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StartseiteJuni 41Herbert Backe11.06.2001

Herbert Backe

Reichsernährungsminister

Den Anfang der Reihe "Juni 41" macht ein Vertreter der Täter: Wir stellen ihnen Herbert Backe vor, einen hohen Beamten in der Nazi-Bürokratie, der die Ausplünderung der Sowjetunion maßgeblich geplant und organisiert hat, ein Typ vom Schlage Eichmanns: fanatisch, aber effizient.

Annette Wilmes

Da wir von Anfang an unsere ganze Ernährungswirtschaft darauf abgestellt haben, in einer kriegerischen Auseinandersetzung das deutsche Volk im wesentlichen aus der deutschen Scholle zu ernähren, sind alle Maßnahmen seit 1934 als Maßnahmen für den totalen Krieg anzusehen.

Herbert Backe in einer Ansprache vor Gauleitern am 1. Januar 1941. Zu diesem Zeitpunkt hat der 2.Weltkrieg schon begonnen. Aber "sein Krieg" - der gegen die Sowjetunion - steht noch bevor.

Herbert Backe ist Russlanddeutscher, geboren 1896 in Batumi im Kaukasus, Sohn eines Kaufmanns und preußischen Leutnants. Seine Kindheit und Jugend erlebt er in dem Bewusstsein, einer privilegierten und herrschenden Schicht anzugehören. Der Rostocker Historiker Joachim Lehmann hat sich mit Herbert Backes Biographie befasst:

Diese Aversion gegen von ihm als zweitklassig oder gar minderwertig angesehene slawische und andere Völker hat sich dann verstärkt während seiner Zeit als Zivilinternierter ab 1914 in Russland.

Denn als preußischer Staatsangehöriger in Russland wird Backe mit dem Beginn des ersten Weltkrieges sofort festgesetzt. Der 18jährige, ein guter Schüler, wird vor dem Abitur aus der Schule herausgerissen.

In den Wirren der Revolutionszeit gelangt er nach Deutschland, wo er das Abitur nachholt und in Göttingen Landwirtschaft studiert. Er schließt mit Auszeichnung ab. Schon in den 20er Jahren tritt Backe in die SA ein und, Anfang der 30er Jahre wird er aktives NSDAP-Mitglied:
Die vorhandenen Unterlagen weisen ihn als doch sehr aktiven Agitator aus, und der damalige Führer der Nazis in Göttingen, später Gauleiter des Gaus Hannover-Süd, Ludolf Haase, hat ihn dann immer für diese Zeit schon absolut engagierten Anhänger des Rassegedankens qualifiziert.

Herbert Backe findet Kontakt zu dem Agrarexperten der Nazi-Partei, dem späteren Reichsernährungsminister Richard Walther Darré. Auf dessen Betreiben kandidiert er für den preußischen Landtag und wird 1932 gewählt. Als die Nazis an die Macht kommen, ist sein Aufstieg programmiert. Backe ist intellektuell ebenso brillant wie als Rassist und Antisemit fanatisch:

Die Völker empfinden national. Und die Völker beginnen zu empfinden sozialistisch. Im vollendeten Widerspruch zu dieser Entwicklung befindet sich nun das Judentum. Es bangt darum, dass die ihm arteigene freizügige Wirtschaft auch in ihrer Entartung und Erstarrung - wie wir sie kennen gelernt haben - erhalten bleibt, weil hiervon die Machtstellung, ja die Stellung des Judentums überhaupt abhängt.

Als Staatssekretär unter Darré etabliert er den sogenannten "Reichsnährstand". Mit der "Erzeugungsschlacht", die er 1934 verkündet, will er in kurzer Zeit die Produktion so weit voranbringen, dass Nazi-Deutschland vom Ausland weitgehend autark wird.

Herbert Backe ist es, der die landwirtschaftlichen Betriebe zur Ablieferung der Hauptnahrungsmittel zwingt:

Das heißt Getreide, Schwein, Kartoffeln, Milch. Diese Betriebe, die das nicht tun, sehe ich mich gezwungen, hart zu bestrafen.

Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, das "Unternehmen Barbarossa", ist für Herbert Backe als Russlandexperte die Herausforderung seines Lebens. Schon im April ist er mit den Planungen befasst und schreibt an seine Frau:

Ich bin manchmal richtig froh und glücklich über die neue große Aufgabe.

Einen Monat später wird er Reichsernährungsminister und damit Nachfolger von Darré. Er organisiert die Ausplünderung des zu erobernden Ostraums. Bei seinen "Maßnahmen" kalkuliert er den Hungertod von Millionen von Menschen mit ein. Das ist in Protokollen festgehalten. Joachim Lehmann:

Und da wird also auch expressis verbis gesagt, wenn wir die Leistung der Überschussgebiete zur Ernährung Mitteleuropas heranziehen, Mitteleuropa unter deutscher Herrschaft, dann hat das zur Folge, dass Millionen von Menschen in den anderen Gebieten des Ostens verhungern werden, und das waren Größenordnungen, die mit 10 Millionen begannen, und die dort auch so beziffert werden.

Die Versorgung der Wehrmacht steht für Herbert Backe immer an erster Stelle. In seinen "wirtschaftspolitischen Richtlinien für Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft", heißt es:

Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.

Aber der Krieg geht verloren, und nach 1945 ziehen die Alliierten Herbert Backe zur Rechenschaft. Er gehört zu jenen hohen Beamten, die im Wilhelmstraßenprozess angeklagt werden sollten. Backe zeigt aber weder Einsicht noch Reue. Im Entwurf eines Testaments schreibt er:

Eine Auslieferung aber kann ich nur als den Versuch, mich zu beseitigen, werten. Es ist nicht leicht, den Gleichmut zu bewahren, wenn man weiß, was dort jedem blüht. Ich fürchte den Tod nicht. Mein Werk wird weiterleben. Und die Idee wird siegen in der Welt. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug mich vor den Führer stellen.

Am 7. April 1947 nimmt sich Herbert Backe in der Untersuchungshaft das Leben, vermutlich aus Angst, an die Sowjetunion ausgeliefert zu werden. Richard Walther Darré, der bis zum Überfall auf die Sowjetunion Ernährungsminister war, wird gewissermaßen an Backes Stelle auf die Anklagebank in Nürnberg gesetzt. Beide, Darré und Backe, gehörten zu den unentbehrlichen Reichsbeamten im Hitlerregime, über die der ehemalige stellvertretende Chefankläger Robert Kempner sagte:

Ohne die Leute wäre vieles schiefgegangen. Das waren eben die Techniker, die können ebenso gut bei einer Demokratie wie unter dem Druck einer Diktatur arbeiten. Aber nötig sind sie.

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