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StartseiteCorsoHip-Hop für die große Leinwand16.02.2013

Hip-Hop für die große Leinwand

Der US-Rapper Kendrick Lamar und das Comeback des Konzeptalbums

Der 25jährige Rapper Kendrick Lamar aus Kalifornien wird mit seinem zweiten Album derzeit als der neue große Star gefeiert. "Good kid, m.A.A.d city" will eine kleinteilige und widersprüchliche Platte sein. Die zwölf Songs erzählen eine – nämlich seine Geschichte. Es geht um das Auf und Ab eines guten Jungen in einer wahnsinnigen Stadt.

Von Axel Rahmlow

Heimat von Kendrick Lamar: Los Angeles (picture alliance / dpa / Alexander Farnsworth)
Heimat von Kendrick Lamar: Los Angeles (picture alliance / dpa / Alexander Farnsworth)

"Mama, ich hau ab, bin in 15 Minuten wieder da."

Nur 15 Minuten will sich Kendrick Lamar das Auto seiner Mutter leihen. Daraus wird ein langer Tag mit den Jungs: Zeit totschlagen, Mädels anquatschen, Drogen, Alkohol, Ärger. Über die Mailbox immer mit dabei: Die Mutter, die ihr Auto zurück will und die sich Sorgen um ihren halbstarken Sohn macht. Auf dem Sofa daneben: Der Vater, der zugekifft den Hintern seiner Frau besingt und ins Telefon pöppelt.

Willkommen im Leben von Kendrick Lamar, dem selbst ernannten guten Jungen in einer wahnsinnigen Stadt. Genauer Compton, eine der südlichen Vorstadt von Los Angeles, die im Rap schon lange Sinnbild für die sozialen Probleme der amerikanischen Unterschicht ist. "good kid, m.A.A.d city" ist ein musikalisches Hörspiel über die Irrfahrt von ein paar pubertierenden Möchtegern-Gangstern. Das mit Songs über schnellen Sex und noch schnelleres Geld beginnt. Mit Geschichten über Gangs, Gruppenzwang und jugendlichen Größenwahn. Erzählt in verstreuten Details, die sich im Verlauf des Albums hin zu einem schmierigen Ganzen zusammenfügen. Und ergänzt durch kurze, episodenhafte Szenen, die über die ganze Platte verteilt auftauchen. Im Hip Hop "Skits" genannt und für Lamar die Alternative um eine bestimmte Stimmung zu vermitteln:

"Manchmal kann man in einer Szene mehr aussagen als in einem Rap. Zum Beispiel durch einen Gefühlsausbruch oder in einem Gespräch. Man versteht die Platte dadurch besser. Wenn du die Augen zumachst und die Platte anhörst, dann wollte ich dass du tatsächlich einem Film zuhörst."

Skits waren bis vor einigen Jahren gefühlt auf jedem dritten Rap-Album zu finden, wenn auch oft recht beliebig. Kendrick Lamars "good kid, m.A.A.d city" ist die erste künstlerisch wichtige und kommerziell erfolgreiche Hip Hop-Platte seit Ewigkeiten, auf denen diese kurzen Szenen gezielt den roten Faden unterstützen. Etwa wenn die Jungs bei einem Einbruch erwischt werden und während der Flucht vor der Polizei die Mutter anruft.

"Ich wollte, dass meine Freunde unsere Geschichte erzählen. Ich bin in diesen Szenen ja immer dabei, aber ich rede nicht. Du hörst fast nur die anderen. Ich bin passiv, werde in den Szenen von all dem Wahnsinn um uns herum beeinflusst. Aber auch von meinen Eltern. Die waren auch im Studio und haben nachgespielt, wie sie es erlebt haben, als ich 17 war. Es ist verrückt, dass sie das gemacht haben."

Ein Dauerthema: Die allgegenwärtige Gewalt, mit der die Jungs ständig konfrontiert werden, die sie auch selbst ausüben. Bis auf dem Höhepunkt der Irrfahrt einer der Freunde bei einer Schießerei ermordet wird. Der Einfluss von Waffen auf den amerikanischen Alltag schimmert auf "good kid, m.A.A.d city" überall durch: Ihre Macht, ihre Anziehungskraft, aber auch die Konsequenzen. Kendrick Lamar glaubt nicht, dass sich das in den USA jemals ändern wird:

"Waffen einzuschränken wird jetzt diskutiert, aber ich glaube nicht dass das wirklich passieren wird. Die Leute wollen sich verteidigen. Wir ernten aber auch nur was wir gesät haben. Amerika ist definiert durch Waffen, Geld und Macht. Waffen sind doch nur eine Art Nebenwirkung unsere Gesellschaft. Wir Rapper reden doch nur über das was wir sehen und ich zumindest versuche eine Art positive Lehre daraus zu ziehen."

Auf "good kid, m.A.A.d city" kommt diese Lehre in Form einer alten Dame. Als die Jungs schon mit Waffen in der Hand ihren toten Kumpel rächen wollen, kriegen sie von ihr ordentlich den Kopf gewaschen. Ihre Lösung: Der Glaube an Gott und die Bitte um Vergebung.

"Ich bin kein sehr religiöser Mensch. Aber ich bin ein spiritueller Typ, ich glaube an Gott und den heiligen Geist und Jesus. Die Großmutter eines Freundes spielt die alte Frau. Sie ist auch im wirklichen Leben sehr religiös. Sie hat uns immer gesagt: Haltet auch aus dem ganzen Ärger raus. Glaubt lieber an etwas oder an jemanden."

Hier wird die Platte zur klassischen Geschichte: Ein junger Mann findet unter widrigen Umständen heraus, wie er die Konflikte um sich herum überstehen kann. Dafür wird es sicher keinen Preis für das originellste Drehbuch geben. Die Geschichte ist nicht neu, aber sie ist nicht im schwarz/weiß Still erzählt. Alle können sich ändern. Auch der Vater, der Kendrick nach dem Mord bittet, nicht so zu werden wie er selbst.

"good kid, m.A.A.d city" will eine kleinteilige und widersprüchliche Platte sein. Jeder Beat passt zur Stimmung des Momentes. Wie jede Attitüde, sei es kalte Ignoranz oder reflektierende Aufarbeitung. Jeder der zwölf Songs steht an der richtigen Stelle der Geschichte. Mal mehr und mal weniger glorifizieren sie alle ein Stück weit ihre Taten und rechnen gleichzeitig ein Stück weit damit ab. Als Fotostrecke ergeben sie das Auf und Ab eines guten Jungen in einer wahnsinnigen Stadt. Berechtigterweise ist im Untertitel des Albums zusammengefasst: "Ein Kurzfilm von Kendrick Lamar. "

Den vollständigen Beitrag können Sie für mindestens fünf Monate nach der Sendung in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

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