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StartseiteDie neue PlatteHymne an das Leben02.04.2021

Hilary HahnHymne an das Leben

Paris ist für Hilary Hahn ein Lieblingsort. Die jüngste CD der US-amerikanischen Geigerin trägt daher den Titel „Paris“. Es erklingt Musik mit Bezug zur französischen Hauptstadt von Chausson und Prokofjew. Außerdem als Ersteinspielung zwei Serenaden des 2016 verstorbenen Einojuhani Rautavaara.

Am Mikrofon: Uwe Friedrich

Die Geigerin Hilary Hahn steht in einer Kirche und lacht in die Kamera (Decca / Dana van Leeuwen )
Hilary Hahn wurde stark von der französischen Geigentradition geprägt. (Decca / Dana van Leeuwen )
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Musik: Ernest Chausson: Poème für Violine und Orchester, op. 25

Das "Poème" des Pariser Komponisten Ernest Chausson gehört zu seinen beliebtesten Kompositionen, eine spätromantische sinfonische Dichtung, die in melancholischer Stimmung schwelgt, ohne in gefühligen Kitsch abzudriften, zumindest wenn die technisch souveräne, immer erfreulich kühl spielende Hilary Hahn das Werk interpretiert. Chausson komponierte das "Poème" im Jahr 1896 für seinen Freund, den belgischen Geigenvirtuosen Eugène Ysaÿe, der es auch uraufführte. Hilary Hahn sieht sich deutlich in dieser französischen Tradition, denn ihr Lehrer war Schüler eines Ysaÿe-Schülers. Alles lange her, könnte man meinen, aber in der Tat stehen Hahns nobler, voller Ton und die unaufdringliche Eleganz ihres Spiels in der französischen Geigentradition. Da ist es auch keine Überraschung mehr, dass sie ein französisches Instrument aus dem Jahr 1865 spielt. Sie hat sogar die Adresse des Geigenbauers Jean-Baptiste Vuilleaume aufgesucht, wo sich heute allerdings ein Supermarkt befindet. Auf Chaussons 17-minütiges "Poème" folgt in der Zusammenstellung von Hilary Hahn das erste Violinkonzert Sergej Prokofjews. Der Paris-Bezug ist bei diesem Werk zwar eher anekdotisch, denn es wurde im Jahr 1923 in der Pariser Oper uraufgeführt, aber Hilary Hahn versichert glaubwürdig, dass sie mit ihrer Aufnahme dieses Konzerts warten wollte, bis sie geeignete Partner gefunden hatte, und die hat sie in dem Pariser Orchester, dessen "Artist in Residence" sie in der Saison 2018/19 war.

Musik: Sergej Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur, op. 19, 1. Satz

Das Orchestre Philharmonique de Radio France trifft mit seinem Chefdirigenten Mikko Franck nicht nur den flirrenden Ton des ersten Satzes, sondern auch die härter federnden Klänge des anschließenden Scherzos, spieltechnisch ist das Werk für die Musikerinnen und Musiker des Radiosinfonieorchesters ebenso wenig ein Problem wie für die Solistin, und so gelangen sie gemeinsam in jene virtuosen Sphären, die unabdingbar sind, um auch Spaß am Zusammenspiel zu haben. Der überträgt sich dann auch sofort auf den Hörer.

Mit Prokofjew auf der Rennstrecke

Prokofjew hatte die Arbeit an seinem ersten Violinkonzert bereits 1915 begonnen, es dann beiseite gelegt, um seine Oper "Der Spieler" zu schreiben. Als er die Arbeit 1917 wieder aufnahm, hatte sich die politische Situation in Russland gründlich geändert, die Oktoberrevolution war nicht mehr fern, die Zarenherrschaft ging unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Prokofjew scheinen diese Unruhen beflügelt zu haben, denn das erste Violinkonzert strotzt nur so von neuen Einfällen, die er geschickt mit dem zuvor Komponiertem verband. Das turbulente Scherzo fordert in vier Minuten viel, nicht zuletzt Mut, oder wie Hilary Hahn es im Beiheft ausdrückt: Sie fühle sich in diesem Werk wie ein Rennfahrer an der Grenze des Kontrollierbaren.

Musik: Sergej Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur, op. 19, 2. Satz

Souverän meistert Hilary Hahn auch die Herausforderungen des dritten Satzes von Prokofjews erstem Violinkonzert. Man möchte kaum glauben, dass es geigerisch für sie überhaupt Grenzen des Kontrollierbaren gibt. Vor allem aber gewinnt sie durch ihre spieltechnische Überlegenheit jene Freiheit im Umgang mit der Partitur, die ihre Strahlkraft erst wirklich entfalten kann, wenn technische Fragen keine Rolle mehr spielen und alles mühelos klingt kann wie hier im Finale.

Musik: Sergej Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur, op. 19, 3. Satz

Seit dem Jahr 2015 ist Mikko Franck der Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France. Der Finne hat sehr viel Opernerfahrung, hat unter anderem Opern und andere Werke seines Landsmanns Einojuhani Rautavaara aufgenommen und war mit dem wohl bedeutendsten finnischen Komponisten der Nachkriegszeit eng befreundet.

Rautavaaras letztes Werk

Hilary Hahn führte vor einigen Jahren mit Franck das Violinkonzert von Rautavaara auf und war damals so begeistert, dass sie gerne ein weiteres Konzert bei ihm in Auftrag geben wollte. Sie bat Mikko Franck, den Kontakt herzustellen und der Komponist willigte ein. Allerdings war er zu diesem Zeitpunkt bereits sehr krank und komponierte schließlich nur noch zwei Serenaden, die er unvollendet hinterließ. Die Geigenstimme lag komplett vor, die Orchesterstimmen brachen jedoch mitten in der zweiten Serenade ab. Der finnische Rautavaara-Schüler Kalevi Aho vollendete das Werk nach dem Klavierauszug und ausführlichen Skizzen, so dass Hilary Hahn die letzten beiden Werke Rautavaaras uraufführen konnte.

Musik: Einojuhani Rautavaara: Serenade Nr. 1 für Violine und Orchester

"Sérénade pour mon amour" ist die erste Serenade für Geige und Orchester von Einojuhani Rautavaara überschrieben, und er verwendet hier Material aus seiner Oper "The House of the Sun" aus dem Jahr 1990. Traumverloren melancholisch löst sich der langsame Polonaisenrhythmus auf. Die Strukturen des zunächst strengen Kontrapunkts verflüchtigen sich, harmonische Trübungen verdunkeln das Bild von der Liebe sachte. Die kunstvolle Schlichtheit der weiten Melodiebögen könnte schon ein Hauch zu viel Vibrato ins Sentimentale kippen lassen, aber Hilary Hahn ist viel zu stilsicher und diszipliniert, um das geschehen zu lassen. Während Rautavaara die erste Serenade für Streichorchester und Geige schrieb, fügte er in der zweiten, der "Sérénade pour la vie" noch Holzbläser und Hörner hinzu. Ebenfalls eine Weiterentwicklung aus seiner Oper "The House of the Sun", bietet er hier mit Material aus der Ouvertüre das rhythmisch konturiertere Gegenstück zur ersten Serenade. Nicht kontemplativ, sondern vorwärtsdrängend schrieb der bereits schwerkranke Komponist noch eine knapp siebenminütige Hymne an das Leben, die sein letztes Werk wurde, und dem sich Hilary Hahn, Mikko Franck und das Orchestre Philharmonique de Radio France mit Hingabe widmen.

Musik: Einojuhani Rautavaara: Serenade Nr. 2 für Violine und Orchester

Hilary Hahn – Paris

Ernest Chausson
Poème für Violine und Orchester, op. 25

Sergej Prokofjew
Violinkonzert Nr. 1 D-Dur, op. 19

Einojuhani Rautavaara
Deux Sérénades 

Hilary Hahn, Violine
Orchestre Philharmonique de Radio France
Leitung: Mikko Franck

Deutsche Grammophon (LC 00173) 00028948398478

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