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StartseiteKultur heute"Als Monument gedacht"10.08.2019

Historiker Michael S. Cullen über das Reichstagsgebäude "Als Monument gedacht"

Sommerreihe „Wendepunkte: Vorher – Nachher“

Für Historiker und Autor Michael S. Cullen ist der Reichstag mehr als Versammlungsort des Parlaments: er sei "von vornherein als Monument gedacht". Heute, knapp 25 Jahre nach der Verhüllung durch Christo, wünscht sich Cullen wieder mehr Verweise auf seine wechselvolle Geschichte in seinen Mauern.

Michael S. Cullen im Gespräch mit Beatrix Novy

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Verhüllter Reichstag 1995, ein Projekt von Christo und Jeanne-Claude (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
Verhüllter Reichstag, ein Projekt von Christo und Jeanne-Claude (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
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Als 1995  Christo und Jeanne-Claude den Berliner Reichstag verhüllten, wurde ein Volksfest daraus. Und auf jeden Fall ein Wendepunkt in der mehr als einhundertjährigen Geschichte des Reichstags, sagt der US-amerikanische Historiker und Autor Michael S. Cullen im Dlf. Fünf Millionen Menschen hätten die Kunstaktion  selbst gesehen, 96 Prozent der erwachsenen Deutschen davon gewusst. Cullen: "Es war das Fest für die Wiedervereinigung, das gefehlt hatte."  Auch im Osten, wo manche das Ereignis vielleicht anders gesehen hätten, habe es keine Feindseligkeit gegeben.

Verhüllt das stärkste Symbol

Die Geschichte des Reichstages sei auch die der Wendepunkte deutscher Geschichte, von der die  Reichsgründung im Jahr 1871 bis zum fertigen Umbau 1999. Dass es sowohl um Paul Wallots Bau 1884 als auch um den Umbau durch Norman Foster viele Debatten gab, sei laut Cullen ganz normal. Denn ein Parlament sei nun mal kein Bürogebäude, sondern ein hochsymbolischer Ort. Der Reichstag sei von Anfang an als Monument gedacht, nicht anders als in anderen Ländern.

Bewahrer der russischen Graffitis

Michael S. Cullen hat selbst für einen Wendepunkt der Gedenkkultur gesorgt: Er setzte sich dafür ein, dass die Graffiti der Soldaten der Sowjetarmee aus dem Jahr 1945, die beim Umbau zutage kamen, erhalten blieben. Einige, sagt Cullen, wurden doch entfernt, aber immerhin nicht vernichtet, sondern eingelagert.

Historiker Michael S. Cullen steht vor einem Bücherregal mit zahlreichen Notizen. (imago images / Manja Elsässer)Historiker Michael S. Cullen in Berlin (imago images / Manja Elsässer)

Abgeklungen sei die große Diskussion um Hans Haackes seinerzeit irritierende Installation mit dem Titel "Der deutschen Bevölkerung". Dieser Titel sollte die alte Aufschrift "Dem deutschen Volke" ergänzen. Aber auch um diese Inschrift habe es laut Cullen zwischen 1893 bis 1916, also über 20 Jahre lang, Streit gegeben, bevor sie angebracht wurde. Warum also nicht auch heute wieder?", fragt Cullen.

"Je mehr Diskussion, desto besser"

Und auch für mehr Symbolik setzt Michael Cullen sich ein. Die Parlamente in Paris, Washington, London und anderswo benützten ihre Häuser, um ihre Geschichte darzustellen. Nur im Reichstag sei alles stilbereinigt, und damit auch weitgehend geschichtsbereinigt. "Man sollte wagen", sagt Cullen, "mehr von den  alten Parlamentariern - Reichensberger, Windhorst, Bamberger - da hineinzubringen, damit die Mitglieder des Bundestages und die Besucher  etwas mehr von der Geschichte erfahren, als es heute der Fall ist."

Michael S. Cullen ist ein US-amerikanischer Historiker und Publizist. Er lebt seit 55 Jahren in Berlin. In vielen Veröffentlichungen hat er sich mit Berliner Themen und insbesondere der Baugeschichte beschäftigt, mehrfach mit dem Reichstags-Gebäude. Wesentlich beteiligt war Cullen an der Reichstagsverhüllung 1995 durch Christo und Jeanne-Claude.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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