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Umwelt. - Der Klimawandel führt in Deutschland zu mehr Niederschlägen im Winter und zu weniger Regen, aber heftigeren Unwettern im Sommer. Erst Anfang Juni starben im Killertal auf der Schwäbischen Alb drei Menschen, weil ein Unwetter zu einem plötzlichen noch nie da gewesenen Hochwasser führte, das Autos wegriss. Bei derartigen Unwettern wird der organisierte Schutz künftig öfter an seine Grenzen stoßen.

Von Cajo Kutzbach | 04.07.2008

    Wenn im Winter der Boden nass oder gefroren ist, dann kann man gut vorhersagen, dass weiterer Regen zu Hochwasser führen wird. Viel schwieriger ist es mit plötzlichen Platzregen im Sommer, die oft nur in einem eng begrenzten Gebiet zu Hochwasser führen. Denn für diesen Fall sind die Wettervorhersagen noch zu ungenau, erklärt András Bárdossy, Professor für Hydrologie und Geohydrologie, der das Institut für Wasserbau der Universität Stuttgart leitet:

    "Leider sind diese Wettervorhersagen, grade was die kleinräumigen Ereignisse betrifft noch sehr ungenau. Und da besteht auch wenig Hoffnung, das mit einer räumlichen Genauigkeit zu bekommen, mit der man wirklich rechtzeitig im Voraus reagieren kann."

    Natürlich spielt auch die Form des Geländes und seine Nutzung eine Rolle. In einem trichterförmigen Tal, das zum größten Teil mit Häusern und Straßen versiegelt ist, gibt es leichter Hochwasser, als auf einer bewaldeten Ebene. Das ändert sich allerdings nur langsam. Bárdossy:

    "Wichtig ist noch der Zustand des Bodens, also der Feuchtezustand, ob es vorher schon starke Vorregen gab. Dann ist es leider so, dass es auch wieder relativ egal ist, was die Landnutzung ist, weil, wenn es feucht ist und der Boden kein Wasser mehr aufnehmen kann, dann wird es ebenso abfließen, beim Acker, wie auch in der Stadt."

    Als der Tübinger Stadtteil Lustnau vom Goldersbach verwüstet wurde, entwickelt das Institut ein Warnprogramm, das es jetzt ermöglicht, bei einem entsprechenden Unwetter vor der Überschwemmung zu warnen. Allerdings ist die Vorwarnzeit kurz. András Bárdossy:

    "Es ist sehr kurz! Das hängt natürlich immer vom Gebiet auch ab. Also in dem Gebiet wo wir gearbeitet haben, am Goldersbach bei Tübingen, ist es so, dass wir eine Fließzeit haben, also praktisch von dem Zeitpunkt, wo der Niederschlag fällt bis zu dem Zeitpunkt, wo es im Stadtteil Lustnau in Tübingen ankommt, sind es so etwa anderthalb Stunden."
    Falls sich etwa eine Stunde vorher abzeichnet, dass es dort ein Unwetter geben wird, verlängert sich die Vorwarnzeit auf über zwei Stunden. Da kann man schon Einiges in Sicherheit bringen. Vorausgesetzt man weiß, was zu tun ist. Daran hapert es oft noch. Bàrdossy:

    "Also, es ist sehr wichtig, dass wir wissen, wo und wie man reagieren kann. Wir haben jetzt einen Plan, ein Forschungsprojekt durchzuführen mit der Leitung von Frau Professor Wieprecht, wo wir praktisch solche Katastrophenszenarien durchspielen, da natürlich auch die Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und die lokalen Behörden auch einbeziehen, dass sie - wenn etwas kommt - nicht improvisieren müssen, sondern ganz genau wissen, welche Straßen gesperrt werden müssen, wo müssen eventuell Leute evakuiert werden, also, dass man vorbereitet ist auf den Extremfall."

    Zu wissen, was bei Hochwasser zu tun ist, senkt die Schäden erheblich, wie sich 1993 und 1995 am Rhein zeigte, als die Schäden durch das zweite Hochwasser viel geringer waren. Natürlich zeigt eine derartige lokale Untersuchung auch auf, wo die Schwachstellen sind und wo man mit geringsten Mitteln am meisten bewirken kann. Das können Deiche, aber auch Freiflächen sein, die bei Hochwasser geflutet werden können und so dem Wasser mehr Raum geben, also das Ansteigen verringern. Allerdings kann niemand, der in einem Tal, oder gar einer Flussaue wohnt, damit rechnen, dass er dort in Zukunft noch vor Hochwasser sicher ist, und sei es durch neue Dämme. András Bárdossy:

    "Das wären irrsinnige Summen die wir da investieren müssten. - Auf der anderen Seite: wir wollen Leben retten; und das Zweite: Da kann jeder entscheiden, was er noch retten kann und retten will. Das ist auch sehr wichtig, dass der Einzelne sich darüber Gedanken macht: Was ist wichtig? Will ich meinen Fernseher retten, oder die alten Fotoalben, wo die ganze Familie drin ist."

    Schutz vor Hochwasserschäden wird also in Zukunft mehr Eigeninitiative erfordern.