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Hirnelektroden gegen Parkinson

Medizin. - Zitternde Hände, schleichender Gang, maskenartiger Gesichtsausdruck. Das sind die Symptome der Parkinson-Krankheit, an der in Deutschland rund 250.000 Menschen leiden. Parkinson wird verursacht durch einen Mangel an Dopamin, einem wichtigen Botenstoff. Die Behandlung besteht darin, das fehlende Dopamin durch Medikamente zu ersetzen und den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen. Im Spätstadium aber verlieren die Pillen die Wirkung. Hier setzen die Ärzte seit einigen Jahren auf neue Verfahren wie die Tiefenhirnstimulation. Inwieweit sich diese neue Therapie bewährt, darüber diskutieren die Fachleute auf der 76. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, die heute in Hamburg beginnt.

    Von Frank Grotelüschen

    Bei Parkinsonkranken verkümmert im Laufe der Zeit eine bestimmte Hirnregion, schwarzer Kern genannt. Da nun dieser schwarze Kern als Fabrik für den Botenstoff Dopamin fungiert, wird nach und nach immer weniger Dopamin produziert. Die Folge ist eine ganze komplexe Kette von Störungen im Gehirn: Auf Grund des Dopaminmangels werden manche Hirnareale zu wenig aktiviert, andere hingegen zu stark.

    Und die Tiefenhirnstimulation beruht nun darauf, dass wir die Regionen, die zu stark aktiviert sind, dass wir die hemmen.

    sagt Günther Deuschl, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik in Kiel. Tiefenhirnstimulation - so nennt sich eine noch recht junge Operationsmethode bei Parkinson. Seit Mitte der 90er Jahre kommt sie zum Einsatz. Bislang wurden weltweit einige 1000 Patienten operiert - ausschließlich Patienten mit fortgeschrittenen Parkinson, die aus eigener Kraft kaum noch stehen konnten.

    Bei der Tiefenhirnstimulation wird eine Elektrode in bestimmten Regionen des Gehirns platziert und dann mit einem Stimulator verbunden, der ähnlich wie ein Herzschrittmacher in der Schlüsselbeingruppe liegt. Dann wird die Elektrodenspitze etwa mit 130 Hertz sehr schwachen Strompulsen stimuliert, die wahrscheinlich eine Inaktivierung des stimuliertes Gebietes bewirken.

    Mit zum Teil bemerkenswertem Erfolg. Günther Deuschl zeigt auf dem Hamburger Kongress ein Video. Zu sehen ist eine noch recht junge Parkinsonpatientin. Vor dem Eingriff kann sie aus eigener Kraft weder gehen noch stehen. Nach der Operation schreitet sie durch den Raum als wäre sie nie krank gewesen. Ein Paradebeispiel, das gibt Günther Deuschl zu. Denn nicht immer ist der Behandlungserfolg derart überwältigend. Das zeigen auch die Ergebnisse der ersten Langzeitstudien, die nun in Hamburg präsentiert werden.

    Die Ergebnisse der Fünf-Jahres-Studie sind insgesamt sehr ermutigend. Wir wissen jetzt, dass wir auch über einen Zeitraum von fünf Jahren eine relativ stabile Antwort auf die Tiefenhirnstimulation erzielen können. Dennoch lässt sich an diesen Fünf-Jahres-Daten erkennen, dass der Parkinson fortschreitet. Aber der entscheidende Vorzug durch diese Therapie liegt darin, dass dieses Fortschreiten auf einem völlig neuen Niveau erfolgt. Es ist im günstigen Fall so, dass ein Patient aus seinem 15. Krankheitsjahr in das 3. Krankheitsjahr zurückversetzt wird hinsichtlich seiner Beweglichkeit. Und dass dann er sozusagen den normalen Fortgang der Erkrankung wieder hat.

    Durchaus ermutigende Therapieerfolge also. Sie ließen die Experten darüber nachdenken, ob die Tiefenhirnstimulation nicht auch bei anderen Krankheiten einzusetzen wäre - Krankheiten wie der Dystonie.

    Die Dystonie ist eine Erkrankung, die mit einer fortgesetzten Überbewegung verschiedener Muskeln einher geht. Die Patienten haben dadurch drehende Bewegungen von Kopf oder Arm, Rumpf. Sie haben Extremitäten, die in abnormen Positionen stehen. Dadurch kommt es zu einer entscheidenden Behinderung im alltäglichen Leben.

    Seit drei Monaten testen die Mediziner die Tiefenhirnstimulation bei Dystonie-Patienten - wobei sie die extrem feinen Elektroden natürlich in eine andere Region des Gehirns einpflanzen als bei Parkinson. Weltweit wurden bislang zwar nur rund 100 Patienten operiert. Aber die Ergebnisse waren so gut, dass Deutschl damit rechnet, dass die Tiefenhirnstimulation schon bald für die Dystoniebehandlung zugelassen wird.

    Wir wissen, dass 10.000de von Patienten mit Dystonien gibt. Und nun wird es in den kommenden Jahren darauf ankommen, die Richtmarken zu entwickeln, nach denen eine solche Therapie angeboten werden soll.