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Historie als Zeichentrick

Ari Folman war als Soldat der israelischen Armee am Libanonkrieg 1982 beteiligt. Seine Erlebnisse hat er in einem Film verarbeitet und dabei ungewöhnliche Mittel verwendet: "Waltz with Bashir" ist ein Dokumentarfilm im Animationsformat.

Von Josef Schnelle |
    Kann man vergessen, was nicht zu vergessen ist, traumatische Kriegserlebnisse etwa. Diese Frage stellt der Filmregisseur Ari seinem Freund Ori, der sich als Psychiater betätigt. Man kann offenbar, denn der Film "Waltz with Bashir” ist ein einziger Versuch, aus der dunklen Zone des Unbewussten wieder an die konkreten Erinnerungen heranzukommen. Regisseur Ari Folman gibt zu, dass dieser Film eine Art Selbsttherapie gewesen ist. Als 19-Jähriger ist er in den 80er-Jahren in den ersten Libanonkrieg Israels gezogen, viel zu jung und voller Angst. Nun quält ihn eine beängstigende Gedächtnislücke. Er besucht die Kameraden von einst und befragt sie nach ihren eigenen Erinnerungen: Ronny, der vom Schlachtfeld entkam und an der Küste entlang nach Hause schwamm. Carmi, der inzwischen in Holland lebt. Shmuel, den man in tiefster Dunkelheit noch am heftigen Patschouli-Duft erkennen konnte. Dror, der eine Panzereinheit kommandierte und unehrenhaft entlassen wurde und den legendären Kriegsberichterstatter Ron Ben-Yishai, der durchs Sperrfeuer tanzte. Der Film beginnt mit einer Albtraumsequenz. Kriegskumpel Boaz wird von 26 kläffenden Hunden verfolgt. Eines der Rätsel des Films, das schnell aufgeklärt wird.

    "Waltz with Bashir” ist ein Dokumentarfilm. Ari Folman hat mit den Soldaten von damals ausführliche Interviews geführt, diese Interviews mit einer Video-Kamera aufgezeichnet und sie dann als Flash-Animation nachzeichnen lassen. Es handelt sich also um einen Dokumentarfilm im Zeichentrickstil. Das gibt dem Filmemacher ungewöhnliche Freiheiten. Er kann Träume und Fantasien illustrieren und sich den Fragen des Erinnerns und Vergessens spielerisch und kreativ widmen. Er kann auch auf das heute bei Dokumentarfilmen so weit verbreitete Re-Enactment verzichten, also fiktive Spielszenen, in denen man etwa Soldaten einen Schützenpanzer besteigen sähe. Solche nachgestellten Wirklichkeitspartikel wirken immer falsch und klischeehaft. Bei "Waltz with Bashir” handelt es sich um eine Mischung aus in Zeichentrickform inszenierten Träumen und Erinnerungspartikeln und nachgezeichneten Interviews, deren Dreh- und Angelpunkt die Massaker sind, die christliche Falange-Milizen als Racheakt für einen Sprengstoffanschlag auf ihren Anführer Bashir Gemayel in den Palästinenserlagern von Shaba und Shatila anrichteten. Die reguläre israelische Armee schaute zu, wollte nicht wahrhaben, dass ihre Verbündeten tausende Menschen niedermachten. Ein Trauma, das Ari Folman und seine Generation bis heute umtreibt. Das Grundprinzip der Animation bringt die verschiedenen Elemente ästhetisch zusammen. Teure Schlachtszenen mit Panzern und Explosionen mussten nicht gedreht werden. Ari Folman, der selbst als gezeichnete Hauptfigur im Film vorkommt und dessen Originalstimme wie die der anderen Protagonisten im Film zu hören ist, antwortet auf die Frage, warum er einen Animationsfilm gemacht hat:

    "Von Anfang an sollte es ein animierter Film sein. Es gab einfach keine andere Möglichkeit für mich, diese Geschichte zu erzählen. Schließlich geht es um verlorene Erinnerungen und wie sie wiedergefunden werden, um Träume und das Unterbewusstsein. Da gab es für mich gar keinen anderen Weg, das auszudrücken."

    Tatsache ist: In der Abstraktion des gezeichneten Films kann alles nebeneinander und gleichwertig erzählt werden. Faszinierend und mühelos bewegt sich der beeindruckende Essay-Film durch Zeit und Raum, durch Fantasie und Traum. Und wirklich realistisch kann man schreckliche Vorgänge sowieso nicht erzählen. Weswegen auch die Kriegsszenen, die sonst als Actionszenen ihre eigene Dynamik entwickeln, sich in diesen abstrakten Reigen einfügen. Diese innovative Ästhetik kann nur aufgehen mit einer kongenialen Grafik und Animation, die Art-Director David Polonsky geschaffen hat. "Walz with Bashir” geht ästhetisch neue Wege und nutzt alle Mittel des Kinos um seine Geschichte und seine politische Botschaft gegen den Krieg an den Mann zu bringen. Ganz sicher ist dies der aufregendste Film des Jahres. Zu Rockmusik ziehen die Soldaten in die Schlacht, und sie wissen doch schon, dass sie sterben könnten, ihr Leben jedenfalls nie wieder das sein wird, was es vorher war.