagen die Vereinigungsformel oder der gemeinsame Feind, unter dem sie Politik machen und bewusst Überfremdungsängste schüren, Angst vor Kriminalität aufgreifen, die dann einseitig der Einwanderung zugeschrieben wird. Das ist eine konfliktreiche Entwicklung, die man genauer verfolgen muss."

Der Antiislamismus hat den Antisemitismus bei den Rechtsextremen zumindest an der Oberfläche abgelöst. Mit dem Feindbild Islam versuchen Rechtspopulisten, nach dem Vorbild des Niederländers Geert Wilders Politik zu machen. Rechtsextreme und Salafisten brauchen sich dabei gegenseitig, suchen sich mithilfe der Medien aufzuwerten, obwohl beides Splittergruppen sind.

"Es leben fast 4,5 Millionen Muslime in Deutschland, davon sind es schätzungsweise 3.500 oder 4.000 Menschen, die dieser Ideologie, die diesem Fundamentalismus, Radikalismus sich zuwenden. Und so einen Wirbel, so eine Hofierung dieser winzig kleinen fundamentalistischen Bewegung ist der Sache nicht gerecht. Nichtsdestotrotz muss man darüber sprechen. Man sollte auch die Dinge beim Namen nennen. Aber die ausschlaggebende Mehrheit der Muslime in Deutschland verurteilen den Radikalismus und haben damit überhaupt nichts zu tun."

Bekir Alboga, Beauftragter für den interreligiösen Diskurs der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB, rückt die Zahlenverhältnisse zurecht. Aber die kleine Gruppe der Salafisten, finanziert von Saudi-Arabien und den Golfstaaten, verfügt über eloquente Prediger, wozu auch deutsche Konvertiten wie Pierre Vogel gehören. Sie verschaffen sich Eintritt in konservative Moscheegemeinden. Vor allem aber sind sie im Internet präsent, wo sie sich buchstäblich nach vorne gedrängt haben.

"Wenn sie auf Google gehen und als Suchbegriff eingeben "Islam", bekommen sie als Ergebnis als Erstes eine Wikipedia-Seite, als Zweites war der Zentralrat der Muslime angegeben. Und als Drittes eine salafitische Website von "Die wahre Religion". Und das ist natürlich ein Problem gerade für junge Leute, die auf Identitätssuche sind, die vom Islam gehört haben. Oder vielleicht auch Muslime sind, die selber etwas nachlesen wollen, die kommen mit rasanter Geschwindigkeit auf die salafitischen Webseiten, auf Youtube-Kanäle, auf Facebook-Seiten wo die Salafiten am alleraktivsten sind."

Franz Horst, Politikwissenschaftler am Interdisciplinary Center Herzliya in Israel hat, zeigt auf, wie die Salafisten versuchen vor allem Jugendliche in ihre religiös-totalitäre Weltanschauung, ihr Schwarz-Weiß-Denken, ihren Extremismus hineinzuziehen. Inzwischen hat der Zentralrat der Muslime die Gefahr erkannt und wirbt auch im Netz für sein Verständnis eines toleranten und friedliebenden Islam, so Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland:

"Der beste Weg den sogenannten Islamismus auszutrocknen, ist durch den Islam selber. Wenn unser Prophet sagt, die Menschen sind sicher vor den Muslimen, das ist die Aufgabe des Muslims, dann kann es nicht bedeuten im Umkehrschluss, dass diese Muslime die Menschen anderen Glaubens angreifen. Das ist im eklatanten Widerspruch zum eigenen Islam, das heißt, das Wissen um den Islam, die richtige Anwendung, ist die beste Prävention vor Extremismus."

Seit Längerem engagieren sich in Deutschland auch die Kirchen in einem interreligiösen Dialog, im direkten Kontakt von christlichen und benachbarten Moscheegemeinden: Da gibt es Gespräche, Frauencafés, gemeinsame Feste und wechselseitige Besuche zu religiösem Anlass. Und das Problem mit Extremismus, erklärt der evangelische Kirchenrat Rafael Nikodemus, dürfe nicht wie eine Schuldzuweisung hin- und hergeschoben werden.

"Wir haben das Problem gemeinsam, wir als Gesellschaft - Christen, Juden, Nicht-Gläubige, also die 4,5 Muslime gehören mit dazu - wir alle haben Problem mit Extremismus, mit Rechtsextremismus, Pro-NRW, Pro-Deutschland, mit durchgeknallten Evangelikalen wie Terry Jones oder eben auch mit den Salafisten, deshalb ist das unser gemeinsames Problem, deshalb ist das nichts, was im Dialog zwischen uns steht, sondern was uns stärker verbindet. Und wir müssen gemeinsam gucken, dass uns das nicht aus dem Ruder läuft, sondern dass wir unsere verbindliche Zusammenarbeit weiter aufbauen und stärken und gemeinsam Gesellschaft gestalten."