NSDAP-Mitgliederkartei
Historiker Spohr warnt vor Verharmlosung von NS-Familiengeschichten

Das US-Nationalarchiv und mehrere deutsche Medien haben die Mitgliederkartei der NSDAP online aufbereitet. Viele Deutsche nutzen das, um zu ihrer eigenen Familiengeschichte zu recherchieren. Der Historiker Johannes Spohr sieht dabei auch die Gefahr von Verharmlosung.

    Mitglieder der NSDAP stehen am 9. November 1934 vor der Münchner Feldherrnhalle anlässlich der Gedenkfeier zum vor elf Jahren gescheiterten Hitler-Putsch.
    Mitglieder der NSDAP am 9. November 1934 in München (picture-alliance / dpa)
    Er hat mit dem Evangelischen Pressedienst über seine Beobachtungen gesprochen. Der Historiker hilft Menschen schon länger bei der Archivrecherche und sagt, die meisten Leute seien aufgeschlossen und reflektiert. Früher hätten es Angehörige oft geleugnet oder relativiert, dass ihre Vorfahren bei der NSDAP waren. Doch jetzt wachse der Anteil der Menschen, die das nicht schlimm finden - oder sogar gut. Spohr rät Institutionen dazu, sich auf eine neue Welle rechter Ahnenforschung vorzubereiten - die immer mehr eine "Stolz-Geschichte" werde.
    Studien belegen, dass viele Menschen glauben, die eigenen Vorfahren seien entweder selbst Opfer des Nationalsozialismus gewesen oder hätten Verfolgten des Regimes geholfen. Doch nun wachse der Anteil der Menschen, die eine Täterschaft unkritisch betrachteten. Aus Relativierung oder Verdrängung könne Akzeptanz werden, sagte Spohr. Bekannte AfD-Politiker bereiteten dafür den Boden. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Krah habe beispielsweise gesagt, dass die eigenen Vorfahren keine Verbrecher seien. Parteichefin Weidel wiederum verweise gerne auf die Flucht- und Vertreibungsgeschichte ihrer Familie und habe sich dabei unter anderem geweigert, den polnischen Namen des Heimatorts ihrer vertriebenen Familie zu nutzen. Zugleich behaupte sie, von der NS-Karriere ihres Großvaters nichts gewusst zu haben.
    Rechtsextreme Einstellungen entstünden heute nicht deshalb, weil Menschen zu wenig über den Nationalsozialismus wüssten, betonte Spohr. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass immer neue Enthüllungen über NS-Bezüge innerhalb der AfD die Partei nicht geschwächt hätten.
    Diese Nachricht wurde am 12.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.