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StartseiteForschung aktuell"In kurzer Zeit die gesamte Vegetation weggefressen"23.01.2020

Heuschreckenplage in Ostafrika"In kurzer Zeit die gesamte Vegetation weggefressen"

Die Heuschreckenplage in Ostafrika habe dramatische Auswirkungen, vor allem für die Landwirtschaft, sagte der Biologe Axel Hochkirch im Dlf. Zudem seien teilweise Krisenregionen wie Jemen oder Somalia betroffen. Ursache seien feuchte Wetterlagen - diese könnten durch den Klimawandel weiter zunehmen.

Axel Hochkirch im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Ein Heuschreckenschwarm im Dorf Lerata in der Region Samburu, rund 300 Kilometer nördlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi  (AFP / TONY KARUMBA)
Heuschreckenplage in Ostafrika ist ein "Riesenproblem für die Landwirtschaft", sagte Biodiversitätsforscher Axel Hochkirch im Deutschlandfunk (AFP / TONY KARUMBA)
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Sie sind eine der zehn biblischen Plagen: Heuschrecken, die alles Grüne fressen, was im Lande wächst. Im Osten Afrikas, in Kenia, Somalia, Äthiopien und Eritrea, sind derzeit riesige  Heuschreckenschwärme unterwegs, aus teils Hunderten Millionen Einzeltieren. Die UN spricht von der schwersten Heuschreckenplage in der Region seit 25 Jahren. Die Schwärme seien "beispiellos in ihrer Größe und ihrem Zerstörungspotzenzial", warnt die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, das massenhafte Auftreten der Insekten verschärfe die ohnehin prekäre Ernährungslage in der Region.

Axel Hochkirch, Biodiversitäts- und Insektenforscher an der Universität Trier, erklärt die Gründe für die Entstehung der massiven Heuschreckenschwärme und erläutert die fatalen Auswirkungen für die betroffenen Gebiete.

Lennart Pyritz: Herr Hochkirch, was bringt Wüstenheuschrecken dazu, so viele Schwärme zu bilden? 

Axel Hochkirch: Diese Wanderheuschrecken sind normalerweise ganz normale Heuschrecken wie alle anderen auch. Das heißt, sie leben eigentlich in solitären Phasen unter anderen Heuschrecken. Und nur, wenn die Witterungsbedingungen ganz besonders sind, dann können sie eben zur Massenvermehrung neigen. Das kommt in sehr unregelmäßigen Abständen vor, nämlich in Ostafrika dann, wenn extrem viel Regen fällt, wenn es also sehr feucht ist und sie sich sehr gut vermehren können. Und dann können sie über sehr kurze Zeiträume sehr, sehr große Massen aufbauen, und das führt dann dazu, dass sie auch eine andere Morphe ausbilden. Das heißt, normalerweise sehen diese Wanderheuschrecken anders aus, als wenn sie dann diese Wandermorphe ausbilden. Die haben dann nämlich längere Flügel, eine stärkere Flugmuskulatur, auch ein anderes Verhalten, das heißt, sie bilden schon als Jungtiere Gruppen und später dann eben diese großen Schwärme.

Niederschlag im nördlichen Ostafrika wird zunehmen

Pyritz: Spielt der Klimawandel da eventuell auch eine Rolle, treten solche Verhältnisse häufiger auf, die Heuschrecken zur Schwarmbildung anregen?

Hochkirch: Der Klimawandel kann dabei durchaus eine Rolle spielen, und zwar vorwiegend deswegen, weil laut Prognosen der internationalen Klimaforscher der Niederschlag im Bereich der südlichen Arabischen Halbinsel und des nördlichen Ostafrika zunehmen wird. Das heißt, es wird häufiger zu solchen sehr feuchten Phasen kommen, wie wir das jetzt seit 2018 hatten, und dadurch kann es sein, dass einfach solche Schwärme häufiger auch auftreten.

Pyritz: Wenn wir noch mal konkret auf die Ursachen dann für die Schwarmbildung schauen, ist das dann sozusagen, dass die Tiere in ihrer Menge Nahrung suchen, oder ist das auch in gewisser Weise ein Stressverhalten dieser Tiere, die dann auf zu engem Raum plötzlich nebeneinandersitzen?

Hochkirch: Genau, durch diese große Populationsentwicklung kommt es eben dazu, dass sie sich häufiger treffen, und das führt dazu, dass sie bestimmte Pheromone austauschen - das sind Botenstoffe, mit denen sie kommunizieren. Diese Pheromone führen eben dazu, dass sich diese andere Morphe, eben diese Wandermorphe ausbildet und dass sich eben das Verhalten auch verändert.

Pyritz: Wie groß sind denn eigentlich derzeit die Insektenschwärme, die Heuschreckenschwärme in Ostafrika, und wie lange bleiben die in der Form bestehen?

Hochkirch: Das lässt sich schwer beantworten. Es hatte ja im Prinzip schon 2018 begonnen mit diesen starken Niederschlägen in der südlichen Arabischen Halbinsel, nämlich genau sozusagen in der Grenzregion zwischen Jemen, Oman und Saudi-Arabien - ein Gebiet, das sehr schwach besiedelt ist, deswegen hat man sie einfach übersehen. Und von dort aus haben sie sich dann eben ausgebreitet über die Arabische Halbinsel bis in den Iran herein, vom Iran dann bis nach Pakistan und gleichzeitig aber auch von der Arabischen Halbinsel nach Ostafrika. Und dadurch hat sich das immer weiter vergrößert. Also es kann im Prinzip, wenn die Bedingungen gut sind, immer weiter andauern, weil sie sich eben unter solchen Bedingungen sehr schnell vermehren können. In Kenia soll momentan ein Gebiet von 60 mal 40 Kilometer besiedelt sein, das sind 2.400 Quadratkilometer, ungefähr so groß wie das Saarland. Es sind teilweise historisch aber auch noch deutlich größere Schwärme bekannt geworden.

"Dramatische Auswirkungen aufs Ökosystem"

Pyritz: Wie wirkt sich denn so ein einfallender Heuschreckenschwarm auf das Ökosystem aus, in dem er lebt, also wie wirkt er sich auf Pflanzen, Tiere und dann letztendlich auch den Menschen aus?

Hochkirch: Die Auswirkungen sind natürlich recht dramatisch, denn so ein Schwarm frisst in relativ kurzer Zeit die gesamte Vegetation weg. Das ist in diesen Trockenlebensräumen sicher etwas, was für das Ökosystem jetzt nicht ganz so problematisch ist, weil diese Ökosysteme an solche Stressphasen natürlich angepasst sind. Das heißt, normalerweise ist es sehr trocken, wir haben kaum Vegetation - und damit kommen die meisten Tiere auch in dieser Region klar. Wenn es jetzt sehr feucht ist, die Vegetation zunimmt und dann die Heuschrecken kommen, um sie wieder abzufressen, dann ist das eben für diese lokal angepassten Arten jetzt nicht das große Problem - für den Menschen aber natürlich schon, weil die landwirtschaftlichen Flächen natürlich auch leergefressen werden. Und dadurch kommt es natürlich zu Nahrungsknappheit.

Pyritz: Das bedeutet einmal Feldfrüchte, die der Mensch direkt verzehren würde, aber auch Flächen, die das Nutzvieh eigentlich nutzen würde, das dann auch Probleme bekommt.

Hochkirch: Genau. Das heißt, die Landwirtschaft hat natürlich ein Riesenproblem in solchen Gebieten, deswegen ist ja auch die FAO (Anm. d. Red.: UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation) da schon seit geraumer Zeit in Alarmbereitschaft. Das Problem ist natürlich, dass die Vermehrung der Heuschrecken in Gebieten stattgefunden hat, die teilweise Krisenregionen sind - denken Sie an Jemen, Somalia -, das sind alles Gebiete, wo man sehr schwer Bekämpfungsmaßnahmen auch einleiten kann oder wo einfach das sehr lange dauert, bis dann wirklich Maßnahmen getroffen werden.

Behandlung mit Pestiziden problematisch

Pyritz: Wenn wir noch mal beim Thema Nahrungskreisläufe bleiben - können die Heuschrecken, diese Insekten, selbst nicht auch als Proteinquelle für andere Tiere und auch den Menschen dienen?

Hochkirch: Ja, das tun sie auch. Das ist eine exzellente Proteinquelle, und sie werden auch von vielen Völkern Afrikas gegessen. Das Problem ist natürlich, dass - gerade wenn man sie jetzt mit Pestiziden teilweise auch behandelt oder bekämpft - das auch dazu führen kann, dass es zu Vergiftungen beim Menschen kommt. Da werden Organophosphate eingesetzt, die teilweise auch sehr giftig für den Menschen sein können, und deswegen ist es eher nicht so ratsam, sie zu essen. Also solche Probleme gab es durchaus auch schon in der Vergangenheit. Es ist natürlich keine Proteinquelle, die sehr lange andauert, denn irgendwann hört das auch wieder auf. Der Schwarm bricht dann irgendwann zusammen, wenn die Witterungsbedingungen sich ändern - und dann müssen die Menschen sich wieder auf andere Nahrungsquellen konzentrieren.

"Schwarmbildung im Keim ersticken"

Pyritz: Sie haben jetzt schon Maßnahmen gegen diese Heuschreckenschwärme angesprochen, in den betroffenen Ländern wird ja zum Beispiel oder sollen Insektizide aus der Luft versprüht werden. Welche anderen Eingriffsmöglichkeiten gibt es denn da noch, ich sag mal aus der wissenschaftlichen Sicht? Zum Beispiel Eingriff in die Populationsdynamik, oder was ist da denkbar?

Hochkirch: Die wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung von Heuschrecken ist eigentlich, von vornherein diese Schwarmbildung im Keim zu ersticken. Das Problem ist natürlich, dass ein sehr, sehr großes potenzielles Brutgebiet existiert für diese Wüstenwanderheuschrecke, das eben über den gesamten Bereich der Sahelzone über Arabien bis nach Asien reicht. Das heißt, man kann diese Gebiete nicht alle ständig überwachen. Aber man weiß natürlich, welche Bedingungen dazu führen, dass diese Brutbedingungen optimal sind, das heißt, wenn solche feuchten Wetterlagen eintreten. Insofern kann man durch ein gezieltes Monitoring eigentlich schon auch prognostizieren, wo solche Schwärme auftreten werden.

Wenn man dann eben schon vor dieser großen Schwarmbildung eingreift und die Behandlung dann sehr lokal durchführt, dann ist das natürlich deutlich umweltverträglicher - zumal es auch zum Beispiel einen Pilz gibt, einen spezifischen Pilz, den man zur Wanderheuschreckenbekämpfung benutzt. Der ist in Australien mit sehr viel Erfolg verwendet worden. Dieser Pilz befällt spezifisch Heuschrecken, jetzt nicht nur die Wanderheuschrecken, leider auch andere Heuschreckenarten. Aber das ist natürlich immer noch besser, als wenn man jetzt Pestizide benutzt, die völlig unspezifisch sämtliche Insekten bekämpfen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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